Berner wollte Mormonen-Tempel verhindern
Von Michael Meier. Aktualisiert am 16.11.2009 5 Kommentare
In der Silvesternacht zum 1. Januar 1923 brannte das erste Goetheanum auf dem Dornacher Bluthügel lichterloh. Es war klar Brandstiftung. Der gewaltige Holzbau mit zwei Kuppeln war nur knapp drei Jahre zuvor als internationales Zentrum der Anthroposophen oder Theosophen, wie sie damals hiessen, eröffnet worden.
Vorausgegangen war eine hysterisch geführte Kontroverse. Pfarrer beider Landeskirchen waren gegen den fremdartigen Kuppelbau Sturm gelaufen und noch mehr gegen die theosophische Geheimlehre, in der sie eine Konkurrenz zum Christentum sahen. Allen Anfeindungen zum Trotz liess Rudolf Steiner 1928 ein zweites Goetheanum bauen – diesmal aus Eisenbeton.
Der Turm der Mormonen
Eine Generation später verunsicherte ein Sakralbau die Bevölkerung der Berner Vorortsgemeinde Münchenbuchsee. 1955 weihte dort die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, besser bekannt als die Mormonen, einen Tempel ein – samt einem 47 Meter hohen Turm. Die Bevölkerung reagierte anfänglich äusserst skeptisch auf den Bau der als Sekte geltenden Mormonen. Zumal deren Leitung in der US-Stadt Salt Lake City das Bauvorhaben beschlossen hatte. Ein Einspruch der evangelisch-reformierten Landeskirche wurde jedoch abgelehnt, weil die Beschwerdeführer nicht an das Bauland grenzten.
Das sind zwei der brisantesten Fälle von weltanschaulich geprägten Bauten in der Schweiz, die verhindert werden sollten. Sakralbauten fremder Gemeinschaften erregten jedenfalls schon früher Aufsehen und provozierten bisweilen Anstoss. Der Kampf gegen die Minarette bedeutet freilich eine neue Dimension. Die Initiative politisiert den Bau von bestimmten Sakralbauten, weil sie ein generelles Verbot erreichen will. Auslöser war das Minarett in Wangen bei Olten, das der türkische Kulturverein im letzten Januar nach vierjährigem Rechtsstreit errichtet hat. In Langenthal kämpft das Aktionskomitee «Stopp Minarett» nach wie vor erbittert gegen die Errichtung eines Minaretts.
Lokale Akteure entscheidend
Gemäss Religionswissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti wäre der Streit in Wangen bei Olten wohl vermeidbar gewesen, wenn die Muslime dort gut verwurzelt und mit den Behörden vertraut gewesen wären. Bei solchen Streitigkeiten spielten die lokalen Akteure die entscheidende Rolle. Oft errege ein Neubau einer auswärtigen Religionsgemeinschaft allein schon deshalb Aufsehen, weil sie im Gastland erstmals sichtbar werde.
Tunger hat das Projekt «Kuppel–Tempel–Minarett»* des Zentrums für Religionsforschung der Universität Luzern mitkonzipiert. Es dokumentiert mit einer Wanderausstellung und einem Faltprospekt 18 markante fremde Sakralbauten, die nach 1945 in der Folge der Migration entstanden sind. Aus deren Baugeschichte geht hervor, dass Opposition und Einsprachen keineswegs die Regel sind.
Stapi Landolt lobte das Minarett
So pries 1963 etwa der Zürcher Stadtpräsident Emil Landolt bei der Einweihung der Mahmud-Moschee an der Forchstrasse das erste Minarett der Schweiz als Zeichen für den «weltoffenen und liberalen Charakter» der Limmatstadt. Auch das Minarett der islamischen Kulturstiftung in Genf war kaum umstritten. Die Moschee konnte am 1. Juni 1978 in Anwesenheit von Bundespräsident Pierre Aubert und des saudischen Königs eingeweiht werden.
