Mobiliar testet App zum Aufspüren von Diebesgut

Velo gestohlen? Laptoptasche unauffindbar? Neue Technologien ermöglichen es, Alltagsgegenstände zu orten. Die Mobiliar prüft, inwiefern dieses sogenannte Tracking fürs Versicherungsgeschäft nützlich sein kann.

Promovideo zur Find Me App.


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Der Zürcher Bootsbesitzer hat einen bösen Verdacht: Unbekannte fahren mit seinem Schiff, das im Tessin angelegt ist, auf dem Lago Maggiore herum. Eine Überwachung des Boots rund um die Uhr, erst recht aus dem fernen Zürich, ist unmöglich.

Gewissheit kann ein kreditkartengrosses und kugelschreiberdickes Gerät bringen, das der Mann versteckt an seinem Schiff anbringt. Der kleine Apparat erkennt, wenn sich das Gefährt bewegt und schickt in diesem Fall eine Nachricht auf das Smartphone des Bootsbesitzers.

Dank einer App kann er auch jederzeit die genaue Position des Schiffs auf dem Bildschirm seines Mobiltelefons ablesen. Wenn nötig muss er nur noch die Polizei alarmieren.

Den Bootsbesitzer gibt es wirklich. Das Gerät sowie die dazu­gehörende App sind ebenfalls real. Der Mann aus Zürich hat sich beim Jungunternehmen Findme gemeldet, weil er dessen neu­es Lokalisierungssystem testen möchte. Findme ist eine Initiative der Mobiliar, welche neue Ansätze für die Digitalisierung im Versicherungsgeschäft auslotet. Für solche Projekte wirft die Mobiliar eine Summe von zehn Millionen Franken auf.

Tracking erlaubt es, wertvolle Sachen auf neue Art zu schützen.

Das Orten und Verfolgen von Alltagsgegenständen, in der Fachsprache Tracking genannt, ist ein solcher Versuch. Selbstverständlich lässt sich das Gerät von Findme nicht nur auf einem Boot platzieren, sondern auch in einer Jacke, unter einem Fahrradsattel oder in der Laptoptasche. Es ­verfügt sogar über einen speziellen Knopf für ein Alarmsignal. Kinder können sich so bei ­Entführungsversuchen bemerkbar machen.

«Tracking erlaubt es, wertvolle Sachen auf neue Art zu schützen. Bei Verlust oder Diebstahl ist die Chance gross, dass der Besitzer seine Gegenstände schnell wiederfindet», sagt René Meier, Projektleiter von Findme. Das Inter­esse ist vorhanden, wie eine gezielte Werbeaktion der Firma in den sozialen Medien zeigt: Innerhalb von vier Wochen sind auf der Internetsite von Findme sechzig Vorbestellungen für das Produkt eingegangen.

59 Franken für einen Tracker

Die Käufer waren bereit, einen Preis von 59 Franken pro Gerät zu bezahlen. Derzeit testet Findme mit dreissig Interessenten die Einsatzmöglichkeiten des Trackers ausgiebig. Ende November ist die Pilotphase abgeschlossen. Die Geschäftsleitung der Mobiliar entscheidet dann, ob das Vorhaben weiterverfolgt wird.

Möglichkeiten fürs Versicherungsgeschäft gäbe es einige, wie Kenner der Branche gegenüber dieser Zeitung sagen: Die Tracker könnten zur Kundenbindung dienen, indem die Versicherung Neukunden eine gewisse Anzahl Findme-Geräte als Geschenk für den Wechsel überlässt.

Es könnten dank Tracking Anreize zur Prävention geschaffen werden. Das ginge so: Versicherte erklären sich bereit, ihre Wertgegenstände jederzeit lokalisieren zu lassen. Im Gegenzug profitieren sie von Prämienverbilligungen. Oder die Mobiliar könnte eine Art Fundbüroservice lancieren. Verlorene Gegenstände werden geortet, eingesammelt und an den Inhaber retourniert – je schneller die Rückgabe geschehen soll, desto mehr kostet die Dienstleistung.

Das Ortungsgerät lässt sich einfach in einer Tasche verstauen. Bild: Stefan Anderegg

Bei allen Vorteilen: Wer Ortungsgeräte nutzt, hinterlässt elektronische Spuren. Diese können gesammelt und ausgewertet werden (siehe Kasten). «Findme hat keinen Zugriff auf die Lokalisierungsdaten der Nutzer», sagt Projektleiter Meier mit Blick auf den Datenschutz.

