Blochers Ahnengalerie
Von Josef Lang. Aktualisiert am 20.01.2012 69 Kommentare
Newsnet an der Albisgüetli-Tagung
Die alljährliche Albisgüetli-Tagung der Zürcher SVP findet heuer ohne Beteiligung eines Bundesratsmitglieds statt. Dafür wurde Ex-UBS-Chef Oswald Grübel eingeladen.
Newsnet berichtet mit Video-Updates vom Eintreffen der Gäste (ab 18 Uhr) und mit einem Ticker vom anschliessenden Redemarathon (ab 19 Uhr) mit Christoph Blocher und Banker Grübel. Im Vorfeld der Veranstaltung berichten wir (ab 17 Uhr) über die Situation vor Ort, über mögliche Demonstrationen und den Polizeieinsatz.
Der Autor: Jo Lang ist Historiker. Er war von 2003 bis 2011 Zuger Nationalrat der Partei Alternative-die Grünen.
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Immer häufiger stellt sich Christoph Blocher in seinen Reden neben historische Grössen wie Churchill, Strauss, Ochsenbein, Minger. Seinen letzten Auftritt am Bärchtelistaag in Niederglatt hat er zwei Zürcher Freisinnigen gewidmet: dem Unternehmer Alfred Escher und dem Schriftsteller Gottfried Keller. Um sich die beiden geistig einzuverleiben, musste er allerdings Wesentliches verdrängen.
Beginnen wir mit etwas Berührendem und mit etwas Befremdlichem: Christoph Blocher beendete seine Ausführungen über Alfred Escher mit einem Zitat von Gottfried Keller. Dieser hatte zur Einweihung des Escher-Denkmals auf dem Zürcher Bahnhofplatz 1889 in der NZZ geschrieben: «Dem Manne, der mit Geistestreue und eigenster Arbeit sich selbst Pflichten auf Pflichten schuf und, sie erfüllend, wirkend und führend, seine Tage verbrachte, die Nächte opferte und das Augenlicht.» Mit dem Ausruf «Ja, die Augen!» leitete Blocher zu Keller über: «Sie spielen in Gottfried Kellers Dichtung und Lyrik eine bedeutende Rolle. Denn Keller gehörte zu den bedeutendsten Vertretern des literarischen Realismus. Und dazu gehören die Augen, um hinzuschauen, was wirklich ist.» Darauf folgte Kellers Gedicht «Abendlied», dessen erste Verszeile lautet: «Augen, meine lieben Fensterlein». Hier lieferte Blocher feine Rhetorik.
«Kerle mit vielen Millionen»
Befremdlich hingegen ist, wenn Blocher in seinen Ausführungen über Gottfried Keller verschiedene Quellen angibt, aber ausgerechnet das wohl brillanteste Buch über den «Dichter des Bundesstaates» unterschlägt, nämlich die Biografie von Adolf Muschg. Das ist umso seltsamer, als Blocher Muschgs Kernthema, Kellers Leben und Werk im Schatten von Schulden, Schuld und Sühne, selber hervorhebt.
Blocher verschweigt zwar nicht, dass sich Keller «zu den Idealen des liberalen Radikalismus» bekannte, «mit politischen Emigranten aus Deutschland» verkehrte und «mit den radikalen Freischärlern Richtung Zentralschweiz» zog. Aber mit der Auswahl von Zitaten, die das Bild eines ungebrochenen Vaterlandsverehrers vermitteln, reduziert er Kellers Leben und Werk auf eine «Demonstration von Nation, Freiheit und Unabhängigkeit». Wenn Blocher behauptet: «‹Das Fähnlein der sieben Aufrechten› zeugt von Kellers ‹Zufriedenheit mit den vaterländischen Zuständen›», ist das nicht ganz falsch. Schliesslich hatte der Radikalliberale 1861 längst zur Kenntnis genommen, dass die Revolution von 1848 überall sonst gescheitert war. Aber die «sieben grimmigen Revolutionäre» (Peter von Matt) machen sich auch kritische Gedanken, beispielsweise zur Gefährdung ihres Bundesstaates durch privaten Reichtum.
