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Der Bund will die Elefantenrennen punktuell verbieten

Von Gregor Poletti. Aktualisiert am 31.01.2012 5 Kommentare

Minutenlange Überholmanöver von Lastwagen verärgern PW-Lenker und sorgen für Staus. Der Bund will solche Elefantenrennen auf Teilstrecken verbieten, um den Verkehrsfluss zu erhöhen. Auf Achse mit Chauffeur Simon Lenggenhager.

1/10 Überholmanöver wollen gut überlegt sein: Denn ein Lastwagenfahrer kann nicht schnell einmal Vollgas geben, um einen Kollegen zu überholen.
Bild: Gregor Poletti

   

Ausgangslage

Das Schweizer Nationalstrassennetz wird immer stärker beansprucht. Die Folge: Die Anzahl Staus nimmt stetig zu. Mit verschiedenen Massnahmen will das Bundesamt für Strassen (Astra) den Verkehrsfluss nun erhöhen. Nebst dem wohl effektivsten, der Beseitigung von Engpässen, sind drei Ansätze geplant: Die Umnutzung von Pannenstreifen, temporäre Temporeduktionen und Überholverbote für Lastwagen.

Elefantenrennen: Exponierte Stellen wie solche mit starkem Verkehrsaufkommen, längeren Steigungen und Tunnels sollen zeitlich beschränkt mit einem Überholverbot für Lastwagen belegt werden können. Davon betroffen sind 290 Kilometer des Nationalstrassennetzes, vor allem auf der A1 etwa zwischen Kriegstetten und der Verzweigung Wiggertal oder zwischen Schönbühl und Kirchberg. Auf weiteren 230 Kilometern soll ein Lastwagenverbot zumindest geprüft werden. Diese Massnahmen sollen laut Astra-Sprecher Thomas Rohrbach innerhalb der nächsten zwei Jahre realisiert werden. Insgesamt sind bis zu 40 Prozent des Nationalstrassennetzes von Lastwagen-Überholverboten betroffen. Dies hat auch zur Folge, das Chauffeure, welche sich nicht an diese Neuerungen halten, gebüsst werden können. Im Gegensatz etwa zu Deutschland kennt die Schweiz heute keine Bussen wegen Überholen bei zu geringer Differenzgeschwindigkeit.

In einer kleinen Serie beleuchtet diese Zeitung die drei wichtigsten Massnahmen, welche das Astra einführen will, um das Stauaufkommen zu vermindern.

Beurteilung

Das Bundesamt für Strassen (Astra) argumentiert, dass mit punktuellen, zeitlich begrenzten Überholverboten für Lastwagen der Verkehrsfluss auf der linken Spur verbessert werden kann. Laut Michael Gehrken, Direktor des Nutzfahrzeugverbandes Astag, ist dieses Verbot eine Notmassnahme, die wohl vor allem psychologisch wirke. Damit könnten die Automobilisten besänftigt werden. Tatsächlich zeigte ein Test auf der A1 zwischen Rothrist und Safenwil, dass die Geschwindigkeit auf der Normalspur um 1 km/h sank, auf der Überholspur aber lediglich um 1 bis 2 km/h anstieg.

Der Verkehrsfluss verbesserte sich zwar ein wenig, wie die Studie der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) aus dem Jahre 2009 zeigte: «Aber aufgrund der geringen Verkehrssicherheitsrelevanz eines solchen Überholverbotes sieht die BfU zurzeit keinen unmittelbaren Handlungsbedarf.» Auch Verkehrsexperten warnen vor allzu grossen Hoffnungen in diese Massnahme. Zu gross sind die Nachteile, wie ein erschwerter Spurwechsel, wenn man auf der Überholspur einem schnelleren Automobilisten Platz machen will, oder das durch Lastwagenkolonnen erschwerte Ein- und Ausfahren in die Autobahn. Auch gehäufte Lastwagen-Überholmanöver vor und nach solchen Verbotsstrecken sind zu erwarten. Selbst Astra-Sprecher Thomas Rohrbach kann nicht verhehlen, dass es sich auch um eine psychologische Massnahme für PW-Lenker handelt: «Damit kann sicher auch ein gewisses Mass an Aggressionen bei den Automobilisten abgebaut werden».

Bei einer Geschwindigkeitsdifferenz von 2 km/h dauert ein typisches Elefantenrennen drei Minuten und erstreckt sich über 4 Kilometer. Es geht auf der Fahrt mit Chauffeur Simon Lenggenhager und seinem 40-Tönner durchs Mittelland nicht lange, bis sich zwei Brummis ein solches Kräftemessen liefern. Ein ausländischer Transporter schert aus, um seinen Schweizer Kollegen zu überholen. Das dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis der Stärkere gewonnen hat. Derweil muss Lenggenhager vom Gas gehen und verliert so wertvolle Zeit. «Gerade ausländische Fernkraftfahrer stehen oft unter einem enormen Zeitdruck», erläutert Lenggenhager. Aber auch die Schweizer Chauffeure seien nicht davor gefeit, sich auf solche Überholmanöver mit zu geringer Differenzgeschwindigkeit einzulassen.

