«Bei der UBS waren die Fehler gravierender als bei der Swissair»

Von Iwan Städler. Aktualisiert am 13.03.2010

Als Retter in der Not war Peter Siegenthaler bei beiden grossen Schweizer Wirtschaftsdebakeln gefordert. Nun blickt der abtretende Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung zurück.

«Man hätte das Grounding der Swissair vermeiden können – und müssen»: Peter Siegenthaler.

«Man hätte das Grounding der Swissair vermeiden können – und müssen»: Peter Siegenthaler.
Bild: Keystone

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Ein Leben für den Staat

Mit Peter Siegenthaler verliert der Bund einen seiner besten Beamten. Der 61-Jährige begann 1982 bei der Eidgenössischen Finanzverwaltung, deren Leitung er im Juli 2000 übernahm.

Nur ein Jahr später überzeugte er als Vermittler in der Swissair-Krise. Und 2008 half er mit, die UBS zu retten. Siegenthaler ist Sozialdemokrat und hat an der Universität Bern Ökonomie studiert. Dort lernte er als Assistent von Professor Walter Müller auch Ulrich Gygi und Benedikt Weibel kennen, mit denen er noch heute eng befreundet ist.

Herr Siegenthaler, Sie treten Ende Monat nach 28 Jahren treuer Staatsdienerschaft als Direktor der Finanzverwaltung ab. Gefällt es Ihnen nicht mehr beim Bund?
Doch. Aber ich habe immer gesagt, dass ich nach meiner Zeit beim Bund noch etwas anderes machen möchte. Mit 65 Jahren ist das wahrscheinlich etwas schwierig. Deshalb lasse ich mich mit 62 vorzeitig pensionieren.

Sie haben unter nicht weniger als vier Bundesräten gearbeitet: Willi Ritschard, Otto Stich, Kaspar Villiger und Hans-Rudolf Merz. Welcher war der schwierigste?
Die vier waren respektive sind völlig unterschiedliche Charaktere. Trotzdem hatten sie rasch eine ähnliche Sichtweise – jene des Finanzministers, der eine unspektakuläre und oft undankbare Aufgabe hat. Wie Sisyphus. Das prägt.

Sie selbst waren in den letzten zehn Jahren als Finanzverwaltungs-Direktor nicht nur für die Bundesfinanzen verantwortlich, sondern retteten nebenbei noch die UBS und bewältigten die Swissair-Krise. Welches Versagen hat Sie mehr schockiert: jenes der Swissair- oder der UBS-Manager?
Das Letztere, denn bei der UBS waren die Fehler gravierender als bei der Swissair.

Inwiefern?
Es kumulierten sich gleich zwei Fehlentwicklungen: Erstens exponierte sich die Bank sehr stark in Papieren, die zu riesigen Wertberichtigungen führten. Zweitens setzte die UBS selbst dann noch aggressiv auf unversteuerte Vermögen, als der Finanzplatz bereits erkannt hatte, dass er nicht mehr in diese Richtung gehen sollte. Das war eine Riesendummheit.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Keine abschliessende. Dafür war ich zu wenig nah dran. Aber die UBS galt lange als Klassenbeste. So wurde es schwierig, sie zu kritisieren. Und sie hatte Mühe, Kritik ernst zu nehmen.

Da drängt sich eine Analogie zur Swissair auf, die lange als beste Airline der Welt galt.
Das ist nicht ganz falsch. Bei der Swissair verlief der Prozess aber über eine längere Zeitspanne. Auch spielten hier externe Faktoren eine wichtige Rolle. Denn mit dem EWR-Nein kam die Swissair in eine schwierige Situation. Das führte schliesslich zur Hunter-Strategie, die genügend Verkehr nach Zürich bringen sollte...

...aber spektakulär scheiterte. Als der Schlamassel angerichtet war, mussten Sie dafür sorgen, dass Airline- und Bankenleute an einem Strick zogen. War das schwierig?
Ja. Denn es gab viele verschiedene Gräben: zwischen Bankern und Airlinern, zwischen den Pilotenkorps, zwischen der Swissair und der Crossair, zwischen der UBS und der CS. Andererseits war die Situation derart gravierend, dass alle froh waren, dass sie die Politik an einen Tisch lud.