So spricht Schneidermeister Hediger die prophetische Warnung aus: «Lass aber einmal Kerle mit vielen Millionen entstehen, die politische Herrschsucht besitzen, und du wirst sehen, was die für Unfug treiben!» Der Zimmermeister Frymann wagt sogar, sich das Ende der Schweiz vorzustellen: «Wie es dem Manne geziemt, in kräftiger Lebensmitte zuweilen an den Tod zu denken, so mag er auch in beschaulicher Stunde das sichere Ende seines Vaterlands ins Auge fassen (. . .). Ist die Aufgabe eines Volkes gelöst, so kommt es auf einige Tage längerer oder kürzerer Dauer nicht mehr an, neue Erscheinungen harren schon der Pforte ihrer Zeit.» Solche freisinnigen Handwerker-Weisheiten aus der linkshegelianischen Schule, die Keller in Deutschland besucht hatte, mutet Blocher seiner konservativen Anhängerschaft nicht zu.
Dafür zitiert er ausführlich aus Kellers Bettagsmandat von 1871, das kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg und nach der Bildung des Deutschen Kaiserreichs von den Kanzeln verlesen wurde: «Lächelnde, wenn auch unberufene Stimmen lassen sich hören: Was willst du kleines Volk noch zwischen diesen grossen Volkskörpern mit Deiner Freiheit und Selbstbestimmung? (. . .) Sollte unser Vaterland die neu entstandenen Machtverhältnisse nicht zu ertragen, ihnen nicht ins Auge zu schauen vermögen?» Solchen rhetorischen Fragen fügt Blocher bei: «Es gibt nichts Neues unter der Sonne, längst schon ist es da gewesen. Worte, die auch heute hochaktuell sind.»
«Mit jedem Tag europalustiger»
Ein Jahr später, 1872, provozierte ausgerechnet Keller selber entrüstete Reaktionen mit einer Trinkrede zur Verabschiedung eines Freundes an die Universität Strassburg. In dieser zog er nach der Annexion des Elsass durch das Zweite Deutsche Kaiserreich in Betracht, dass die Schweiz denselben Weg gehen könnte. Damit wollte Keller seine gewachsene Distanz zur Schweiz markieren. Und seine Treue zur prägenden Jugenderfahrung des übernationalen Völkerfrühlings der 48er-Bewegung unterstreichen. Im Februar 1849 hatte er seinem Freund Wilhelm Baumgartner, der sein Gedicht «O mein Heimatland! O mein Vaterland!» vertonte, geschrieben: «Ich werde fast mit jedem Tag europalustiger, da ich nun erst recht an die Revolution glaube, je schlechter es ihr geht.» Als er diesen Glauben aufgeben musste, konzentrierte sich Keller darauf, jene Revolution zu verteidigen, die sich behauptet hatte: die schweizerische. Blocher interpretiert diesen taktischen Rückzug als Grundsatzentscheid für den Alleingang.
Grossen Platz räumt Blocher den Bettagsmandaten ein, die der 1862 zum Staatsschreiber ernannte Schriftsteller zu verfassen hatte. Aber das berühmteste, nämlich das erste, erwähnt er mit keinem Wort. Berühmt geworden ist es aus drei Gründen: weil es wegen eines regierungsrätlichen Verbots nicht verlesen werden durfte, weil es auf poetische Weise ganz im Sinne von Zimmermeister Frymann den Untergang der Schweiz als mögliches Szenario schildert und weil es die Gleichberechtigung der Juden feiert, gegen die die Konservativen in anderen Kantonen Sturm liefen. Die Gleichberechtigung der jüdischen Männer im Kanton Zürich ebnete der Judenemanzipation auf nationaler Ebene den Weg, was aus dem «christlichen» einen säkularen Bundesstaat machte. Mit dessen religiöser Neutralität bekundet die SVP immer wieder Mühe, wie das Minarettverbot zeigt.
