Autofahrer preschen vor
Von Martin Furrer. Aktualisiert am 08.03.2013 33 Kommentare
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Der Automobilist, er ist nicht bloss profaner Fahrzeuglenker, er ist König – zumindest am Genfer Autosalon, der derzeit wieder Hunderttausende anzieht. Eine Branche liegt ihm zu Füssen. Es funkelt das Chrom, es strahlen verkaufsfördernd charmante Damen. Sie vollführen laszive Tänze mit langen Staubwedeln, bereit, auch allerkleinste Schmutzpartikel von der Karosserie zu wischen, damit das Auge potenzieller Kunden nicht beleidigt wird.
Den Automobilisten umschmeichelt man mit dem Geruch frischen Leders im Wageninnern, mit dem satten Schwarz eleganter Leichtlaufreifen. Man macht ihm in Genf den Hof nach allen Regeln der Kunst. Doch Genf ist nicht der Alltag. Das weiss Max Nötzli allzu gut. Der Präsident von Auto Schweiz, der Vereinigung der Automobil-Importeure, steht am Stand seines Verbandes in einer der vielen Ausstellungshallen. Hinter ihm prangt als Dekoration kein Bild eines Chryslers, kein Poster eines Kias, sondern – ein Plakat mit einer Kuh.
«Mit jedem Liter Treibstoff», sagt der 68-Jährige, «liefern die Strassenbenützer rund 90 Rappen an Steuern, Gebühren und Abgaben an den Staat.» Ungeniert würden sie zur Kasse gebeten, sagt Nötzli: «Der Automobilist ist eine Milchkuh.» Das Tier dient als Signet der Volksinitiative «für eine faire Verkehrsfinanzierung», kurz Milchkuh-Initiative genannt.
«Steuern, Gebühren, Abgaben»
Nötzli und seine Mitstreiter – darunter Ex-Formel-1-Pilot Marc Surer, Gewerbeverbandspräsident und SVP-Nationalrat Jean-François Rime, der Zuger CVP-Ständerat Gerhard Pfister und die Zürcher FDP-Nationalrätin Doris Fiala – haben das Begehren diese Woche lanciert. Sie fordern, dass künftig der gesamte Mineralölsteuer-Ertrag der Strassenkasse des Bundes zugutekomme.
Heute zweigt die Eidgenossenschaft die Hälfte des Ertrags für ihren allgemeinen Finanzhaushalt ab. Ausserdem fliesst ein Teil in den Fonds zur Finanzierung des öffentlichen Verkehrs. «Die Einnahmen aus dem Strassenverkehr sollten konsequent in die Strassen-infrastruktur investiert werden», sagt Nötzli. «Die Autofahrer zahlen ja immer mehr Steuern, Gebühren und Abgaben. Trotzdem erklärt uns der Bund, es fehle langfristig das Geld für die Instandhaltung und den Ausbau des Strassennetzes. Das geht nicht auf.»
Neuling in der Politik
Nötzli spricht von «Zweckentfremdung», er pocht darauf, dass «der eine nicht für das Verkehrsmittel des andern zahlen» solle. Es sind neue Begriffe, die ihm da über die Lippen kommen. Denn Politik spielte bisher im Leben des gebürtigen Zürchers kaum eine grosse Rolle.
Sein Vater war zwar einst in Bülach Gemeindepräsident der Bauern- und Gewerbepartei, der Vorgängerin der SVP. Doch ein politisches Amt hat FDP-Sympathisant Nötzli nie angestrebt. Nach Studien an der ETH Zürich heuerte Nötzli mit 25 bei der «Automobil-Revue» an – und blieb ihr treu. Er brachte es bis zum Chefredaktor, «es war mir keine Stunde langweilig, denn ich konnte mich mit den Objekten befassen, die mich von klein auf begeistert haben: Autos».
Keine Quersubventionen mehr
Andere haben auf ihrem Handy Fotos ihrer Liebsten gespeichert – Nötzli zeigt Bilder seines ersten Wagens. «Ein Studebaker Avanti», sagt er. Seine Augen leuchten. Als Journalist und Testfahrer schrieb er einst Sätze wie: «Der Achtliter-Sechzehnzylindermotor klingt wie das weit entfernte Donnergrollen eines Sommergewitters.»
Jetzt sagt er: «Unsere Initiative will Druck auf den Bundesrat und das Parlament ausüben, damit endlich das Verursacherprinzip in der Verkehrsfinanzierung Realität wird.» Die Bahnbenützer profitieren in Nötzlis Augen allzu sehr von Subventionen, während die Automobilisten den Privatverkehr bereits mehr als kostendeckend selber finanzieren.
TCS und ACS machen nicht mit
Die Milchkuh, die Nötzli übrigens selber entworfen hat – «ich habe immer schon gern gezeichnet, ich spielte einst mit dem Gedanken, Werbegrafiker zu werden» –, taucht als Symbol des Automobilisten, dem man mehr nimmt als gibt, am Genfer Salon an vielen Ecken auf. «Wollen Sie unterschreiben?», fragt ein junger Herr und zückt einen Unterschriftenbogen, während nebenan Besucher einen knallroten Sportwagen und dessen strohblonde Kühlerfigur aus echtem Fleisch und Blut fotografieren.
Die grossen Automobilverbände TCS und ACS fehlen im Initiativkomitee. TCS-Zentralpräsident Peter Goetschi wird in der jüngsten «Automobil-Revue» mit der folgenden Begründung zitiert: «Ich verstehe die Stossrichtung der Initiative. Wir glauben aber nicht, dass sie die Lösung bedeutet für die Finanzierung der Strasseninfrastruktur.» Eine Unterstützung sei aber «nicht ausgeschlossen». Auch der ACS sagt, er werde vielleicht «etwas später einen Beitrag zur Unterschriftensammlung leisten». Echte Begeisterung tönt anders.
Nötzli muss jetzt weiter, er entschwindet in den Hallen, wo sich Modell an Modell reiht. Er weiss: Autos wird es immer geben. Nur das Geld, das nötig ist, damit immer mehr Autos auf immer dichter befahrenen Strassen vorwärtskommen können, muss hart erkämpft werden. Nötzli ist zuversichtlich: «Wir werden die nötigen 100 000 Signaturen zusammenbringen.» (Basler Zeitung)
Erstellt: 08.03.2013, 12:01 Uhr
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33 Kommentare
Herr Nötzli, danke!
Hätten wir nur mehr Leute wie Sie....vor allem in der Politik....die Schweiz wäre lebenswerter. Dass die Automobilclubs ACS und TCS Ihr Vorhaben nicht unterstützen, ist eine Farce. Immerhin besteht die Klientel der beiden Mobilitätsverbände zur Hauptsache aus Michkühen.
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Die Diskussionn um die Autobahnvignette hat es gezeigt: Seit Jahrzehnten wird uns versprochen, dass das Strassennetz fertiggestellt wird, wenn nur noch einmal die Bürger JA sagen zur Erhöhung des Treibstoffzolles, der Vignette. Ich hoffe wir sind mittlerweilen klüger und beginnen nun selber, das Heft in die Hand zu nehmen. Milchkuh ist sympathisch, aber übertreiben sollte man es auch da nicht... Antworten
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