Welches war der heikelste Moment?
Die Tage vor und nach dem Grounding. Da war die Unordnung und Ratlosigkeit am grössten: Die Flotte stand am Boden. Im Ausland wurden Flugzeuge beschlagnahmt. Und Passagiere ärgerten sich über ihre wertlosen Tickets. Der Imageschaden war gigantisch und die Finanzierung der künftigen Swiss nicht gesichert. Die Menge der Probleme war so gross, dass ich zeitweise nicht mehr an eine Lösung glaubte.

Waren Sie wütend?
Nein, ich hatte kein Gefühl von Wut. Ich war einfach erschlagen von der Flut an Problemen.

Hätte man das Grounding Ihrer Ansicht nach vermeiden können?
Auf jeden Fall. Man hätte es vermeiden können – und müssen.

Wie denn?
Indem man das Geld, das in den Tagen danach floss, vorher hätte fliessen lassen. Das wäre günstiger gewesen. Doch die UBS war als federführende Bank überzeugt, dass die neue Airline wie ein Phoenix aus der Asche steigen müsse.

Und dafür brauchte es erst Asche.
Ja. Deshalb hiess das Projekt ja auch «Phoenix».

Ein paar Jahre später drohte der UBS selbst die Einäscherung. Und Sie waren wiederum im Rettungsteam. Wann war es in diesem Fall am brenzligsten?
Am Sonntagabend, 12. Oktober 2008, in Zürich. Da wurde definitiv klar, dass der Bund bei der UBS Kapital einschiessen muss. Und ich wusste, dass ich innerhalb von 24 Stunden einen Antrag an den Bundesrat verfassen muss – für die grösste Einzelausgabe in der Geschichte der Eidgenossenschaft. Da ging es mir nicht gut.

Warum nicht?
Ich hatte in kurzer Zeit relativ viele Probleme zu lösen. Wir mussten mit der Bank die Konditionen aushandeln. Und das Ganze musste auch juristisch einwandfrei sein, was nicht trivial war.

War es ein Vorteil, die Rettungsaktion im Geheimen vorbereiten zu können?
Von der Abwicklung her sicher. Aber es wurde zur politischen Hypothek: Wir mussten das Parlament vor ein Fait accompli stellen, was immer noch nachwirkt. Es ging allerdings nicht anders, weil die UBS eine mehrwöchige Diskussion um ihre Rettung kaum überlebt hätte.

Haben Sie sich manchmal gefragt, warum Sie – der Retter – etwa zehnmal weniger verdienen als die Geretteten?
Nein. Ich denke nicht in diesen Kategorien. Was mich aufregt, ist Arroganz.

Waren die Geretteten arrogant?
Es gab solche Einzelfälle. Übers Ganze betrachtet, war es aber eine konstruktive Zusammenarbeit – wenn auch unter sehr widrigen Umständen.

Stört es Sie, dass die UBS-Manager, die das Debakel verursacht haben, nicht zur Rechenschaft gezogen werden?
Für mich war immer klar, dass dies keine Frage des Strafrechts ist. Man hätte aber zivilrechtlich klagen können – unter dem Aspekt der Sorgfaltspflicht. Die UBS hat sich dies als Vertreterin der Geschädigten auch überlegt, befürchtete jedoch, dass so jahrelang dreckige Wäsche gewaschen würde. Ich frage mich allerdings, ob dies nicht ohnehin geschieht. Für die Auf- und Verarbeitung des Geschehenen wäre ein zivilrechtlicher Prozess wichtig gewesen.

Würden Sie es begrüssen, wenn eine PUK den Fall untersuchen würde?
Dazu möchte ich mich nicht äussern. Das ist Sache des Parlaments. Man sollte jetzt aber zumindest einmal die Ergebnisse der Untersuchung der Geschäftsprüfungskommission abwarten.

Waren die Boni Ihrer Ansicht nach mitverantwortlich für die UBS-Krise?
Es war ein beschleunigendes Element – aber wohl nicht das wichtigste.

