Autofahrer preschen vor

Politik am Autosalon: Der Präsident von Auto Schweiz lanciert eine Initiative für eine «faire Verkehrsfinanzierung». Die Benzinsteuern sollen voll der Strasse zugutekommen.

«Der Automobilist ist eine Milchkuh»: Max Nötzli, Präsident der Automobil-Importeure, macht am Autosalon Politik.

«Der Automobilist ist eine Milchkuh»: Max Nötzli, Präsident der Automobil-Importeure, macht am Autosalon Politik. Bild: Martin Furrer

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Der Automobilist, er ist nicht bloss profaner Fahrzeuglenker, er ist König – zumindest am Genfer Autosalon, der derzeit wieder Hunderttausende anzieht. Eine Branche liegt ihm zu Füssen. Es funkelt das Chrom, es strahlen verkaufsfördernd charmante Damen. Sie vollführen laszive Tänze mit langen Staubwedeln, bereit, auch allerkleinste Schmutzpartikel von der Karosserie zu wischen, damit das Auge potenzieller Kunden nicht beleidigt wird.

Den Automobilisten umschmeichelt man mit dem Geruch frischen Leders im Wageninnern, mit dem satten Schwarz eleganter Leichtlaufreifen. Man macht ihm in Genf den Hof nach allen Regeln der Kunst. Doch Genf ist nicht der Alltag. Das weiss Max Nötzli allzu gut. Der Präsident von Auto Schweiz, der Vereinigung der Automobil-Importeure, steht am Stand seines Verbandes in einer der vielen Ausstellungshallen. Hinter ihm prangt als Dekoration kein Bild eines Chryslers, kein Poster eines Kias, sondern – ein Plakat mit einer Kuh.

«Mit jedem Liter Treibstoff», sagt der 68-Jährige, «liefern die Strassen­benützer rund 90 Rappen an Steuern, Gebühren und Abgaben an den Staat.» Ungeniert würden sie zur Kasse gebeten, sagt Nötzli: «Der Automobilist ist eine Milchkuh.» Das Tier dient als ­Sig­net der Volksinitiative «für eine faire Verkehrsfinanzierung», kurz Milchkuh-Initiative genannt.

«Steuern, Gebühren, Abgaben»

Nötzli und seine Mitstreiter – darunter Ex-Formel-1-Pilot Marc Surer, Gewerbeverbandspräsident und SVP-Nationalrat Jean-François Rime, der Zuger CVP-Ständerat Gerhard Pfister und die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala – haben das Begehren diese Woche lanciert. Sie fordern, dass künftig der gesamte Mineralölsteuer-Ertrag der Strassenkasse des Bundes zugutekomme.

Heute zweigt die Eidgenossenschaft die Hälfte des Ertrags für ihren allgemeinen Finanzhaushalt ab. Ausserdem fliesst ein Teil in den Fonds zur Finanzierung des öffentlichen Verkehrs. «Die Einnahmen aus dem Strassenverkehr sollten konsequent in die Strassen-­infrastruktur investiert werden», sagt Nötzli. «Die Autofahrer zahlen ja immer mehr Steuern, Gebühren und Abgaben. Trotzdem erklärt uns der Bund, es fehle langfristig das Geld für die Instandhaltung und den Ausbau des Strassennetzes. Das geht nicht auf.»

Neuling in der Politik

Nötzli spricht von «Zweckentfremdung», er pocht darauf, dass «der eine nicht für das Verkehrsmittel des andern zahlen» solle. Es sind neue Begriffe, die ihm da über die Lippen kommen. Denn Politik spielte bisher im Leben des gebürtigen Zürchers kaum eine grosse Rolle.

Sein Vater war zwar einst in Bülach Gemeindepräsident der Bauern- und Gewerbepartei, der Vorgängerin der SVP. Doch ein politisches Amt hat FDP-Sympathisant Nötzli nie angestrebt. Nach Studien an der ETH Zürich heuerte Nötzli mit 25 bei der «Auto­mobil-Revue» an – und blieb ihr treu. Er brachte es bis zum Chefredaktor, «es war mir keine Stunde langweilig, denn ich konnte mich mit den Objekten befassen, die mich von klein auf begeistert haben: Autos».

Keine Quersubventionen mehr

Andere haben auf ihrem Handy ­Fotos ihrer Liebsten gespeichert – Nötzli zeigt Bilder seines ersten Wagens. «Ein Studebaker Avanti», sagt er. Seine ­Augen leuchten. Als Journalist und Testfahrer schrieb er einst Sätze wie: «Der Achtliter-Sechzehnzylindermotor klingt wie das weit entfernte Donnergrollen eines Sommergewitters.»

Jetzt sagt er: «Unsere Initiative will Druck auf den Bundesrat und das Parlament ausüben, damit endlich das Verursacherprinzip in der Verkehrsfinanzierung Realität wird.» Die Bahnbenützer profitieren in Nötzlis Augen allzu sehr von Subventionen, während die Automobilisten den Privatverkehr bereits mehr als kostendeckend selber finanzieren.

TCS und ACS machen nicht mit

Die Milchkuh, die Nötzli übrigens selber entworfen hat – «ich habe immer schon gern gezeichnet, ich spielte einst mit dem Gedanken, Werbegrafiker zu werden» –, taucht als Symbol des Automobilisten, dem man mehr nimmt als gibt, am Genfer Salon an vielen Ecken auf. «Wollen Sie unterschreiben?», fragt ein junger Herr und zückt einen Unterschriftenbogen, während nebenan ­Besucher einen knallroten Sportwagen und dessen strohblonde Kühlerfigur aus echtem Fleisch und Blut fotografieren.

Die grossen Automobilverbände TCS und ACS fehlen im Initiativkomitee. TCS-Zentralpräsident Peter Goetschi wird in der jüngsten «Auto­mobil-Revue» mit der folgenden Begründung zitiert: «Ich verstehe die Stossrichtung der Initiative. Wir glauben aber nicht, dass sie die Lösung bedeutet für die ­Finanzierung der Strasseninfrastruktur.» Eine Unterstützung sei aber «nicht ausgeschlossen». Auch der ACS sagt, er werde vielleicht «etwas später einen Beitrag zur Unterschriftensammlung leisten». Echte Begeisterung tönt anders.

Nötzli muss jetzt weiter, er entschwindet in den Hallen, wo sich ­Modell an Modell reiht. Er weiss: Autos wird es immer geben. Nur das Geld, das nötig ist, damit immer mehr Autos auf immer dichter befahrenen Strassen vorwärtskommen können, muss hart erkämpft werden. Nötzli ist zuversichtlich: «Wir werden die nötigen 100 000 Signaturen zusammenbringen.» (Basler Zeitung)

(Erstellt: 08.03.2013, 12:01 Uhr)

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