Der Bombenwerfer zielt auch gegen die eigenen Leute
Von Verena Vonarburg. Aktualisiert am 30.01.2010
Artikel zum Thema
- Die wankelmütige Gabi Huber
- Die Mitte sucht ein Gegenmittel gegen die populäre Ausschaffungsinitiative
- «Den Schwarzen Peter an die UBS zurückgeben»
- Pelli verurteilt «politisches Gezänk» – und holt zum Rundumschlag aus
Stichworte
Man muss sich auf alles gefasst machen, wenn man mit ihm redet. Kann sein, dass er einem sachkundig und mit träfem Witz kompliziertestes Juristendeutsch begreiflich macht. Kann aber auch sein, dass er einem verbale Fäkalien entgegenschleudert. Nicht die Journalisten verflucht er dabei. Wie sollte er auch. Die Medien mögen seine direkte Art und noch mehr seine kernigen Zitate. Verflucht werden von ihm jene, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollen – die Zeichen, wie er sie sieht: Philipp Müller, 57, gelernter Gipser aus dem Aargau, der sich mit nie nachlassender Energie zum Generalbau- unternehmer und zum viel beachteten Kämpfer in der politischen Arena hochgearbeitet hat. Politik betreibt Müller mit Leidenschaft, mit technokratischer Akribie, aber auch ohne Rücksicht auf die Parteiraison, mit derbem Vokabular. Müller zum UBS-Streit mit den USA: «Die Scheisse ist angerichtet.» Müller zum Bankgeheimnis: «Der Fiskus wird beschissen.» Und Müller zum Verhältnis FDP zu den Grossbanken: Man müsse «den Bruch wagen» und der UBS im Steuerstreit mit den USA keine staatliche Hilfe mehr zukommen lassen. Dass einer vom rechten Rand des Freisinns das Bankgeheimnis totsagt, zeigt, wie weit ins bürgerliche Lager hinein das neue Denken Einzug gehalten hat. Und doch: Es war eine Provokation ohnegleichen – gerade gegen die eigene Partei. Müller beruft sich auf das Volk. «Bei meinen vielen Auftritten an der Basis habe ich realisiert, dass in der ganzen Sache etwas schiefläuft», dass das Vertrauen in die FDP schwinde. «Man fragt sich: Warum muss sich die FDP immer am lautesten vor diese UBS stellen?» Um den Brei herumreden, bringe nichts. Viele, sogar welche aus der Fraktion, würden ihm zuraunen, er habe recht, aber sie wollten sich nicht öffentlich exponieren.
«Hüftschüsse»
Raffiniert, diese Rollenteilung in der freisinnigen Partei, könnte man annehmen: Philipp Müller gibt den bösen Buben, der ausspricht, was andere nur denken. In der FDP-Bundeshausfraktion nimmt man ihm den Anti-Grossbanken-Feldzug aber mehrheitlich übel. Von «populistisch dumm» bis «schädlich» reichen die Kommentare. Namentlich wollte es keiner der Gesprächspartner so scharf formulieren. FDP-Nationalrätin Christa Markwalder, selber am linken Rand des Freisinns, attestiert Müller, er habe «keine Angst anzuecken, aber die Hüftschüsse führen nicht selten zu Konflikten und zu Verwirrung». Lob verteilt der Basler Freisinnige Peter Malama: Müller habe recht. Auch Fraktionskollege Walter Müller stützt Philipp Müller. «Er macht gute Arbeit.» Kollege Edi Engelberger sagt von Müller: «Er schiesst mit seiner Meinung sehr oft neben, hinten oder vorne hinaus, aber man hat sich an diese Eigenschaft gewöhnt.» Freunde hat Müller in den eigenen Reihen wenige. Er kann charmant sein, aber so richtig warm wird man nicht mit ihm. Er wählt lieber den Alleingang als eine Allianz. Mit einem spektakulären Sololauf hatte sich Müller im Jahr 2000 auch national bekannt gemacht. Die 18-Prozent-Initiative hatte er fast ganz allein zustande gebracht. Das Volk folgte ihm allerdings nicht bei seinem Ansinnen, den Ausländeranteil in der Schweiz mit einer starren Quote zu begrenzen.
Seit 2003 sitzt Müller im Nationalrat. Für die FDP ist er eine schwer kontrollierbare Grösse, aber nicht einfach ein politischer Irrläufer. In der Ausländerpolitik ist er der unbestrittene Fachmann, der die Partei antreibt. Eben erst hat er einen direkten Gegenvorschlag zur SVP-Ausschaffungsinitiative präsentiert. Obwohl den Positionen von Blochers Partei oft sehr nahe, sucht er die Kooperation mit der SVP nicht. SVP-Nationalrat Hans Fehr bedauert es: «Er könnte eine gute Brückenfunktion zwischen SVP und FDP spielen, aber das Ego steht ihm im Weg.» Müller verwahrt sich gegen den Vorwurf, er mache Sololäufe. «Ich chrampfe wie ein Tubel für diese Partei.»
«Mediengeil? Chabis!»
Ein weiteres seiner Kampffelder ist die Personenfreizügigkeit. Obwohl Befürworter, setzt er sich laut mit den negativen Folgen des Abkommens auseinander. Und hat Parteipräsident Fulvio Pelli dazu gebracht, öffentlich Retuschen zu verlangen. SP-Nationalrat Mario Fehr attestiert Müller im Dossier Personenfreizügigkeit «Kompetenz, auch wenn ich sonst seine Haltung nicht teile. In letzter Zeit ist er aber zu oft der medialen Versuchung erlegen.» «Mediengeil? Chabis!», entgegnet Müller. Er habe in der UBS-Sache gerade diese Woche zahlreiche Anfragen für Medienauftritte abgesagt mit dem Hinweis, man möge sich für eine Einschätzung doch bitte an die FDP-Spitze wenden. Philipp Müller, so eigenbrötlerisch, zahlenfixiert und detailversessen er politisiert, ist für die FDP Schweiz ein wertvolles Mitglied. Die Partei verdankte ihm sein Engagement für die FDP mit einer Auszeichnung. 2008 erkor ihn die Parteispitze zu einem «Leuchtturm», einem von drei Exponenten, die die FDP verkörpern sollen. Logisch, dass man dadurch den Schwierigen auch besser einzubinden suchte. Müller aber will kein Leuchtturm sein. «Was soll das? Ich betrachte mich als Volksvertreter und nicht als Parteisoldat.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.01.2010, 13:17 Uhr
Schweiz
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!





