Den nächsten Wolf sollen die Hunde vertreiben
Von Erika Burri, Alp Véla. Aktualisiert am 20.08.2009 10 Kommentare
Als die Wildhüter am Donnerstag auf der rechten Talseite des Val d’Illiez im Unterwallis den Wolf nach zwei Wochen Jagd endlich schossen, war es auf der anderen Seite des Tals, auf der Alp Véla, noch dunkel. Die 200-Hektar-Alp der Familie Mottiez ist steil, so steil, dass gelegentlich ein Schaf den Hang hinunterkugelt. Das geschieht vor allem dann, wenn ein Schaf in Panik gerät – und das war in jüngster Zeit oft der Fall.
Der nun tote Wolf, für viele «das Monster vom Wallis», hat zwischen Mai und Juli von der 750 Tiere zählenden Herde der Mottiez’ 52 gerissen. Einmal 12 aufs Mal. Überreste der Angriffe liegen noch heute auf den Wiesen. Es sind Wollknäuel verteilt im Hang.
Wer einen Herdenschutzhund hat, ist für den Wolf
Seit drei Generationen besitzt und betreibt Familie Mottiez die Alp auf 1600 Meter über Meer am Fuss der Dents du Midi. Raphael, der 16-jährige Sohn, sagt, er kenne fast jedes Tier der Herde. Die zerfleischten Schafe auf der Wiese zu finden, sei schrecklich gewesen.
Natürlich ist den Mottiez nicht entgangen, dass der Wolf im Unterwallis sein Unwesen treibt. Letztes Jahr hat er auf der Alp Susanfe, weniger als ein Tagesmarsch von der Alp Véla entfernt, 60 Schafe getötet. Im Goms wütete er 2006. Deshalb liess sich die Familie 2007 auf die Warteliste für Herdenschutzhunde setzen. Doch als sie welche hätte haben können, lehnte sie ab. Im Unterwallis hiess es über lange Zeit: Wer einen Herdenschutzhund hat, ist für den Wolf.
Die Schafe haben Angst
Dann riss der Wolf ihre eigenen Schafe. Doch Familie Mottiez zögerte weiter. Während Wochen liess sie das Raubtier gewähren. Schliesslich war es Jahrzehnte lang ohne Herdenschutzhunde gegangen. Nie war der Wolf gekommen. «Wir haben zuvor gar nie ernsthaft an den Wolf gedacht», sagt Raphael. Erst nach dem 52. Tier war der Druck genügend gross, endlich Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Seit einer Woche beschützen nun drei Patou – grosse weisse wollene Pyrenäenberghunde – die Herde. Weil Familie Mottiez dem Wolf nicht noch mehr Schafe auf dem Silbertablett servieren wollte. Noch ist die Familie aber nicht warm geworden mit den grossen Hunden. Und noch flüchten die Schafe, wenn Rocco, Dora und Tirolia um die Herde trotten. «Die Schafe haben Angst vor den Hunden, das tut mir leid», sagt Stéphanie, die Tochter.
Herde ist die Familie der Hunde
Streicheln lassen sich auf der Alp Véla die Schafe, die Patou nicht. Die Hunde bleiben den Menschen fern. Die Herde ist ihre Familie. Und diese verteidigen sie um jeden Preis. Patou gehorchen nur auf wenige Befehle und lassen sich nur von geübten Haltern einfangen. Sie bellen oft, das ist ihr Job. «Einen Schutzhund, der lieber mit Menschen zusammen ist als mit der Herde, kann ich als Hirt nicht brauchen», sagt Walter Hildbrand.
Er und eine weitere Hirtin gehören, wie die Hunde, zum mobilen Herdenschutzteam, das der Bund finanziert. Bis sich die Schafe einigermassen an die Hunde gewöhnt haben und umgekehrt, campieren die Hirten neben der Herde. In den zehn Tagen, die sie auf der Alp verbringen, versuchen sie, die Familie für den Kauf eigenes Patou zu gewinnen. «Es gibt eigentlich keine Alternativen», sagen sie. Wenn sie gehen, bleiben die Hunde und bewachen bis Ende September die Schafe.
Skepsis im Unterwallis
9 von 17 Schafalpen im Val d’Illiez haben seit 2006 auf Herdenschutzhunde umgestellt, mehr oder weniger freiwillig. Die bewachten Alpen im Val d’Illiez haben im laufenden Jahr erst 8 Schafe verloren, die unbewachten mehr als das Zehnfache. «Langsam macht sich im Unterwallis ein Mentalitätswandel bemerkbar», stellt Daniel Mettler fest. Er koordiniert im Auftrag des Bundes die Herdenschutzmassnahmen für die ganze Schweiz. Die Skepsis der Familie Mottiez sei ihm vielerorts im Wallis begegnet, «früher noch mehr als heute», sagt Mettler. Der Erfolg der Herdenschutzhunde spreche für sich. «Ich sage den Schäfern, wenn ihr einen Hund kauft, seid ihr nicht für den Wolf, sondern für die Schafe».
Annick Jolliet gehört zu den Schafhaltern, die schnell zur Einsicht gekommen sind: Bereits den dritten Sommer beschützen zwei Patou ihre 60 Schafe auf der unbehirteten Alp in einem Seitental des Val d’Illiez. Die Arbeit mit den Hunden ist zeitintensiv, vor allem bis sie in die Herde integriert sind. Zweimal die Woche steigt Jolliet auf die Alp, um den Futterautomaten für die Hunde aufzufüllen. Das musste sie früher nicht.
Es kann immer etwas passieren
«Die Hunde arbeiten heute gut», sagt die Schafhalterin. Sie sei sich aber bewusst, dass immer etwas passieren könne. So wie in der Nacht vom 1. auf den 2. August im wenige Kilometer entfernten Val des Dix. Dort konnte der Wolf trotz Herdenschutzhunden 15 Schafe reissen. Der Knall von Feuerwerkskörpern lenkte die Patou ab. Zudem hatte es Nebel.
Der Mentalitätswandel finde im Val d’Illiez zwangläufig statt, sagt Jolliet. Wer den Wolf ignoriere, verliere – trotzdem der Bund auch Schafrisse aus ungeschützten Herden entschädige. Man arrangiere sich. Das heisse aber nicht, dass sie für den Wolf sei. Ganz im Gegenteil. Jolliet fürchtet, dass Wölfe im Val d’Illiez bald im Rudel jagen könnten.
Der Wolf, der die Schafe auf der Alp Véla in Panik versetzte und tötete, ist nun tot. «Irgendwann wird aber ein anderer aus Frankreich kommen», sagt Véronique Mottiez, die Mutter. Ein Leben ohne das per Gesetz geschützte Raubtier wird es nicht mehr geben. Das ist ihr klar. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.08.2009, 22:28 Uhr
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10 Kommentare
Betrüblich hier in diesem Artikel die Wortwahl der Autoren. Mit welcher Verachtung wird hier über den Wolf geschrieben, einem Wildtier, das nur seinem Instinkt folgt und Beute macht. Eine Beute, die dem Wolf sozusagen auf dem silbernen Tablett serviert wird, weil die Verantwortlichen nicht gewillt und in der Lage sind, die Schafherden auch zeitig zu schützen. Antworten
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