Berufslehre macht weltweit Karriere

Von Michael Widmer. Aktualisiert am 21.04.2010 4 Kommentare

Das Bildungssystem der Schweiz – mit Berufslehre und Berufsschule – stösst weltweit auf grosses Interesse. Der Bund ist an einem Lehrgang in Indien beteiligt. Jetzt lancieren Private ein Projekt – mit beteiligt ist auch Rudolf Strahm.

Lücke zwischen Theorie und Praxis: Rudolf Strahm bei einem Besuch in einem Industrie-Trainingsinstitut in der indischen Hauptstadt Delhi.

Lücke zwischen Theorie und Praxis: Rudolf Strahm bei einem Besuch in einem Industrie-Trainingsinstitut in der indischen Hauptstadt Delhi.
Bild: bj institute/zvg

Schweiz will Bildungsmarke

Nicht nur Indien, verschiedene Länder – wie Schweden oder Südkorea – interessieren sich für das duale Bildungssystem der Schweiz. Ausser in Österreich und Deutschland ist diese Ausbildungsform in der Welt unbekannt. Da viele Staaten laut dem Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) derzeit aber auf der Suche nach Ausbildungsmodellen sind, die qualitativen Ansprüchen genügen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben, wird die Schweiz mehr und mehr um Unterstützung angefragt. Das BBT oder andere Partner im Bildungssystem bieten Informationen über die duale Schweizer Berufsbildung an, betreuen aber auch Delegationen aus dem Ausland.

Aktuell wird im Auftrag des Bundesrates eine Strategie für die internationale Zusammenarbeit in den Bereichen Bildung, Forschung, Innovation erarbeitet. Wie BBT-Direktorin Ursula Renold sagt, ist die Vorstellung «so etwas wie ein Label Swiss Qualifications oder Swiss Skills zu kreieren, das wir weltweit anbieten können». mic

Das indische Bildungssystem steckt in der Sackgasse. «Das riesige Land mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern hat es während der letzten Jahre des Aufschwungs verpasst, sein hervorragendes, traditionelles Handwerk mit der modernen Technik zu verbinden», erklärt Bruno Jehle. Der Aargauer Unternehmer ist mit seinem BJ Institute im indischen Hyderabad und seiner Schweizer Stiftung für die Selbsthilfe für die ländlichen Regionen Indiens bereits seit 28 Jahren in dem Land tätig.

Kastendenken

Hinter den gegenwärtigen Herausforderungen steckt laut Jehle ein kulturelles Problem, das eng mit dem Kastendenken in Indien zu tun hat: «Während Jahren wurde die universitäre Ausbildung stark gefördert. So stark, dass heute ein Studium an einer Eliteuniversität beinahe als das einzig Wahre angesehen wird. Wer einen Beruf erlernt und arbeitet, gilt als Verlierer der Gesellschaft.» Dies wiederum führe in Teilen der Bevölkerung wegen mangelnder Perspektiven zu Unzufriedenheit. Die indische Politik versucht zu reagieren. Nach Schätzungen der Regierung müssten in den nächsten 20 Jahren 300 bis 500 Millionen Inderinnen und Inder eine Berufsausbildung absolvieren. «Gelingt die Integration nicht, droht eine Destabilisierung des Landes», glaubt Jehle.

Strahm trägt vor

Dass das Vorhaben gelingt, dazu soll auch die Schweiz beitragen. Das BJ Institute hat Ende März mit finanzieller Unterstützung der Zürcher Stiftung Joshi Charitable Foundation eine elftägige Vortragstour mit dem Präsidenten des Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung (SVEB), Rudolf Strahm, organisiert. Der ehemalige Berner SP-Nationalrat und Schweizer Preisüberwacher präsentierte das Schweizer Bildungssystem in der Schweizer Botschaft in Delhi, im Finanzzentrum von Mumbai, am Goethe-Institut in Hyderabad, vor einem Jungunternehmerverband und an einem Kongress, organisiert von der Staatsregierung und dem Industrieverband, ebenfalls in Hyderabad.

«Das Interesse an den Ausführungen war enorm», resümierte Rudolf Strahm gegenüber dieser Zeitung nach seiner Rückkehr vor wenigen Tagen. Er selber machte interessante Erfahrungen: Zwar verfüge das Land über Millionen von ausgezeichneten Theoretikern, wie Ingenieuren und Informatikern, doch fehle es eindeutig am Bezug zur Praxis. «Der an der Universität geschulte Ingenieur tüftelt im Büro zwar ein Produkt aus. Mit der Fertigung in der Werkstatt hat er am Ende aber nichts zu tun», berichtete Strahm. Diese Arbeit werde nicht selten von ungelernten Hilfskräften übernommen. Dies hemme die Entwicklung der indischen Wirtschaft, zeigte sich Strahm überzeugt. Das Modell der Schweizer Berufsbildung könnte indes im gewerblich-industriellen Bereich Indiens viel mehr Beschäftigung auslösen.

Projekt im Sommer?

Rudolf Strahms Besuche und Vorträge haben offensichtlich einiges ausgelöst. Gemäss Jehle soll im Bundesstaat Andhra Pradesh, mit der Hauptstadt Hyderabad, im Sommer ein neues Berufsbildungs-Pilotprojekt starten. Finanzielle Grosse Unterstützung des Bundes darf das Vorhaben indes nicht erwarten. Dies, weil das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) mit der Schweizerisch-indischen Handelskammer und dem Dachverband der Schweizer Maschinenindustrie Swissmem bereits seit einem Jahr eigene Projekte durchführt. In den Städten Bangalore und Pune werden in Zweigstellen der Schweizer Industriefirmen Bobst (Hauptsitz: Lausanne), Bühler (Uzwil), Burckhardt (Winterthur) und Rieter (Winterthur) gegenwärtig 25 Lernende zu Polymechanikern ausgebildet. Das Ziel ist es, die Zahl der Lernenden bis 2011 auf rund 200 zu erhöhen.

Die privaten wie öffentlich mitfinanzierten Projekte sind in dem riesigen und bevölkerungsreichen Indien bloss kleine Schritte in eine modernere Bildungszukunft. Sie könnten sich aber durchaus zu einem nationalen Bildungsprojekt entwickeln. Unternehmer Jehle sieht dabei nur Gewinner: Indien könne von einem starken System profitieren; Schweizer Unternehmen könnten im Gegenzug ihre Vorzüge zeigen und Verbindungen in einen riesigen Markt knüpfen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.04.2010, 08:20 Uhr

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4 Kommentare

Roland Peter

21.04.2010, 09:27 Uhr
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Es gibt Stimmen die behaupten, die Berufsbildung sei ein altes Eisen und wäre nicht mehr zeitgemäss. Es sind auch die selben Stimmen, die drauf und dran sind, die Beruflehre abzuschaffen. Antworten


Andreas Meier

21.04.2010, 12:29 Uhr
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Eine wirklich gute Berufslehre ist leider selten geworden. Wirtschaftlich interessant ist es, einen 3. oder 4. Jahr-Azubi die Arbeit eines Arbeiters verrichten zu lassen, für 1/4 dessen Gehalts. Dann darf der Azubi auch nicht zuviel wissen, damit er kein Konkurrent werden kann. Was daraus resultiert, ist ein Nachfolgerproblem. Gut finde ich die BM, damit sich leistungswillige profilieren können. Antworten



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