Ausländische Männer sind öfter gewalttätig

Zahlen der Basler Polizei belegen, dass bei häuslicher Gewalt Migrantenfamilien statistisch übervertreten sind. Gerichtspsychiater Frank Urbaniok erklärt die Gründe.

Über die Hälfte der Täter sind verheiratet: Frauen protestieren mit rot gefärbten Füssen gegen häusliche Gewalt. (Archivbild)

Über die Hälfte der Täter sind verheiratet: Frauen protestieren mit rot gefärbten Füssen gegen häusliche Gewalt. (Archivbild) Bild: Keystone

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2011 musste die Polizei Basel-Stadt täglich an einen Fall von häuslicher Gewalt ausrücken. In 310 Fällen stellten die Beamten strafbare Handlungen fest. Bei den Opfern handelte es sich mehrheitlich um Frauen, die von ihren Ehepartnern oder Lebensgefährten bedroht, genötigt, gewürgt oder geschlagen wurden.

Erstmals äussert sich die Polizei zu einem vermuteten Problem im Bereich häuslicher Gewalt: Von den 310 registrierten Fällen waren 63 Prozent der Täter Ausländer. Und auch bei den Opfern sind 56 Prozent ausländischer Herkunft. In der Basler Wohnbevölkerung beträgt der Anteil der Ausländer 32 Prozent. Peter Gill, Sprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt, nennt einen entscheidenden Grund: «Die Gewalt hat in diesen Kulturkreisen innerhalb der Familie einen anderen Stellenwert.»

Prioritäres Thema

Bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft hat das Thema häusliche Gewalt grosse Priorität. Seit 2007 muss die Polizei von Amtes wegen einschreiten, wenn sie Kenntnis von einem Fall von häuslicher Gewalt hat. Also auch dann, wenn eine Drittperson Anzeige erstattet. Gerade bei Frauen ausländischer Herkunft sei dies immer wieder der Fall. «Wir stellen fest, dass Frauen, die nicht aus unserem Kulturkreis stammen, eine höhere Hemmschwelle haben, die Polizei zu verständigen. Das wird ihnen von der Familie oder Sippe als Verrat vorgeworfen», sagt Peter Gill. «Wenn sie es tun, haben sie eine lange Leidensgeschichte hinter sich, mit schlimmen Übergriffen.» Oft würden es die dominanten Ehemänner nicht zulassen, dass sie sich in Basel integrieren könnten. «Viele wissen deshalb nicht, an wen sie sich wenden müssen», sagt Gill. Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt vermutet daher eine deutlich höhere Dunkelziffer.

Im Zuge der Offizialisierung hat der Kanton Basel-Stadt das Polizei­gesetz angepasst. Gemäss Paragraf 37a. können die Beamten eine Person, von der weiterhin Gefahr ausgeht, für 12 Tage aus der Wohnung wegweisen. Und auch hier sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: 2011 wurden 46 Wegweisungen ausgesprochen. Davon waren 30 Personen ausländischer Herkunft. Ähnlich zeigt sich die Situation im Kanton Basel-Land. Von den insgesamt 81 ausgesprochenen Wegweisungen waren in 55 Fällen Ausländer betroffen.

Drei von vier Tätern sind Väter

Der Kanton Zürich veröffentlichte Anfang April eine grosse Studie zum Thema häusliche Gewalt. Es ist die schweizweit umfangreichste Arbeit auf dem Gebiet. 2800 Fälle wurden ausgewertet. Das Ergebnis: Der Anteil an Ausländern ist mit 57 Prozent auch hier überdurchschnittlich hoch.

Die Wissenschaftler um den renommierten Zürcher Gerichtspsychiater Frank Urbaniok ­kamen in ihrer Studie zudem zu folgenden Schlüssen:

  • Über die Hälfte der Täter sind verheiratet, knapp zwei Drittel sind Väter.
  • Muslime und Konfessionslose sind stark übervertreten.
  • In drei von vier Fällen üben Männer physische Gewalt aus. Andere Formen von häuslicher Gewalt sind Stalking oder Drohungen.
  • In jedem vierten Fall spielt Alkohol eine Rolle.
  • Über 70 Prozent der Täter sind bereits im Strafregister verzeichnet.

Polizei stellt Rückgang fest

Bei der Polizei Basel-Stadt stellt man einen Rückgang der als häusliche Gewalt dokumentierten Fälle fest. 2008 waren es noch 425 Fälle, 2011 310. Das gleiche Bild zeigt sich auch im Baselbiet. Von 497 Fällen 2008 senkte sich die Zahl auf 445 im letzten Jahr. Davon gelangt jedoch nur ein verschwindend kleiner Teil vor Gericht. 2011 wurden lediglich zehn gewalttätige Männer angeklagt und 27 Fälle mit einem Strafbefehl abgeschlossen. In 185 Fällen wurde das Verfahren eingestellt. Davon in 86 Fällen, weil das Opfer eine Einstellung des Verfahrens wünschte, wozu es nach Strafgesetzbuch in gewissen Fällen berechtigt ist.

