Altersfreitod ist breit akzeptiert

Ein erleichterter Zugang zu Sterbemitteln im Alter stösst auf breite Akzeptanz. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage. Die Haltung in der Bevölkerung steht damit im Widerspruch zu den Richtlinien für Ärzte.l

Wer darf bestimmen,  wann die Zeit abgelaufen ist? Gemäss einer Umfrage halten viele Befragte das Selbstbestimmungsrecht hoch.

Wer darf bestimmen, wann die Zeit abgelaufen ist? Gemäss einer Umfrage halten viele Befragte das Selbstbestimmungsrecht hoch. Bild: Fotolia

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Nicht nur Mitglieder der Sterbehilfeorganisation Exit würden einen einfacheren Zugang für Hochbetagte zu Sterbemitteln begrüssen. Eine neue repräsentative Umfrage weist auf eine breite Akzeptanz in der gesamten Bevölkerung hin. Sie wurde im Auftrag der Zeitung «Reformiert» vom Forschungsinstitut Léger durchgeführt. 68 Prozent der Befragten bezeichneten den erleichterten Alterssuizid als eine eher oder gar sehr gute Möglichkeit.

Wie «Reformiert» mitteilt, ist die Zustimmung in der höchsten befragten Altersgruppe zwischen 55 und 74 Jahren besonders hoch. Ausserdem stimmten 77 Prozent der Befragten eher oder sehr zu, dass Menschen für sich selbst verantwortlich sind und diese Eigenverantwortung auch beim Sterben einfordern dürfen. Die Umfrage weist aber auch auf einen heiklen Punkt hin.

So halten 47 Prozent der Befragten folgendes Argument für überzeugend: Die Möglichkeit des Alterssuizids könne dazu führen, dass depressive alte Menschen eher Suizid begehen, statt sich behandeln zu lassen und neuen Lebenssinn zu finden. Für die Umfrage wurden im August 1004 Personen in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz telefonisch kontaktiert.

Exit engagiert sich

Mit dem Altersfreitod befasst sich auch die Sterbehilfeorganisation Exit. Sie machte Anfang Jahr unter ihren Mitgliedern ebenfalls eine Umfrage. 90 Prozent der Befragten begrüssten ein Engagement von Exit für einen liberaleren Umgang mit Suizid von Hochbetagten.

Die Organisation hat sich daraufhin in den Statuten verpflichtet, auf gesellschaftlicher Ebene dafür einzustehen, dass betagte Menschen erleichterten Zugang zu Sterbemitteln erhalten. Die eigenen Kriterien hat Exit aber nicht geändert: Sterbehilfe wird weiterhin nur bei hoffnungsloser Prognose, unerträglichen Beschwerden oder unzumutbarer Behinderung geleistet.

Für Exit-Vorstandsmitglied Marion Schafroth kommt die breite Akzeptanz des Alterssuizids in der Bevölkerung nicht überraschend. In der heute erscheinenden Oktoberausgabe der Zeitung «Reformiert» sagt sie: «Für viele ist die Möglichkeit der Suizidbegleitung durch Exit oder andere Sterbehilfeorganisationen einfach eine Versicherung, eine letzte Option.»

Widerspruch zu Arzt-Regeln

Die liberale Haltung der Gesellschaft steht allerdings im Kontrast zu den Richtlinien für Ärzte. Auch wenn die selbstlose Beihilfe zu Suizid gemäss Strafgesetzbuch straflos ist, so halten die Richtlinien der schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) fest, dass sie nicht Teil der ärztlichen Tätigkeit, sondern eine persönliche Gewissensentscheidung des Arztes sei.

Die SAMW begrenzt die Suizidhilfe auf das Lebensende, also auf den Zeitpunkt, ab welchem dem Patienten sowieso nur noch Tage oder einige Wochen verbleiben. Im entsprechenden Positionspapier schreibt die zentrale Ethikkommission der SAMW explizit, dass ihre Richtlinien also jene Menschen nicht erfassen, «die aufgrund allgemeiner Lebensmüdigkeit oder infolge fehlender Lebensqualität einen Sterbewunsch äussern» – es sei denn, sie befänden sich am Lebensende.

Diese Haltung ist in der Ärzteschaft aber umstritten, deshalb hat die SAMW bei den Medizinern Meinungen einholen lassen. Diese werden derzeit ausgewertet. Gemäss Auskunft der SAMW sollen die Resultate noch dieses Jahr vorliegen. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 25.09.2014, 12:10 Uhr)

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Ungewisser Ausgang in Strassburg

Auch den Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg beschäftigt die Sterbehilfe in der Schweiz. Er hatte über die Beschwerde einer betagten Frau zu entscheiden, die über Jahre vergebens einen Arzt gesucht hatte, der ihr ein Sterbemittel verschreibt. Sie litt zwar an Altersgebrechen, war aber nicht krank.
In seinem Urteil gab der Gerichtshof der Beschwerde der Frau recht. Aufgrund ungenügender Regelungen habe der Bund die Frau im Unklaren gelassen, ob sie ein Anrecht auf Sterbehilfe habe oder nicht. Das Gericht nahm aber nicht dazu Stellung, ob der Frau ein Sterbemittel zusteht oder nicht. Das Urteil ist allerdings nicht rechtsgültig, denn der Bund akzeptierte den Entscheid nicht und zog ihn weiter an die grosse Kammer des Gerichtshofes. Im Rahmen dieses Weiterzugs deckte der Bund auf, dass die Frau bereits eineinhalb Jahre vor dem Urteil gestorben war. Dem Gericht war das aber nicht mitgeteilt worden. Der Bund sieht darin eine Verheimlichung einer prozessrelevanten Tatsache durch den Anwalt der Frau. Deren Beschwerde sei deshalb missbräuchlich und als unzulässig zu erklären. Der Anwalt der Frau gibt an, er sei über den Tod seiner Mandantin nicht informiert gewesen. Unklar ist, wie es nun weitergeht. Laut dem Bundesamt für Justiz sind zwei Szenarien möglich: Das Gericht erklärt entweder die Beschwerde der Frau für unzulässig. In diesem Fall würde das Urteil aufgehoben und das Verfahren wäre abgeschlossen. Oder das Gericht prüft den Fall in der Sache und heisst die Beschwerde entweder gut oder lehnt sie ab.bw

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