Das neue Modell ist bereits gut etabliert
Von Brigitte Walser. Aktualisiert am 15.11.2011
Kanton Bern
Viele Ärztenetzwerke, wenig Versicherte
Managed Care ist im Kanton Bern bereits weit verbreitet. Insgesamt gibt es rund 15 Ärztenetzwerke, nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land. Zwei Drittel dieser Netze könnten die vorgesehenen gesetzlichen Anforderungen (siehe rechts) bereits erfüllen, sagt Peter Frutig von Ponte-Net, einer Organisation, welche Berner Ärztenetzwerke betreut und berät. 50 bis 60 Prozent aller Hausärzte gehören einem Netz an, sagt Frutig.
Allerdings machen erst wenige Versicherte mit. Gemäss Frutig sind im Kanton Bern rund fünf Prozent der Versicherten in einem echten Managed-Care-Modell.
Auch wenn Managed Care bei den Berner Hausärzten stark verankert ist, bezieht die Delegiertenversammlung der Ärztegesellschaft des Kantons Bern nicht Stellung gegen das Referendum. Eine «solchermassen wichtige Entscheidung» sei zwingend dem Volk zur Abstimmung vorzulegen, dies sei die Haltung der Ärztegesellschaft, teilt Präsident Beat Gafner auf Anfrage mit. In einem Positionspapier fordert der Vorstand unter anderem, dass eine Budgetmitverantwortung freiwillig sein müsse.
Im Gesundheitswesen sorgt ein neues Gesetz für Aufruhr. Es soll Managed Care und Ärztenetzwerken zum Durchbruch verhelfen. Verschiedene Ärzte bekämpfen es mit dem Referendum. Sie warnen vor dem Verlust der freien Arztwahl und vor Rationierung. Dabei ist Managed Care etwa im Kanton Bern bereits weit verbreitet und wird von vielen Ärzten praktiziert. Thomas Michel, Hausarzt in Wilderswil, sagt zum Beispiel: «Im Oberland kennen wir Managed Care schon lange.» Das Grundprinzip dieses Modells sei sogar typisch für ländliche Gegenden. Denn Managed Care bedeutet, dass Patienten im Krankheitsfall ihren Hausarzt aufsuchen und dieser sie – falls nötig – an Spitäler oder Spezialisten weiterverweist, dabei mit allen Beteiligten in Kontakt bleibt und so die gesamte Behandlung koordiniert oder eben managt.
Tendenz auch auf dem Land
«Solch klar strukturierte Behandlungswege mit Steuerungsärzten gab es auf dem Land schon immer», sagt Michel. In der Stadt wurden sie im Laufe der Zeit verwischt, Patienten wenden sich vermehrt direkt an Spezialisten oder an den Spitalnotfall. «Auch auf dem Land gibt es diese Tendenz», so Michel. Damit Patienten wieder in eine koordinierte Behandlung einwilligen und sich für Managed Care entscheiden, will das Gesetz finanzielle Anreize schaffen. Die Gegner des neuen Gesetzes bezeichnen dies als faktischen Zwang, einem Managed-Care-Modell beizutreten.
Koordinieren und steuern
Versicherte, die Managed Care wählen, können sich nur noch in Notfällen einfach an einen Arzt ihrer Wahl wenden. Im Krankheitsfall suchen sie jenen Arzt auf, den sie einmal als erste Anlaufstelle und Koordinator bezeichnet haben, in der Regel ihren Hausarzt. Wenn Thomas Michel Managed-Care-Versicherte betreut, bespricht er mit ihnen die Wahl weiterer Ärzte. «Ich will den Patienten nichts vorenthalten, sondern koordinieren und steuern», sagt er.
Ärzte, die für Managed-Care-Versicherte die Koordination übernehmen, müssen gemäss dem neuen Gesetz Teil eines Ärztenetzwerkes sein. Auch das ist für Thomas Michel nichts Neues. Schon vor acht Jahren haben sich im Oberland Ärzte zu einem Netz zusammengeschlossen und es Beodocs genannt. Beodocs besteht heute aus rund 50 Ärzten, zwei Drittel davon sind Hausärzte, der Rest Spezialisten und Spitalärzte. Thomas Michel ist der Präsident. Beodocs-Ärzte weisen Patienten falls nötig an Spezialisten innerhalb, aber auch ausserhalb des Netzes weiter.
Die Netzärzte tauschen sich aus und sprechen sich ab, ausserdem treffen sie sich regelmässig in sogenannten Qualitätszirkeln, wo sie über Krankheiten von Patienten diskutieren, um so die Behandlungsqualität sicherzustellen. Ihre Praxisassistentinnen organisieren ebenfalls ihre eigene Weiterbildung gemeinsam.
Verantwortung beim Budget
Beodocs schliesst mit den Versicherungen Verträge ab, in einigen ist bereits eine Budgetmitverantwortung enthalten, wie es das Gesetz vorsieht. Für die Ärzte heisst das, dass sie wie bis anhin ihre Leistungen abrechnen, zusätzlich aber die Rechnungen von Spitälern oder Spezialisten zur Ansicht erhalten. Im Hintergrund hat das Netz ausserdem ein Budget, das es mit den Versicherern aushandelt. Dieses ist gemäss der Vereinbarung dann eingehalten, wenn die Kosten von Beodocs-Patienten im Schnitt tiefer sind als die durchschnittlichen Patientenkosten im Kanton Bern. Das ist für Beodocs eine gute Ausgangslage, denn auf dem Land sind die Gesundheitskosten tiefer als in der Stadt. Das zeigt sich etwa an den tieferen Krankenkassenprämien. «Dass Oberländer deutlich weniger Prämien zahlen, ist auch da-rauf zurückzuführen, dass es bei uns Managed Care eben schon lange gibt», so Michel. Wird das Budget nicht eingehalten, geht das Defizit zulasten des Ärztenetzes. Dieser Zwang zur Budgetmitverantwortung werde sich patientenfeindlich auswirken, hält das Referendumskomitee «Freie Arztwahl für alle» in seinem Argumentarium fest. Letzten Endes bedeute das eine Rationierung. Um dies zu verhindern, sagt dazu Thomas Michel, gebe es paritätische Kommissionen mit Netzärzten und Versicherern.
Aufgabe für die Zukunft
Auf Beodocs als Ärztenetz auf dem Land kommen noch weitere Aufgaben zu. «Wir überlegen uns Lösungen, um die Nachfolge in Landpraxen zu sichern», sagt Michel. So wäre es möglich, dass das Netz Zusammenschlüsse in Gesundheitszentren plant, um die Arbeit auf dem Land für junge Ärztinnen und Ärzte attraktiv zu halten. (Berner Zeitung)
Erstellt: 15.11.2011, 15:19 Uhr
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