Der Wind hat gedreht
Eine Analyse von Claudia Blumer. Aktualisiert am 24.01.2012 88 Kommentare
Aufgeheizte Stimmung an der Albisgüetli-Tagung 2012: Christoph Blocher streitet mit «Tages-Anzeiger»-Autor Constantin Seibt. (Video: Jan Derrer)
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Schon der Gastgeber nutzte seine Begrüssungsansprache für einen Rundumschlag gegen die Medien. Alfred Heer, Präsident der SVP Kanton Zürich, eröffnete die Albisgüetli-Tagung am Freitag mit einer Anekdote. Ein Journalist der «NZZ am Sonntag» habe ihn gleichentags angerufen und gefragt, ob es eine Schlagzeile gebe. «Meine Damen und Herren», schloss Heer, «eine gute Schlagzeile für die ‹NZZ am Sonntag› ist in den meisten Fällen eine schlechte für die SVP».
Weiter habe der Journalist gefragt, ob die Affäre Hildebrand gut oder schlecht sei für die SVP. «Die Fragestellung des Journalisten war vielleicht entlarvend für die Denkweise in den meisten Redaktionsstuben», mutmasste Nationalrat Heer. Und folgert: «Wenn es einzelnen Journalisten nur noch darum geht, wie können wir der SVP möglichst grossen Schaden zufügen, ist etwas nicht in Ordnung.»
Diesmal ging Blocher auf die Privaten los
Schon an der letztjährigen Albisgüetli-Tagung waren die Medien ein Thema. Damals ging es um die SRG, den Generaldirektor Roger de Weck («SVP-Hasser») und das neue, zu ausgeglichene «Arena»-Konzept. Diesmal nahmen die Redner die privaten Medien ins Visier. Die SRG war am Freitag nur noch eine Randnotiz. SVP-Vizepräsident Christoph Blocher konzentrierte sich auf die Medienhäuser Tamedia und NZZ, im Grunde hätten wir nur noch diese zwei «flächendeckenden Zeitungsverlage».
Blocher widmete seine detailreiche Chronologie der Hildebrand-Affäre den «roten Journalisten», die Hildebrand im «Tages-Anzeiger», im «Magazin», in der NZZ sowie der «NZZ am Sonntag» hochgejubelt und parallel dazu ihn, Blocher, niedergeschrieben hätten. Er unterstellt einem Chefredaktor Geschwafel und spricht vom «Tages-Anlüger».
Negative Presse hat Blocher geholfen
Was ist geschehen? Der Aufstieg der SVP in den vergangenen 20 Jahren ging Hand in Hand mit den Medien. Dass Blocher von diesen niedergeschrieben wurde, hat ihm zum Erfolg verholfen. So hielt nach dem Erdrutschsieg der SVP im Herbst 2007 eine Studie der Universität Zürich fest, dass der SVP gerade die negative Berichterstattung geholfen habe. Die Partei habe sich so als oppositionelle Kraft ausserhalb des etablierten Systems darstellen können. Negative Berichterstattung war für die SVP immer doppelt hilfreich: Sie mobilisierte deren Wählerschaft, gleichzeitig erlaubte sie es den SVP-Exponenten, sich über die Medien zu beschweren.
Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Medien und der SVP war gegenseitig. Themen wie Kriminalität und Ausländer garantieren den Medien Aufmerksamkeit. Und die Journalisten wurden nirgends so gut bedient wie bei der SVP, auch mit der Lieferung von Schlagzeilen per Anfrage. Keine andere Partei hat ihre Medienstelle so gut ausgerüstet, keine andere beantwortet Medienanfragen so zuverlässig.
Verbale Hüftschüsse
Doch im Oktober 2011 hat der Wind gedreht. Die SVP hat zum ersten Mal seit 20 Jahren Wähleranteil verloren. Die Partei ist verwirrt, so rasch befreit sie sich nicht aus dem Schockzustand. Auch in diesem Wahlkampf hatte die SVP mehr Publizität als alle anderen Parteien. Ob ihr dies genützt oder geschadet hat, ist nun jedoch nicht mehr so klar. Es ist der SVP nicht egal, wie Alfred Heer gesagt hat, ob ihr ein Engagement nützt oder schadet. Aber die Partei weiss noch nicht, welche Strategie sie hinsichtlich der Zusammenarbeit mit den Medien einschlagen soll.
Die verbalen Hüftschüsse an der Albisgüetli-Tagung, vorgetragen in verächtlichem Ton, verfehlten ihre Wirkung bei den SVP-Freunden nicht. In den Redepausen, wenn nicht gerade Heer oder Blocher über die Journalisten schimpften, übernahmen das Leute aus dem Publikum, die im Vorbeigehen gehässige Kommentare abfeuerten oder einzelnen Journalisten an den Kopf warfen, sie sollten «nicht immer so Seich» schreiben.
Weshalb taten sich die Journalisten das überhaupt an? Nicht nur, weil man sich Neuigkeiten zum Fall Hildebrand oder zur Bankenregulierung erhofft hat, sondern auch wegen der hohen Einschaltquoten. Sprich: Die Hassliebe zwischen der SVP und den Medien ist kompliziert geworden.
Erstellt: 24.01.2012, 13:36 Uhr
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88 Kommentare
Tja....was sagt man da? Die Medien haben offenbar der SVP geholfen gross zu werden. Ich habe mich immer gewundert, wieso sie u.a. Chr.Blocher immer ihre Plattform zur Verfügung stellten und noch stellen. Das hier ist anscheinend die Antwort. Und liebe Medienleute, tut ihr das weiterhin? Als Leser hat man allmälich genug von diesem ewigen Gepolter. Es bleibt ein müdes Lächeln. Antworten
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