Negatives Image

Das hat auch die Branche erkannt und hat mit zwei Kampagnen 2001 und 2007 versucht, Gegensteuer zu geben. Doch der Appell an die Lastwagenfahrer, von Elefantenrennen abzusehen, verpuffte weitgehend. Dies obwohl Astag und Routiers Suisses gute Gründe aufführten. Nicht nur, dass 10 Prozent mehr Sprit verbraucht würden und sich der CO2 erhöhe: «Elefantenrennen verärgern die Automobilisten und tragen zu einem negativen Image des Strassentransports bei.» Das schlechte Ansehen bei der Bevölkerung kann Lenggenhager, der für Giezendanner Transport AG fährt, bestätigen: «Trotz diesen Widrigkeiten liebe ich meinen Job, da er mir viele Freiheiten lässt und ich nicht im Büro hocken muss.»

Doch auf der Fahrt nach Flüelen im Kanton Uri, wo Lenggenhager Flugasche aus deutschen Kohlekraftwerken für eine ideale Zementmischung abliefert, werden wir verschont von wütenden Lichthupen und Stinkefingern. Das liegt auch am Fahrstil des 28-Jährigen, der hoch konzentriert und defensiv fährt: «Mir ist lieber, ich komme ein paar Minuten später an, als dass ich mich auf gefährliche Manöver einlasse.» Sein Arbeitgeber stehe hinter dieser Philosophie, versichert Lenggenhager glaubhaft. Was nicht heisst, dass er nicht darauf bedacht ist, sein Tempo möglichst am Limit zu halten.

Nerven und Geduld

Dieses liegt bei seinem Brummi bei 89 km/h. Damit fährt er wirklich am Limit: Bei einer erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h plus der Toleranzgrenze von 5 Kilometern und einer Marge von ein paar Kilometern aufgrund der leicht höher eingestellten Tachos fährt er damit haarscharf an der Bussengrenze. Sobald er diese Geschwindigkeit erreicht, schaltet er den Tempomat ein. Aber die Lastwagen sind nicht nur unterschiedlich beladen und in einem unterschiedlichen technischen Zustand. Sie sind auch unterschiedlich plombiert, weisen also verschiedene Höchstgeschwindigkeiten auf. In gewissen europäischen Ländern liegt diese gar bei 90 km/h. Mit drastischen Folgen: Denn im Unterschied zum Personenwagen kann der Lastwagenchauffeur sein Gefährt nicht mal schnell auf eine höhere Geschwindigkeit drücken. Bei der plombierten Geschwindigkeit ist endgültig Schluss. «Manchmal braucht es schon Geduld und Nerven, einen Kollegen nicht zu überholen, der ein paar Kilometer langsamer fährt, als man eigentlich könnte», kommentiert Simon Lenggenhager.

Branche begehrt nicht auf

Zumal es immer enger wird auf den Schweizer Strassen. «Auf der A1 verkehren inzwischen täglich rund 10'000 Lastwagen», bestätigt Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen. Lastwagen-Überholverbote auf Teilstrecken mit besonders hohem Verkehrsaufkommen und besonders hohem Anteil an Schwerverkehr sowie auf Strecken mit längeren Steigungen und Tunnels sollen Abhilfe schaffen. «Wir wehren uns nicht mit Händen und Füssen gegen diese Massnahmen», betont Astag-Direktor Michael Gehrken. Und lässt damit durchblicken, dass er von dieser Einschränkung nicht allzu viel hält. «Gegen ein generelles Überholverbot hätten wir uns indes vehement gewehrt», sagt Gehrken.

Freie Fahrt

Derweil erreicht Lenggenhager seinen Ausgangspunkt in Rothrist, um eine neue Ladung aufzunehmen. Denn sein Tag ist noch lange nicht zu Ende: Bis zu zwölf Stunden ist er tagtäglich unterwegs. Er äussert zwar Verständnis für das geplante Teilverbot von Elefantenrennen: «Aber am wirksamsten wäre mehr Toleranz unter den verschiedenen Verkehrsteilnehmern.» Und er kann nicht verhehlen, dass dreispurige Autobahnen das Leben der Cammioneure stressfreier machen würden.

Er selber will diesen Beruf noch ein paar Jahre ausüben, bis er sich seinen lang gehegten Traum erfüllen kann: auf den Helikopter als Arbeitsgerät umzusteigen. Dann heisst es für Simon Lenggenhager endlich wieder: Freie Fahrt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.01.2012, 10:44 Uhr

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5 Kommentare

Sergej Barbarez

31.01.2012, 11:06 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Der Bund soll lieber etwas gegen die notorischen Linksschleicher unternehmen! Die "Elefantenduelle" sind mir 100 x lieber als Autofahrer, die nach einem Überholmanöver noch kilometerweit auf der linken Spur herumtuckern, statt Platz zu machen. Die "Elefanten" transportieren immerhin Güter, da haben wir alle etwas davon. Linksschleicher rauben einem die Nerven.. Bitte tut was dagegen! Antworten


Ralph Richter

31.01.2012, 14:09 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Wann packt der Bund das Übel der fehlenden Strasseninfrastruktur endlich an der Wurzel an? Auch weitreichende Überholverbote für Lkw bringen kaum eine effektive Verbesserung. Die CH hat mit der EU ein Landverkehrsabkommen unterzeichnet. Die EU erhält volles Transitrecht ihrer Lkw durch die CH. Das wird sich mit der NEAT nicht ändern, wenn Italien sein Schienennetz ab Grenze nicht ausbauen will. Antworten



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