Der Sieger spricht von Demut, die Verliererin ist halbwegs zufrieden
Von Jean-Martin Büttner, Bern. Aktualisiert am 07.03.2011 5 Kommentare
Bloss ein Etappensieg
Analyse von Claude Longchamp
Am meisten beeindruckt den Politologen die Wahlbeteiligung. Auch im zweiten Wahlgang, sagt Claude Longchamp, hätten die Konkurrenten über 46 Prozent der Wahlbevölkerung mobilisiert. Das sei deutlich mehr als bei den letzten Berner Regierungs- und Parlamentswahlen. Dazu beigetragen habe der polarisierende Entscheid zwischen zwei politischen Programmen und ihren Vertretern.
Der Berner Ständeratswahlkampf war im Voraus als Richtungswahl für die nationalen Wahlen gewertet worden. Das extrem knappe Resultat lasse aber keine eindeutigen Schlüsse zu, sagt Longchamp. Klar sei nur, dass die Mobilisierung über Galionsfiguren weit besser funktioniere als über die Parteien.
Für den Kanton Bern zeige das Resultat zweierlei. Einerseits habe die Berner SVP die Abspaltung der BDP sehr gut verkraftet. «Sie hat sich innerlich gefestigt und agiert heute zentralistischer: Die Kantonalpartei hat zusätzlich an Macht gewonnen.» Dennoch habe Adrian Amstutz nicht das gesamte bürgerliche Potenzial mobilisieren können, das müsse er «als leichten Dämpfer» hinnehmen, stellt Longchamp fest. Immerhin wähle der Kanton Bern mehrheitlich bürgerlich.
Dass die SP-Kandidatin Ursula Wyss verloren hat, wenn auch sehr knapp, erklärt sich Longchamp mit der etwas tieferen Wahlbeteiligung im Berner Mittelland: «Dort ging ein Teil der bürgerlichen Mitte nicht wählen.» Dabei habe Ursula Wyss «flächendeckend und stark aufgeholt», alleine in den Agglomerationen Biel und Bern um 15 beziehungsweise 18 Prozent. Für Longchamp sind damit die Gesamterneuerungswahlen für die Berner Ständeratssitze im nächsten Herbst offen. Sollten sich BDP und FDP nicht auf einen Kandidaten einigen, könnte die SP – trotz Konkurrenz der Grünen – ihre Kandidatin im zweiten Anlauf doch noch durchbringen.(jmb.)
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Für einmal bekommt die Verliererin den lauteren Applaus als der Sieger. Als Ursula Wyss am Sonntagnachmittag das Berner Rathaus betritt, wird sie gefeiert wie eine Gewinnerin. Man kann das nachvollziehen: Obwohl die Berner SVP ihre Wahlkämpfe straff nach Zürcher Art organisiert und den ganzen, bürgerlich gesinnten Kanton mit dem Kopf ihres Kandidaten Adrian Amstutz bedeckte, holte seine linke Konkurrentin seit dem ersten Wahlkampf fast überall auf.
Dennoch hat es ganz knapp nicht gereicht: Amstutz erreichte bei der Stichwahl mit relativem Mehr 163'537 Stimmen, Wyss kam auf 159'900. Obwohl die Wahlzettel im letzten Moment verschickt wurden, liegt die Wahlbeteiligung bei sehr hohen 46,3 Prozent – was zeigt, wie stark die Nationalratswahlen im Herbst schon jetzt zu reden und zu entscheiden geben.
Die SVP greift die BDP an
Der Sieger dieser Wahl gibt sich unerwartet zurückhaltend, die Verliererin kämpferisch. Adrian Amstutz, für sein aggressives Auftreten berüchtigt, spricht wohl erstmals in seinem Leben von der Demut, mit der er das neue Amt antrete. An seinen Überzeugungen werde sich aber nichts ändern, sagt er. Dass ihn weder der Freisinn noch die – von der SVP abgespaltene – BDP unterstützt habe: Das werde sich auf die Strategie seiner Partei auswirken.
Der Berner SVP-Präsident Rudolf Joder wird deutlicher: «Es wird im Herbst sehr eng für Werner Luginbühl von der BDP.» Dass dessen Partei Amstutz nicht unterstützt habe, sei in der Bevölkerung «sehr schlecht angekommen». Joder spielt auf die nationalen Wahlen im Herbst an, wo auch die Berner Ständeräte neu gewählt werden. Dabei wird die SP mit der Konkurrenz der Grünen zu rechnen haben. Ihr Kandidat Alec von Graffenried nennt die Wahl von Adrian Amstutz übrigens «eine beunruhigende Premiere»; zum ersten Mal habe die SVP mit einem extremen Kandidaten in Bern einen Ständeratssitz gewonnen.
Verhaltene Kritik an Wyss
Bei der SP versucht man, die Niederlage zum Sieg umzudeuten. Sie habe viel Unterstützung von der Mitte erhalten, sagt Ursula Wyss, das sei sehr ermutigend. Ob sie im Herbst nochmals antritt, lässt sie offen. Auf Nachfrage räumt sie ein, dass sie auch enttäuscht sei: «Ich hätte im eigenen Quartier die nötigen Leute noch auftreiben können; ja, das ist ärgerlich.» Der Berner SP-Parteipräsident Roland Näf verbreitet grosse Zufriedenheit. Rot-Grün erreiche in seinem Kanton 29 Prozent der Wählerstimmen; so gesehen, habe Wyss sehr gut abgeschlossen. In Anspielung auf Amstutz und Luginbühl sagt er: «Zwei rechte Männer aus dem Berner Oberland vertreten in keiner Weise unseren Kanton.»
Das sieht auch André Daguet so, der scheidende Berner SP-Nationalrat und ehemalige Generalsekretär der Partei: «Die BDP hat ihren Sitz praktisch jetzt schon verloren.» Ob die SP nochmals mit Ursula Wyss antreten wird, bleibt offen. Verhalten wird in der Partei kritisiert, die Wahl sei mit dem Bieler Hans Stöckli eher zu gewinnen gewesen.
Und da steht noch ein fülliger Selbstdarsteller, der nichts geleistet hat und trotzdem zu den Gewinnern zählt: Thomas Fuchs nämlich von der Stadtberner SVP, ein greller Blocherist, rutscht für Amstutz in den Nationalrat nach. Das stehe ihm auch zu, sagt er gut gelaunt: Bei den letzten Wahlen hätten ihm bloss 260 Stimmen gefehlt. Schon wieder ein Verlierer, der sich als Sieger feiert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.03.2011, 22:03 Uhr
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5 Kommentare
Ich gratuliere Herrn Amstutz zum Einzug in den Ständerat, und ebenfals Herrn Fuchs zum neuen Amt als Nationalrat.
Auch wenn der Verfasser des obigen Textes, Herr Jean-Martin Büttner, wie ich vermute kein Sympatisant der SVP ist, finde ich es nicht unbedingt angebracht Thomas Fuchs so zu beleidigen.
Eine Entschuldigung wäre da angebracht wie ich finde.
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