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Blochers Familie

Von Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 30.12.2010 24 Kommentare

Christoph Blocher lädt zum historischen Exkurs über grosse Schweizer. Er feiert so auch sich selbst.

Christoph Blocher ist auf einer politischen Mission: Nun lädt er zur historischen Vorlesung statt zur Wahlkampfrede.

Christoph Blocher ist auf einer politischen Mission: Nun lädt er zur historischen Vorlesung statt zur Wahlkampfrede.
Bild: Keystone

Am 2. Januar lädt Christoph Blocher wieder zu einer Weihestunde in den Kanton Bern. Erstmals hat der Alt-Bundesrat vor zwölf Monaten eine Berchtoldstagspredigt gehalten. Damals sprach er in Aarberg im Seeland und würdigte drei Grosse des Kantons: Ulrich Ochsenbein, Mitglied des ersten Bundesrats, Rudolf Minger, erster SVP-Vertreter in der Landesregierung, sowie den Maler Albert Anker. Diesmal ruft Blocher sein Publikum ins Emmental. Gefeiert werden erneut drei Berner: der Dichter Jeremias Gotthelf, SVP-Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen sowie – noch einmal – Albert Anker.

Warum tourt der Zürcher Ex-Magistrat als Wanderprediger durch das Bernische? Ein Teil der Motivation liegt auf der Hand beziehungsweise in der politischen Agenda. Im Januar 2010 trat Blocher drei Monate vor den Berner Regierungs- und Grossratswahlen auf. Dieses Mal findet die Veranstaltung eineinhalb Monate vor den Ständeratsersatzwahlen statt. In Wahlkampfzeiten ist jede Hilfe willkommen – auch solche aus Zürich.

Zurück zu den Wurzeln

Doch weshalb lädt Blocher statt zu Wahlkampfreden zu historischen Vorlesungen? Der SVP-Politiker befindet sich seit Jahrzehnten auf einer politischen Mission. Dabei geht es ihm um weit mehr als um die Verhinderung von EWR- und EU-Beitritt. Sein Ziel ist die Rückkehr zu den Wurzeln: zum Alten und Traditionellen, also zum (vermeintlich) Bewährten und Guten. Zu einer Schweiz, die autonom den Sonderfall pflegt; zu einem Familienkonzept, das ohne Krippen und Tagesstrukturen auskommt; zu einer Schule, wo ohne pädagogischen Firlefanz gepaukt wird; zu einer Gesellschaft aus rechtschaffenen Schweizern und ohne Migranten.

Wer Fundamentales ändern will, kommt nicht ohne historisches Fundament aus. Mit dem Rekurs auf Wilhelm Tell und den Rütlischwur lässt sich aber im 3. Jahrtausend selbst in konservativen Kreisen nicht mehr punkten. Wer die Schweiz nach SVP-Gusto wandeln will, braucht relevantere historische Bezugsgrössen als die Akteure der Urschweizer Mythologie. Er braucht solche, die es mit den liberalen, sozialen und intellektuellen Ikonen der modernen Schweiz aufnehmen können, mit Gottfried Keller und Alfred Escher, Hanspeter Tschudi und Willi Ritschard, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Blochers Heldengalerie ist das Gegenkonzept zu den sozialliberalen Fixsternen.

Der wichtigste Antrieb des SVP-Politikers dürfte indes ein persönlicher sein. Die Auftritte sind eine Tournee in eigener Sache. Die fünf grossen Berner sind alle Verwandte des Zürchers, Brüder im Geiste.

Ein bisschen Unsterblichkeit

Ochsenbein teilt mit ihm das traumatische Erlebnis einer Bundesratsabwahl. Minger und Wahlen waren (wie Blocher) SVP-Bundesräte mit ausgeprägter Liebe zur Scholle. Minger war Bauer, Wahlen ging (wie Blocher) auf eine landwirtschaftliche Schule. Minger war zudem (wie Blocher) Oberst der Armee. Gotthelf und Anker schliesslich sind wie Pfarrerssohn Blocher im protestantischen Humus verankert. Gotthelf war Pfarrer – Anker studierte Theologie.

Blochers Berner Reden sind also gleichsam Auftritte im Kreis der Familie. Der Lohn, den er sich davon verspricht, ist nicht nur der Jubel des Publikums. Vor allem geht es ihm darum, im Glanz der fünf Grossen ein wenig mitzuleuchten. Ochsenbein hat die moderne Schweiz mitbegründet, Minger ist zusammen mit Willi Ritschard der populärste Bundesrat aller Zeiten und hat zudem die Armee für den Aktivdienst gerüstet. Wahlen gilt als Vater der Anbauschlacht. Gotthelf und Anker sind Künstler von Weltrang. Alle fünf haben Historisches geleistet. Blocher wurde abgewählt, ohne dass er Historisches leisten konnte. Die Eingliederung in die Familienformation ist der Versuch, sich doch noch ein bisschen unsterblich zu machen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2010, 12:22 Uhr

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24 Kommentare

Armin Sierszyn

30.12.2010, 23:26 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ob Blocher tatsächlich nichts Historisches geleistet hat, wird die Zukunft zeigen. Immerhin verdankt ihm unser Land, dass wir derzeit nicht in der EU sind. Sollte dies auf Dauer so bleiben, so hätte er 1992 (EWR-Abstimmung) Historisches geleistet, und die Schulbücher würden in 50 Jahren schreiben, die zeitgenössische Elite hätte dies weder erkannt noch gewürdigt, was eigentlich normal wäre. Antworten


Eduard Nacht

30.12.2010, 08:34 Uhr
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Bern ist von Zürich schon schampar weit weg. Anders ist es kaum zu erklären, dass der Text das aargauische Aarburg (gleich neben dem solothurnischen Olten) ins Berner Seeland vepflanzt. Wo Blocher seinen Bärzelistagstanz auffhrte war Aarberg. Antworten



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