Blocher erwähnt in seinem in Niederglatt gehaltenen Referat zwar, dass Keller den Bezirk Bülach im Parlament vertreten habe. Doch dass er abgewählt wurde, weil er als «Repräsentativ-Republikaner nicht demokratisch genug war», wie er 1872 in einem Brief schrieb, wird unterschlagen. Blocher verliert auch kein Wort über Kellers jahrzehntelange soziale Engagement für ein Verbot der Kinderarbeit. Dieses wurde 1877 unter politisch-liberaler Führung gegen die Wirtschaftsliberalen durchgesetzt. Auf die schwere Enttäuschung Kellers über die Entartung des liberalen «Vaterlandes» durch die grenzenlose Profitsucht oder Profitlogik, die er vor allem in seinem Spätwerk «Martin Salander» thematisierte, geht Blocher nur am Rande ein. Vor allem erwähnt er Kellers ernüchternde Quintessenz nicht: «Es würde vieles erträglicher werden, wenn man weniger selbstzufrieden wäre bei uns und die Vaterlandesliebe nicht immer mit der Selbstbewunderung verwechselte! (. . .) ‹Es ist bei uns, wie überall.›»
«Einsichtigster Staatsmann»
Während Blocher aus Keller einen Vorläufer der SVP macht, schnitzt er aus Eschers Werk und Schicksal ein Ebenbild seiner selbst. Laut Blocher sei der von «Zeitgenossen in Nachrufen» als «einsichtigster und verdientester Staatsmann der neueren Zeit» geschilderte Escher «bei aller wirtschaftlichen Weltoffenheit überzeugter schweizerischer Patriot» gewesen und habe sein «Wirken rückhaltlos in den Dienst des Vaterlandes» gestellt. Blocher betont Eschers Kampf gegen ein «chaotisches Asylwesen», für eine «aufrichtige Neutralität», gegen die Verstaatlichung der Bahnen und für den Bau des Gotthardtunnels.
Grotesk wirken angesichts der massiven Kostenüberschreitungen, welche Escher 1878 zum Rückzug aus dem Vorsitz des Gotthard-Projekts zwangen, Blochers Lob für Eschers Forderung nach einem «wohlgeordneten Finanzzustand» und der Seitenhieb gegen «die heutigen Schuldenpolitiker», die «ihre Ohren für solche Worte öffnen» sollten. Während die SVP bei viel geringfügigeren Neat-Problemen einen Baustopp am Gotthard forderte, hatte Escher den Mut zur «Schuldenpolitik», weil er in dieser eine Investition in die Zukunft sah.
«Mit verklärendem Licht»
Im Verhältnis zu Zukunft und Vergangenheit liegt der Hauptunterschied zwischen der liberalen Revolution Eschers und der konservativen Blochers. Diesen hat der radikalliberale Gottfried Keller in einer Rezension über Jeremias Gotthelfs Romane «Ueli der Knecht» und «Ueli der Pächter» auf den Punkt gebracht. Nachdem er dem konservativen Schriftsteller vorgehalten hat, «immer das Wort Professor auf verächtliche Weise in der Feder» zu führen und «den negativen Hohn und die parteiliche Verdrehung» leichtfertig hervorzuheben, schreibt er dem Emmentaler Pfarrer ins Stammbuch: «Das Leben auf den alten grossen bernischen Bauerngehöften hatte etwas ungemein Ehrwürdiges. (. . .) Aber alle Formen wechseln auf Erden, und eben dieser Wechsel ist es, welcher das Vergangene mit einem verklärenden Licht bestrahlt. Es würde vor unseren Augen vergehen und verdunkeln, wenn unsere Sehnsucht erfüllt würde und wir wirklich zurückkehren könnten.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.01.2012, 17:25 Uhr
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69 Kommentare
Ich glaube nicht, dass Blocher je auf einer Banknote erscheinen wird. Ebensowenig wird ihm wohl ein Denkmal an der Bahnhofstrasse errichtet. Blocher wird für kurze Zeit als hauptverantwortlicher Vergifter des politischen und sozialen Klimas in Erinnerung bleiben. Mehr nicht. Dass sich ein Blocher auf diesselbe Stufe wie Escher oder Keller stellt.. wie hiess diese Krankheit schon wieder?? Antworten
Sehr gute Analyse von Jo Lang. Von CB ist es vermessen, wenn er sich mit Keller und Escher vergleicht. Jedoch trifft der Satz auf ihn zu "Lass aber einmal Kerle mit vielen Millionen entstehen, die politische Herrschsucht besitzen, und du wirst sehen, was die für Unfug treiben". Antworten
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