Auch das 2003 eingeweihte buddhistische Zentrum in Gretzenbach SO war politisch unangefochten. Wohl auch deshalb, weil es Unterstützung von allerhöchster Seite genoss und die Mutter des thailändischen Königs den Tempel mit über 1 Million Franken mitfinanzierte.
Ebenso wenig warf 1967 der Bau des klösterlichen Tibet-Instituts in Rikon ZH politische Wellen. Als drei Jahre zuvor die Gebrüder Jacques und Henri Kuhn tibetischen Flüchtlingen im Tösstal Unterkunft und Arbeitsplätze zur Verfügung stellten, hiess die Bevölkerung die fremden Tibeter willkommen. Ist die Finanzierung transparent und fördern einflussreiche Fürsprecher die Bauprojekte, sind sie in der Regel weit weniger umstritten.
Störendes Glockengeläute
Kommt es zu Einsprachen gegen Sakralbauten, sind in der Regel äusserliche und weniger weltanschauliche Gründe ausschlaggebend. Oft sind es Einsprachen wegen fehlender Parkplätze – oder wegen des störend empfundenen Glockengeläuts. So opponierten im Jahr 2002 Anwohner gegen das Anbringen zweier Glocken am neuen Zwiebelturm der russisch-orthodoxen Auferstehungskirche in Zürich. Die Gemeinde versprach, das Geläute auf ein Minimum zu reduzieren, womit die Einsprache hinfällig wurde.
Schärfere Proteste setzte es 2006 gegen das Projekt der serbisch-orthodoxen Kirche in Belp BE ab. Unter anderen erhob die örtliche SVP Einsprache gegen die Kirche. Sie passe mit ihrer für einen orthodoxen Sakralbau typischen Kuppel nicht ins Ortsbild von Belp, hiess es damals. Unbekannte zerstörten mehrfach die Bauprofile für die geplante Kirche, die dennoch gebaut wurde.
Synagogen sind beliebte Zielscheiben
Ein städtebaulich oft besonders heikler Brennpunkt sind die Synagogen. Zwar konnten Juden mit der ihnen Ende des 19. Jahrhundert zugestandenen Niederlassungsfreiheit auch in der Schweiz ungehindert Synagogen bauen, selbst an so zentraler Lage wie an Zürichs Löwenstrasse. Doch werden jüdische Synagogen immer wieder zu Zielscheiben von Anschlägen. So wurde 2005 auf die Synagoge von Lugano und vor zwei Jahren auf die Synagoge von Genf ein Brandanschlag verübt.
Auch die von osteuropäisch-orthodoxen Juden erbaute Zürcher Synagoge Agudas Achim, heute mit kugelsicheren Fenstern versehen, wurde wiederholt mit antijüdischen Parolen verschmiert. In der Nähe der Synagoge starb im Juni 2001 ein an seiner Kleidung als orthodoxer Jude erkennbarer Rabbiner im Kugelhagel. Ein weiteres Gemeindemitglied wurde 2008 unweit der Synagoge mit einem Messer verletzt.
*
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.11.2009, 06:46 Uhr
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5 Kommentare
Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein! Auch bei uns, in den eigenen christlichen Gemeinschaften existieren religiöse Scharfmacher. Dass das Verbieten von religiösen Monumenten uneinsichtige Mitglieder nicht zur Abkehr bewegen kann; ist wohl nur noch durch eine strikte Trennung zwischen Staat und Religion eine saubere Lösung möglich.Wir würden wohl besser vor unserer eigene Türe wischen. Antworten
@Maurus Candrian: Es geht doch nicht um Migrationshintergrund, Secondos, Ausländer oder was auch immer, sondern um Religion. Ich persönlich begrüsse, wenn die Schweiz säkular bleibt oder noch verstärkt wird. Dies muss aber auch bedeuten, dass man Religiöse Bauten allgemein kritischer gegenübersteht. Wir haben genug Orte der Spiritualität und Gotteshäuser. Antworten
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