«Ein Faktor ist der kulturelle Hintergrund»

Die Studie aus dem Kanton Zürich ist schweizweit die umfangreichste Arbeit zum Thema. 2800 Fälle zwischen April 2007 und Dezember 2009 wurden untersucht. Mitautor der wissenschaftlichen Arbeit ist der renommierte Gerichtspsychiater Frank Urbaniok. Als Chef des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Zürcher Amtes für Justizvollzug entscheidet er über die Therapiefähigkeit von Sexual- und Gewaltstraftätern. Im Interview erklärt Urbaniok, weshalb die häusliche Gewalt mehrheitlich ein Ausländerproblem ist.

Herr Urbaniok, gemäss Ihrer Studie sind Ausländer fast viermal häufiger gewalttätig gegenüber ihrer Partnerin als Schweizer. Sie sprechen von einem statistisch hoch signifikanten Zusammenhang zwischen Ausländern und häuslicher Gewalt. Wie interpretieren Sie das Ergebnis Ihrer Studie?
Es ist tatsächlich so, dass Täter mit Migrationshintergrund bei der häuslichen Gewalt, ähnlich wie bei den Tötungsdelikten, massiv überrepräsentiert sind. Zu den Ursachen gibt es verschiedene Erklärungsmöglichkeiten und unterschiedliche Meinungen. Einen Faktor schätze ich aber als entscheidend ein: Es ist der kulturelle Hintergrund. In gewissen Kulturkreisen gibt es eine andere familiäre Rollenvorstellung. Hier wird es häufiger als legitim angesehen, wenn der Mann die Frau vollkommen dominiert. Wenn das die Basis für Gewaltdelikte ist, nennen wir das eine delinquenzfördernde Weltanschauung.

Können Sie eingrenzen, aus welchen Kulturkreisen die gewaltausübenden Männer stammen?
Die Studie zeigt, dass es sich bei den ausländischen Tätern nicht um EU-Ausländer handelt. Am deutlichsten übervertreten sind Männer aus dem Balkan, der Türkei und Afrika.

Alles Länder, in denen der muslimische Glauben vertreten ist, wenn nicht sogar von der Mehrheit der Bevölkerung praktiziert wird. Spielt die Religion bei der häuslichen Gewalt auch eine entscheidende Rolle?
Im Rahmen unserer Studie haben wir auch nach der Religion der Täter gefragt. Und hier zeigt sich: Es dominieren die Gruppen der Konfessions­losen und der Muslime, die Zahlen verstehen sich in Bezug auf die Gesamtbevölkerung. Allerdings sind wir vorsichtig bei der Interpretation dieses Befundes. Denn einerseits sind Konfessionslose eine unklare Gruppe. Sie enthält auch Personen, bei denen keine Informationen zur Religion vorlagen. Andererseits sind Täter mit muslimischem Glauben zwar überrepräsentiert, was aber einfach eine Folge der Dominanz bestimmter Herkunftsländer sein kann.

Häusliche Gewalt beinhaltet ein breites Spektrum an Straftaten. Sie reicht von Drohung über Körperverletzung bis zur absoluten Eskalation, der Tötung. Wie kann erkannt werden, dass von einem Mann die Gefahr einer schweren Gewaltanwendung ausgeht?
Wir unterscheiden grob in drei Tätergruppen. In der ersten Gruppe sind wir mit Personen konfrontiert, die aufgrund eines Beziehungskonflikts gewalttätig werden. Löst sich dieser Konflikt oder geht die Beziehung auseinander, treten die Personen nicht mehr gewalttätig in Erscheinung. In der zweiten Gruppe sprechen wir von Tätern, die psychisch auffällig sind. Diese Gruppe muss einer therapeutischen Behandlung zugeführt werden. Als sehr problematisch erachten wir die dritte dissoziale Gruppe. Die Täter fallen durch Kriminalität und dadurch auf, dass sie generell Regeln verletzen. Übt eine solche Person zudem noch häusliche Gewalt aus, birgt das ein grosses Risiko in sich. Hier muss genau abgeklärt werden, inwieweit von diesem Täter die Gefahr ausgeht, dass er eine schwere Gewalttat ausübt.

Reichen die Massnahmen gegen häusliche Gewalt?
Es gibt heute viele gute Massnahmen. Ganz wichtig ist, dass man in der Schweiz erkannt hat, dass häusliche Gewalt keine Bagatelle ist. Die Offizialisierung war nötig. Sehr sinnvoll finde ich, dass es in einzelnen Kantonen ein Gewaltschutzgesetz und ausgewiesene Fachleute gibt, die sehr gute Arbeit leisten.» (Basler Zeitung)

(Erstellt: 15.09.2012, 08:39 Uhr)

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