Interview

«Burn-out-Patienten sind oft ADHS-Betroffene»

InterviewJedes Jahr erhalten viele junge Erwachsene eine IV-Rente wegen ADHS. Lisbeth Furrer-Bircher leitet eine Beratungsstelle für Betroffene und erklärt, warum ihnen das Arbeiten so schwerfällt.

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Es gibt immer mehr junge Erwachsene, die wegen Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) eine IV-Rente beziehen. Mit welchen konkreten Problemen hat ein Betroffener zu tun, wenn es so weit kommt?
Ein junger Mann etwa, der sich in einer Schreinerlehre befand und Probleme mit der Konzentration hatte, funktionierte lange gut. Als die Verantwortungsbereiche grösser wurden und der Druck zunahm, ist er plötzlich ins Strudeln geraten. Für ihn war die normale Abschlussprüfung schlicht nicht zu schaffen, weil er die grossen Maschinen unter Zeitdruck nicht sicher bedienen konnte. Trotz guter Schulleistungen schloss er nur eine reduzierte Ausbildung ab und arbeitet heute in einem anderen Beruf als Hilfskraft. Er hatte nicht den Mut, eine neue Ausbildung zu beginnen, und trägt heute die Folgen einer grossen Lohneinbusse und geringerer sozialer Anerkennung.

Was braucht es, bis die IV aufgrund der Diagnose ADHS eine Rente bezahlt?
Die Hürde ist sehr hoch. Zunächst muss ein Betroffener von Spezialisten abgeklärt werden und mehrere Kriterien wie Hyperaktivität und mangelnde Konzentrationsfähigkeit erfüllen. Ferner müssen diese Symptome bereits vor dem 12. Altersjahr aufgetaucht sein. Das Ziel der IV ist die Eingliederung in die Berufswelt. Damit dies gelingt, leistet die IV mit ihrem Kompass-Angebot grossen Aufwand mit gutem Erfolg.

In welchen Lebensbereichen ist ein Jugendlicher durch ADHS sonst noch eingeschränkt?
Im sozialen Umfeld. ADHS-Betroffene sind sehr sensibel und einfühlsam, haben aber oft eigene Interessen und ticken anders als die meisten. Deshalb werden sie schnell zu Aussenseitern und sind oft potenzielle Mobbing-Kandidaten. Das prägt sie auch im späteren Leben, viele entwickeln sich zu Einzelgängern.

Wie findet ein Betroffener den richtigen Beruf?
Indem ihm sein Umfeld die nötige Zeit gibt, seine Stärken zu finden. Es ist unbestritten, dass ADHS-Betroffene in der Entwicklung verzögert sind und deshalb mehr Zeit brauchen, um sich mit der Berufswahl auseinanderzusetzen. Wenn sie aber ihre Stärken entdecken, dann sind sie sehr motiviert und verfügen über einen grossen Ideenreichtum.

Gibt es spezielle Angebote, die Betroffene bei der beruflichen Integration unterstützen?
Grundsätzlich ist ADHS keine Diagnose, die eine Sonderbehandlung erfordert. Das zehnte Schuljahr kann eine gute Vorbereitung darstellen. Die RAV bieten gute Arbeitsintegrationsprogramme für Jugendliche an, die Schwierigkeiten haben, im Beruf Fuss zu fassen.

Gibt es Methoden, durch die Betroffene besser mit ADHS umgehen können?
Sport hat in verschiedenen Bereichen positive Auswirkungen, etwa auf das Sozialleben. Ausserdem begünstigt Sport die Ausschüttung der Botenstoffe Serotonin und Dopamin, welche die Datenübermittlung im Gehirn verbessern. Die Ernährung ist wichtig. Kein Zuckerkonsum am Vormittag ist das Beste für den Kopf, ausserdem können Omega-3-Fettsäuren Betroffenen helfen.

Was schadet Betroffenen am meisten?
Computer und Smartphones sind für ADHS-Betroffene eine grosse Herausforderung. Sie übermitteln riesige Datenmengen, die mit ADHS viel schwieriger zu verarbeiten sind. Nicht betroffene Menschen haben einen Filter und können leichter unterscheiden, was wichtig ist und was nicht. Für jemanden mit ADHS ist alles gleich wichtig, das Hirn arbeitet permanent, die Speicher sind immer überfüllt. Das führt zu einer dauernden Überforderung. Stress und Druck sind Gift für ADHS-Betroffene. Dies verstärkt die Symptomatik von ADHS.

Früher sagte man, ADHS wachse sich aus. Trifft das heute nicht mehr zu?
Heute weiss man, dass sich ADHS nicht auswächst. Im Gegensatz zu früher ist der Druck an einer Arbeitsstelle grösser geworden, wer keine Topleistungen erbringt, hat kaum Chancen. Wir gehen davon aus, dass Burn-out-Patienten häufig ADHS-Betroffene sind, deren Betreuung und Behandlung nicht optimal sind. Man sagt, dass rund ein Drittel der Betroffenen die Störung im Erwachsenenalter selbst in den Griff bekommen und ohne Hilfe damit leben kann. Ein weiteres Drittel braucht Unterstützung in Form von Coaching und Medikation. Das letzte Drittel braucht eine langfristige Medikation und eine intensive Begleitung durch Ärzte und Psychologen. Entscheidend ist, dass eine Therapie frühzeitig beginnt, dann ist die Chance auf Selbstregulation viel grösser.

Lisbeth Furrer-Bircher leitet die Beratungsstelle Elpos Zentralschweiz. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2014, 12:11 Uhr

Lisbeth Furrer-Bircher leitet die Beratungsstelle Elpos Zentralschweiz. (Bild: pd)

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