Der Verein, der die Banken entmachten will

Ein unbekannter Verein lanciert heute Dienstag die Vollgeldinitiative. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine Gruppe von Utopisten. Doch sie erhält tatkräftige Unterstützung – auch von einem Schweizer des Jahres.

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Sie wollen nichts Geringeres als die Wirtschaftsordnung umkrempeln. Das Geldsystem dürfe nicht länger den Banken dienen, sondern den Menschen. Dazu lanciert ein bisher unbekannter Verein die sogenannte Vollgeldinitiative. Das Ziel: Nur noch die Nationalbank soll Geld herstellen dürfen, den Banken soll verboten werden, Kredite über Beträge vergeben zu dürfen, die nur in ihren Büchern existieren (siehe Box). Heute Dienstag beginnt die Unterschriftensammlung.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als stecke hinter der Initiative eine unstrukturierte Gruppe von Utopisten. Der Verein heisst Momo, die Abkürzung steht für Monetäre Modernisierung. Doch der Bezug zum literarischen Namensvetter sei durchaus gewollt, sagt der Präsident Hansruedi Weber auf Anfrage. Denn «Momo»-Autor Michael Ende habe sich jahrelang mit Geldschöpfung befasst.

Primarlehrer, Elektriker, Wirtschaftsprofessor

Momo-Präsident Weber ist ein pensionierter Primarlehrer, der Philosophie, Volkswirtschaft, Wirtschaftsethik und Staatsrecht studiert, aber kein Studium abgeschlossen hat. 2008 sprang der Funke auf ihn über, als er das Buch «Geldschöpfung in öffentlicher Hand» las. «Die Autoren Joseph Huber und James Robertson haben mich darüber aufgeklärt, dass sich der Staat die Kontrolle über das Geldregal aus der Hand nehmen liess.» Ihm sei sofort klar geworden, dass dies unhaltbar sei und dass die Schweiz vielleicht das einzige Land auf der Welt sei, in dem das Volk die Möglichkeit habe, das zu ändern.

Nicht nur Weber ist ein Unbekannter in der nationalen Politik, auch die übrigen Mitglieder des Vorstands. Der Geschäftsführer, Daniel Meier, ist gelernter Elektriker, der heute nach eigenen Angaben im soziokulturellen und ökosozialen Bereich arbeitet. Als Kampagnenleiter verpflichteten die beiden den Deutschen Thomas Mayer, der sich in seinem Heimatland für die Förderung der Demokratie einsetzt, Bücher schreibt und Kurse in Meditation erteilt. Auch der Mann mit dem höchsten akademischen Grad im Vorstand studierte zwar in Zürich, wirkt heute aber primär im Ausland: Der 40-jährige Mark Joób ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und lehrt an der westungarischen Universität Sopron.

Von AL bis SVP

Politische Erfahrung ist im Verein dünn gesät. Zwei Mitglieder sind beziehungsweise waren Mitglieder von kantonalen Parlamenten, einer für die FDP im Kanton Zug, einer für die AL in Schaffhausen. Keine Partei, keine Organisation hat dem Verein bisher die Unterstützung zugesichert. «Es hat sich gezeigt, dass es ein Nachteil ist, dass unsere Initiative keine parteipolitischen Interessen vertritt, sondern uns alle angeht», sagt Weber. Doch die Unterstützung einer einzelnen Partei wäre ohnehin nicht in seinem Sinne. «Das ist ein Thema, bei dem wir alle zusammenspannen müssen.» Tatsächlich scheint Webers Anliegen die Parteigrenzen zu sprengen: Vor wenigen Tagen hat sich auch der Präsident der SVP Spiez Momo angeschlossen.

