Asiatinnen sollen kranke Schweizer pflegen
Von Verena Vonarburg. Aktualisiert am 25.06.2010 37 Kommentare
Umfrage
Soll die Schweiz künftig wieder vermehrt Arbeitskräfte von ausserhalb der EU holen, um den Personalmangel in gewissen Berufsgattungen zu kompensieren?
Ja
Nein
263 Stimmen
Ausgerechnet in der Ausländerpolitik, da wo sich Linke und Rechte sonst besonders gern bekämpfen, ereignet sich Bemerkenswertes. SP und SVP, Bürgerliche aus der Mitte, Spitzenbeamte des Bundes, die Flüchtlingshilfe und der Arbeitgeberverband verfolgen ein gemeinsames Ziel: Antworten auf die Frage zu finden, wie die Schweiz künftig von ausserhalb der EU wieder vermehrt Arbeitskräfte holen kann.
Man ist sich einig: Die Schweiz soll sich weniger abschotten als heute. Aktuell werden die Ausländer auf dem Arbeitsmarkt in zwei Kategorien aufgeteilt: Wer in der EU lebt, kann dank der Personenfreizügigkeit überall arbeiten, wer von weiter her kommt, darf nur in die Schweiz kommen, wenn er hoch qualifiziert ist. Entsprechend versuchen es viele über ein – aussichtsloses – Asylgesuch, oder sie versuchen ihr Glück von Anfang an als Illegale.
Bald kommt der Mangel
Als der Bund unlängst die Kontingente für die sogenannten Drittstaaten noch einmal halbierte, protestierte die Wirtschaft laut und erfolgreich, Eveline Widmer-Schlumpfs Departement gab nach. Der Druck aus der Wirtschaft nimmt in den kommenden Jahren unweigerlich zu. Wegen des demografischen Mangels werden gewisse Berufsgattungen EU-weit unter einem Mangel leiden.
Etwa in den Pflegeberufen. In fünf bis zehn Jahren, so die Berechnungen, fehlen in der Schweiz rund 100 000 Arbeitskräfte im Gesundheitswesen. Weil die Europäer immer älter werden und nicht genug Junge nachfolgen, um die Kranken und Alten zu pflegen, schaut man nach Asien: Dort werden mehr Pflegende ausgebildet, als Stellen zur Verfügung stehen: Auf diese Arbeitskräfte hat es nicht nur die Schweiz, sondern ganz Europa abgesehen.
Ideen gefallen auch den Linken
Wo es an Personal fehlt, will man es aus verschiedenen Ecken der Welt holen. Flexibler sein in der Ausländerpolitik und wieder einmal Kontingente von Flüchtlingen aufnehmen: Solche Ideen gefallen auch der Linken. Der SP-Vertreter am runden Tisch aller Akteure in der Migrationspolitik ist Nationalrat Andy Tschümperlin. Er hält die Gruppe, die sich seit einiger Zeit jeweils Anfang einer Session für ein paar Stunden zusammensetzt, «für etwas vom Besten und Fruchtbarsten, was ich bislang in Bundesbern erlebt habe». Es sei wohltuend, dass man sich ohne den üblichen Parteienlärm konstruktiv über Fragen der Migration austauschen könne. Tschümperlin betont auch den internationalen Aspekt des Problems: Die Schweiz komme nur gemeinsam mit anderen europäischen Staaten in der Migrationspolitik voran.
Auch Nationalrat Felix Müri, der als SVP-Vertreter und Mitglied des Europarats mitwirkt, ist des Lobes voll für die Arbeit: «Ich halte sie für sehr interessant. Entscheidend ist, dass jeder dem anderen ein Stück weit entgegenkommt.» Die Schweiz müsse in der Migrationspolitik «eine gewisse Flexibilität zeigen und nicht stur sagen: Wir haben zu viel oder zu wenig Ausländer, sondern sich immer der jeweiligen wirtschaftlichen Situation anpassen». Das solle auch für die Asylpolitik gelten, da sei er mit der Flüchtlingshilfe einverstanden. «Wir könnten schon einmal gezielt aus einem Land ein Kontingent an Flüchtlingen aufnehmen.»
Runder Tisch stösst auf Begeisterung
Initiantin der Gruppe, die mit vollen Namen «Workshop Runder Tisch Migrationspolitik 2020 bis 2030» heisst, ist die Freisinnige Doris Fiala. Die Nationalrätin präsidiert auch eine Flüchtlingskommission des Europarats. Fiala ist vom runden Tisch «total begeistert. Man spürt dort überhaupt keine Parteipolitik. Es geht allen um die Sache.» Sie sei sehr glücklich, habe man neben den Politikern auch die wichtigsten Fachleute für die Gruppe gewinnen können. Es sei wichtig, Visionen für die Schweiz zu entwickeln. Die Idee für den runden Tisch kam Fiala, «als ich sah, was geschehen ist, weil wir keine Strategie zur mittel- und langfristigen Verteidigung des Finanzplatzes hatten». In der Folge habe sie sich überlegt, auf welchem politischen Gebiet sie einen konstruktiven Beitrag für eine langfristige Planung leisten könne. Fialas Wahl fiel auf die Migrationspolitik.
Im Herbst will die Gruppe ihre Vorschläge publik machen. Ein wichtiges Instrumentarium der künftigen Migrationspolitik sieht sie in konkreten Vereinbarungen mit Staaten, die beiden Seiten Gewinne bescheren. So wäre denkbar, dass die Schweiz eine bestimmte Anzahl thailändischer oder philippinischer Pflegerinnen aufnähme und auf der anderen Seite das Herkunftsland bei der Ausbildung hälfe. Solche Migrationspartnerschaften funktionieren immer nach dem Tauschprinzip.
Die Pläne des runden Tischs sind ganz im Sinn des Bundes. Thomas Greminger vom EDA plädiert ebenfalls dafür, dass die Schweiz Arbeitskräfte aus der Dritten Welt rekrutiere. Auch er ist sich aber bewusst, dass es dafür «noch sehr viel Überzeugungsarbeit braucht in unserem Land». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.06.2010, 07:15 Uhr
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37 Kommentare
Es soll mir mal jemand erklären, wie der zunehmender Überalterung unserer Gesellschaft und den explodierenden Gesundheitskosten ohne den Einsatz von Ausländern begegnet werden soll, vor allem in weniger qualifizierten Pflegeberufen, die schon heute kaum noch von SchweizerInnen gemacht werden. Antworten
Endlich gehen die Diskussionen in die richtige Richtung. Es gibt viele, gut ausgebildete Krankenschwestern und Pflegerinnen z.B. auf den Philippinen, welche sehr gerne in der Schweiz (durchaus mit befristetem Arbeitsvertrag) arbeiten würden. Für das Sprachproblem gibt es sicherlich eine Lösung. Antworten
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