Schweiz
Der Kampf um Lehrlinge beginnt
Von Michael Widmer. Aktualisiert am 29.01.2010
Blendende Aussichten: Wer Heizungsinstallateur werden will, hat gute Chancen auf eine Stelle. (Bild: Keystone)
An Angeboten mangelt es nicht
Das Angebot an Lehrstellen ist so gut wie selten, sagt der Bund. Doch die Wirtschaftskrise könnte das noch ändern.
«Der Lehrstellenmarkt präsentiert sich derzeit in erstaunlich guter Verfassung. Für das Jahr 2010 weisen Kantone wie Zürich und Bern Höchststände im Angebot von Lehrstellen aus», berichtet Ursula Renold, Direktorin des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT). Allerdings beobachte sie die gegenwärtige Situation mit angezogener Handbremse. Die Wirtschaftskrise könnte die Lage rasch verändern. «Gerade wenn die Kurzarbeit ausläuft, könnte es verstärkt zu Konkursen kommen, wovon natürlich auch Lehrstellen betroffen wären», gibt Renold zu bedenken. Und sie sagt klar: «Dann müssten wir sofort handeln.»
Konzept bereit
Nach Auskunft des Staatssekretariates für Wirtschaft (Seco) werden zumindest bis nächsten Sommer voraussichtlich nur wenige Betriebe die 18-monatige Kurzarbeit beenden. Zwar haben zwischen Oktober 2008 und Februar 2009 über 1500 Betriebe Kurzarbeit eingeführt. Doch gerade mal 25 Unternehmen haben die Unterstützung inzwischen während 12 Monaten bezogen. Alle anderen haben die Kurzarbeit entweder unterbrochen oder beendet.
So oder so haben Bund und Kantone ein Konzept ausgearbeitet. So gelte es, zu prüfen, ob es für betroffene Lernende Alternativen gebe, erklärt Renold. Je nach Branche sei dies gut möglich. «Im technischen Bereich zum Beispiel gibt es für Lernende – wie Spengler oder Automatiker – Möglichkeiten, von der Maschinenindustrie in die Energiebranche zu wechseln», sagt sie.
Renold mahnt die Betriebe, trotz Krise weiter Lernende auszubilden. «Wenn die Wirtschaft wieder anzieht, müssen sie auf Fachkräfte zurückgreifen können.»
In den letzten Jahren kämpften Wirtschaft, Behörden und Gewerkschaften mit einem Mangel an Lehrstellen. Jetzt ändert sich die Lage. Auf Grund der demografischen Entwicklung fehlt es zunehmend an Schülerinnen und Schülern. «Schon jetzt finden Gewerbebetriebe keinen Nachwuchs mehr», sagt Ursula Renold, Direktorin des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie. Gerade im Energiebereich herrsche ein grosser Mangel zum Beispiel an Spenglern, Sanitären oder Heizungsinstallateuren. Und die Informatikbranche habe seit je Mühe, ihren Lehrstellenmarkt stabil zu halten.
Login in der Offensive
Christof Spöring ist auf der Suche. Er amtet als Geschäftsführer von Login Berufsbildung in Olten, wo im Auftrag der Verkehrsbranche (u.a. SBB, Bernmobil und BLS) derzeit in 22 verschiedenen Berufslehren über 1800 Lernende ausgebildet werden. «Wir fragen uns schon, wie wir künftig zu unserem Nachwuchs kommen», sagt er. Während in den letzten Jahren alle Stellen rasch besetzt gewesen seien, habe er heute zum Beispiel im kaufmännischen Bereich noch Angebote offen. Das Unternehmen geht in die Offensive. «Wir müssen bekannter werden», ist sich Spöring sicher. Per Internet, wo Interessierten Filme und Blogs zur Verfügung stehen, mit mehr Werbung sowie mit Veranstaltungen in Schulen versucht Login den Nachwuchs für Verkehrsberufe zu begeistern. Neu soll mit dem Sponsoring eines Schulprojekts von Swissvolley Aufmerksamkeit geweckt werden.
Arbeitgeber: Wachsam sein
Thomas Daum, Direktor des Arbeitgeberverbandes, unterstützt solche Bemühungen. Es sei sinnvoll, wenn sich Ausbildungsbetriebe frühzeitig auf personelle Engpässe vorbereiteten. Branchenverbände würden bereits offensiv für ihre Lehrgänge werben, was positiv sei. Kleinen und mittleren Betrieben rät Daum, lokale Netzwerke zu nutzen, um an geeignete Lernende ranzukommen. «Wegen der Rezession ist der Kampf noch nicht so intensiv. Sobald die Wirtschaft anzieht, könnte sich das aber rasch ändern», mahnt er. Ein markanter Einbruch an Lehrstellensuchenden ist gemäss Statistik für das laufende und nächste Jahr zu erwarten.
«Fairplay» ausgehebelt
Manche Branchen und Unternehmen sind angesichts dieser Perspektiven offensichtlich nervös. Wie an einer Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung vom Mittwoch in Zürich zu erfahren war, wird der Nachwuchs trotz «Fairplay – die richtige Lehrlingsauswahl zur richtigen Zeit» wieder immer früher rekrutiert. Die vor fünf Jahren ins Leben gerufene Vereinbarung war zwar stets freiwillig, dennoch unterstützten zahlreiche Unternehmen die Idee, mit der Lehrlingsauswahl nicht vor dem 1.November zu beginnen.
Inzwischen scheinen die Zeiten für «Fairplay» endgültig vorbei: «Weil ich mit der Lehrstellenvergabe bis November oder Dezember gewartet habe, sind mir aussichtsreiche Kandidatinnen und Kandidaten abgesprungen oder abgeworben worden», beklagte Toni Blaser, Berufsbildner bei der Schwyzer Firma Victorinox in Zürich. Resultat: Die Lehrbetriebe buhlen bereits im Sommer um Schüler der zweiten Oberstufe. Gemäss der Meinung von Tagungsteilnehmern birgt diese Entwicklung allerdings das Risiko, dass Jugendliche zu früh an eine Lehrstelle gebunden werden und erst nach einigen Wochen im Lehrbetrieb feststellen, dass sie den falschen Weg eingeschlagen haben. Im schlimmsten Fall kommt es zu Vertragsauflösungen.
Bern und Bund gerüstet
Betroffen davon, aber auch von der demografischen Entwicklung sind auch die Berufsschulen. Im Kanton Bern hat man das Problem der sinkenden Schülerzahlen frühzeitig erkannt. Man rechnet bis 2015 mit einem Rückgang der Lernenden um 10 bis 15 Prozent. Das Projekt «Berufsschulorganisation» läuft. Dabei werden die Schulstandorte für 15 von 265 Berufen reduziert. Der Bund reagiert auf die Veränderungen in der Berufsbildung mit einem Masterplan. Entwicklungen wurden so frühzeitig erkannt und Massnahmen eingeleitet. (Berner Zeitung)
Erstellt: 29.01.2010, 07:23 Uhr





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