Doch Momo ist wesentlich breiter abgestützt, als es die Zusammensetzung des Vorstands erahnen lässt. Weber gelang es, prominente Vertreter der Wissenschaft in einem Beirat zu versammeln, der die Arbeit des Vereins begleitet. Zuallererst erklärte sich ein akzentuierter Währungsreformer und Wachstumskritiker bereit, sich für die Vollgeldinitiative zu engagieren: Hans Christoph Binswanger, emeritierter Volkswirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen. Der 84-jährige wurde Anfang Jahr von der «Schweiz am Sonntag» zu einem der einflussreichsten Ideengeber und Themensetzer der Schweiz erkoren. Er belegte – einen Platz vor Roger Schawinski – den 11. Rang, nur zwei Forscher lagen vor ihm. Binswanger ist inzwischen zurückgetreten (aus Altersgründen, wie der Verein sagt), doch er war gewissermassen der Türöffner zur Wissenschaft. Heute umfasst der wissenschaftliche Beirat vier Akademiker, unter anderen den emeritierten Staatsrechtsprofessor Philippe Mastronardi und den emeritierten Professor für Wissenschaftsethik Peter Ulrich.

Landesweit bekannte Prominente

Selbst in der Wirtschaft und in der Verwaltung fand Weber Fürsprecher für die neue Wirtschaftsordnung. Unter anderen Reinhold Harringer, der 22 Jahre lang das Finanzamt der Stadt St. Gallen leitete. Harringer wurde bei seinem Rücktritt als «ausgewiesener Spezialist in Fragen des öffentlichen Rechnungswesens» gelobt und ist der Miterfinder der sogenannten Zeitvorsorge. Dabei betreuen leistungsfähige Rentner und Rentnerinnen die weniger leistungsfähigen und erhalten dafür Zeitgutschriften. Das Projekt ist gestern Montag in St. Gallen gestartet worden.

Doch zur Vollgeldinitiative bekennen sich auch landesweit bekannte Personen. Etwa der frühere TA-Journalist Philipp Löpfe, der Alt-Nationalrat und Badener Gemeindeammann Geri Müller (Grüne), der Künstler Gottfried Honegger und der Kabarettist Emil Steinberger. Und Hans Rudolf Herren, der Schweizer des Jahres 2013 in der Kategorie Gesellschaft und Träger des Alternativen Nobelpreises, lässt sich auf der Website der Initianten mit der Aussage zitieren: «Die Schweiz hat als einzige Nation die Möglichkeit, mittels direkter Demokratie eine gerechtere Geldordnung einzuführen.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.06.2014, 09:03 Uhr)

Umfrage

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11.0%

1680 Stimmen


Die Idee hinter der Vollgeldinitiative

Die Verfechter der Vollgeld-Theorie orten die Wurzel des Übels im Kreditwesen der Banken. Indem diese Kredite vergeben, schaffen sie dauernd neues, eigentlich fiktives Geld, sogenanntes Buch- oder Giralgeld. Dieses existiert nur elektronisch (früher in den Büchern), erweitert aber die umlaufende Geldmenge. Sobald ein Kredit zurückgezahlt ist, ist das Geld wieder verschwunden.

Nur ein geringer Teil des Geldes ist «richtiges Geld» (Zentralbankgeld, Münzen und Noten), für welche die Nationalbank garantiert. Weil Banken zur Kreditvergabe nur eine kleine Fraktion von Zentralbankgeld vorhalten müssen, können sie praktisch beliebig Buch- oder Giralgeld schöpfen - und dieses neben Krediten auch zur Spekulation einsetzen.

Nun verdienen Banken mit den Kreditzinsen ihr Geld. In guten Zeiten führt das zu grosszügiger Kreditvergabe, fliessen die Ausstände doch samt Zins zurück. Wird es enger, fürchten die Banken Ausfälle und drehen den Hahn ab. Wegen des dadurch knapperen Geldes steigt wiederum das Ausfallrisiko. Hier setzt das Vollgeld den Hebel an. Im Vollgeld-System wäre den Banken die Möglichkeit genommen, Kredite sozusagen aus dem Leeren zu schöpfen. Sie könnten nur noch «richtige» Einlagen ausleihen, Spargelder also. (sda)

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