Cannabis wird als Heilmittel langsam ernst genommen

Immer mehr Schwerkranke lassen sich mit Cannabis therapieren. Nun soll der Bund die Wirksamkeit wissenschaftlich beweisen.

Cannabis lindere Spasmen und Schmerzen, sagt Apotheker Manfred Fankhauser.

Cannabis lindere Spasmen und Schmerzen, sagt Apotheker Manfred Fankhauser. Bild: Thomas Peter

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Ausgerechnet im ländlichen Emmental wirkt einer der beharrlichsten Fans des als Teufelskraut verschrienen Cannabis. Der Apotheker Manfred Fankhauser beschafft seinen Patienten selber hergestellte Hanftinkturen, weil er überzeugt ist von der heilenden Wirkung der Nutzpflanze.

«Cannabis wirkt gegen Übelkeit, ist appetitanregend, was zum Beispiel bei Krebspatienten sehr wertvoll ist», betont er in einem Fachartikel in der «Schweizerischen Ärztezeitschrift». Zudem lindere es Spasmen und Schmerzen, was insbesondere von MS-Patienten geschätzt werde. Selbst bei Depressionen oder Schlafproblemen erziele Cannabis gute Resultate.

Oftmals illegal beschafft

Doch einfach reinspazieren in seine Apotheke in Langnau und die Tinktur beziehen geht nicht. Weil Cannabis unter die Liste D der verbotenen Stoffe des Betäubungsmittelgesetzes fällt, muss der behandelnde Arzt für jeden Patienten einzeln beim Bundesamt für Gesundheit eine Bewilligung einholen. Und Fankhauser darf dieses Heilmittel nur dank einer Ausnahmebewilligung an seine Kunden abgeben.

Pro Jahr erhalten inzwischen schweizweit rund 500 Patienten legal vom Arzt verschriebenes Cannabis. Doch viele Schmerzpatienten greifen auf illegale Cannabisprodukte zurück. Nicht nur, weil des Verfahren aufwendig ist: Auch die hohen Kosten für Cannabisheilmittel werden oft von den Krankenkassen nicht übernommen. Eine Tinktur, welche für einen Monate reicht, kostet laut Fankhauser zwischen 200 und 400 Franken.

Zudem ist der rauschhaltige THC-Anteil in den illegal beschafften Hanfprodukten in der Regel weit höher als in denjenigen, welche von Apothekern abgegeben werden.

Den Weg ebnen

Fankhauser ist überzeugt, dass in der Ärzteschaft die Stigmatisierung von Hanf oftmals grösser ist als auf Patientenseite. Von dort kommt jetzt tatsächlich auch der jüngste Versuch, Cannabis als Heilmittel zu etablieren. Die Patientenschützerin und grünliberale Nationalrätin Margrit Kessler (SG) fordert, dass der Bundesrat den Einsatz von natürlichem Cannabis als Schmerzmittel untersuchen lassen soll.

Nachdem sich die Landesregierung offen gegenüber diesem Anliegen gezeigt hatte, gab am Dienstag auch der Nationalrat den Segen zu diesem parlamentarischen Vorstoss, und zwar deutlich mit 123 zu 39 Stimmen bei 17 Enthaltungen.

Da nützte auch die Warnung von Andrea Geissbühler (SVP, BE) nichts, damit könnte einer Legalisierung von Cannabis Vorschub geleistet werden. Vielmehr liessen sich die Nationalräte vom Argument von Kessler überzeugen, dass es lediglich darum gehe, ein Medikament ohne bürokratische Hürden zur Verfügung zu stellen. Keineswegs gehe es um die Legalisierung von Cannabis als Suchtmittel. Heisst auch der Ständerat den Vorstoss gut, wird der Bundesrat beauftragt, den Einsatz von natürlichem Cannabis als Schmerzmittel im Rahmen eines wissenschaftlichen Pilotprojekts zu prüfen.

Für den Emmentaler Apotheker Fankhauser wäre dies sozusagen der Ritterschlag für seine langjährigen Bemühungen, dem Cannabis seinen berechtigten Platz in der Behandlung von Schmerzen einzuräumen. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 03.06.2015, 06:47 Uhr)

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