Inwiefern haben die Boni die Entwicklung beschleunigt?
Weil sie so ausgerichtet waren, dass sie das kurzfristige Umsatzdenken gefördert und das eingegangene Risiko nicht berücksichtigt haben.

Werden Sie der Abzocker-Initiative zustimmen, falls sie vors Volk kommt?
Es braucht eine Korrektur. Und ich hoffe, dass die Vorschläge, die nun auf dem Tisch liegen, diese Korrektur bringen. Denn die sogenannte Abzockerei schadet unserer Gesellschaft ungemein.

Wie?
Wir werden in der nächsten Zeit vor wichtigen und schmerzhaften Reformen stehen. Die Bevölkerung sieht aber nicht ein, warum sie verzichten soll, wenn andere derart zulangen. Durch diese Bezüge jenseits der Grenze des Erträglichen verliert ein Teil der wirtschaftlichen Elite an Glaubwürdigkeit.

Wie löst man das Problem?
Es gibt wohl kein Allheilmittel. Denn ich sehe natürlich auch, dass sich die Banken in einem internationalen Umfeld befinden. Entscheidend ist letztlich ein Gesinnungswandel.

Was heisst das jetzt? Sind Sie nun für oder gegen die Abzocker- Initiative?
Schauen wir doch mal, was zur Abstimmung kommt. So weit sind die einzelnen Vorschläge gar nicht auseinander.

Offiziell sind Sie immer noch Sozialdemokrat. Warum?
Eine Parteizugehörigkeit wechselt man nicht wie das Hemd. Die SP hat viel mit meiner Sozialisierung und mit meiner Entwicklung zu tun – auch wenn ich heute in verschiedenen Fragen mit meiner Partei nicht einig bin.

Wählen Sie noch SP?
(Lacht.) Ich glaube, davon können Sie ausgehen. Aber ich achte immer auch auf die Leute.

Welche SP-Forderung ist Ihnen am wichtigsten?
Dass bei all den Reformen eine gewisse soziale Balance bestehen bleibt – etwa bei der AHV oder der Arbeitslosenversicherung.

Sie möchten nun SBB-Verwaltungsrat werden. Warum?
Das ist noch nicht offiziell. Ich wurde einfach einmal angefragt.

Sind Sie interessiert?
Ja. Ich habe eine sehr enge Beziehung zu den SBB. Und ihr Schicksal liegt mir am Herzen. Stellen Sie sich die Schweiz einmal ohne SBB vor! Die Bahn ist identitätsstiftend.

Sie haben nicht nur eine sehr enge Beziehung zu den SBB, sondern auch zu deren Verwaltungsrats- präsident Ulrich Gygi. Er ist ein guter Freund und Förderer von Ihnen. Können Sie unter diesen Umständen ein unabhängiger SBB-Verwaltungsrat sein?
Bestimmt. Ueli Gygi weiss genau, dass er sich mit mir ein relativ kritisches Verwaltungsratsmitglied einhandelt.

Nach aussen kann aber dennoch der Anschein der Befangenheit entstehen.
Das mag sein. Ich habe aber noch nie in einer Sache eine andere Meinung vertreten, um jemandem einen Gefallen zu tun. Und ich werde dies auch in Zukunft nicht tun.

Bereits gewählt sind Sie als Präsident des Kantonalbanken-Verbands. Nützt Ihnen da die Erfahrung als UBS-Krisenbewältiger?
Ich denke schon. Als Direktor der Finanzverwaltung war ich ja auch für die Finanzmarktregulierung zuständig. Die Kantonalbanken wissen aber selbstverständlich, dass ich kein Banker bin.

Daneben dürften Sie schon bald mehr Zeit fürs Fliegenfischen haben.
Das hoffe ich, ja.

Was gibt Ihnen das? Ist dies nicht etwas langweilig nach der interessanten Zeit mit der UBS- und der Swissair-Krise?
Nein, nein! Das ist alles andere als langweilig. Es ist höchst anforderungsreich, auf diese Weise einen Fisch zu fangen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2010, 06:36 Uhr

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