Besonders an Findme ist, dass das Projekt als eines der ersten in der Schweiz das neue Netz für das sogenannte Internet der Dinge nutzt. Anstatt Menschen mit dem Internet verbindet dieses ergänzende Netz Maschinen untereinander. Die Swisscom hat heuer damit begonnen, das Internet der Dinge hochzufahren.

Vom regulären Mobilfunknetz unterscheidet sich das neue Netz in einem Punkt wesentlich: Geräte, die mit dem Internet der Dinge kommunizieren, verbrauchen weniger Strom. Das gilt auch für den Tracker von Findme: «Der Akku hält etwa ein Jahr. Dann muss er wieder aufgeladen werden», sagt Meier.

Kleber soll Diebe abschrecken

Auch das Gerät selbst soll kleiner und flacher werden, damit es aufmerksamen Dieben nicht sofort ins Auge sticht. «Sollte der Kundennutzen nachgewiesen werden, kann man selbstverständlich Tracker bauen, die man zum ­Beispiel im Sattelrohr eines Fahrrades verbauen kann», sagt Meier. «Mit einem Kleber kann man dann auf den Schutz hin­weisen und den Dieb damit abschrecken.»

Ein Screenshot zeigt das Benutzer-Interface der App. Bild: zvg

Findme arbeitet mit zwei Partnern zusammen. Die Firma Apps with Love mit Sitz in Bern hat im Auftragsverhältnis die Anwendung fürs Smartphone programmiert. «Unser Ziel ist es, mit Apps den Menschen das Leben zu erleichtern. Findme passt in diese Philosophie, deshalb machen wir mit», sagt Philipp Keller, Leiter Projektmanagement bei Apps with Love. Wie am Mittwoch bekannt wurde, schaffte es Findme in die engere Auswahl für den «Best of Swiss Apps Award 2016».

Die Ortungsgeräte bezieht Findme von einer französischen Firma. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.10.2016, 07:11 Uhr

Konsumentenschutz

Vorbehalte gegen Tracking im Versicherungsgeschäft äussert Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz: «Auf lange Sicht ist der Nutzen von Trackingdaten für die Versicherer grösser als für die Versicherten.» Sie befürchtet, dass für die Versicherten Versicherungsprodukte ohne freiwillige Lokalisierung von Wertsachen teurer werden. «Das darf auf keinen Fall passieren», sagt Stalder.met

Tracking im Gesundheitsbereich

Tracking ist auch bei den Krankenversicherern ein Thema. So bietet die Krankenkasse CSS seit Juli Kunden mit bestimmten Zusatzversicherungen ein Fitnesstracking an. Die Versicherten können einen Schrittzähler mit dem Mystep-Konto der CSS verbinden. Für jeden Tag, an dem ihr Zähler 10?000 Schritte oder mehr übermittelt, zahlt die CSS 40 Rappen.

Für Schrittzahlen zwischen 7500 und 9999 sind es 20 Rappen. Das Geld wird monatlich oder halbjährlich ausbezahlt. Inzwischen machen rund 6000 Personen mit. «Wir versprechen uns von diesem Angebot eine Dämpfung der Leistungskosten», sagt CSS-Sprecherin Christina Wettstein. Die CSS hat das Angebot vorgängig in einem Pilotversuch getestet. Im Anschluss an diesen Test mit 2000 Versicherten gaben 73 Prozent an, ihre Alltagsbewegung erhöht zu haben, und 36 Prozent spürten eine Verbesserung ihres Gesundheitszustands.

Die Teilnehmer waren altersmässig durchmischt, der Durchhaltewille beim halbjährigen Test war vorhanden. Es machten nicht nur jene mit, die sowieso keine Leistungen benötigen. Versicherte, die nicht teilnehmen wollten, begründeten dies nicht am meisten damit, dass sie einer Versicherung keine Schrittdaten weiterleiten wollten, sondern damit, dass sie nicht bereit seien, Geld für einen Schrittzähler auszugeben.
Die CSS erwägt, das Projekt auf weitere sportliche Aktivitäten auszuweiten.bw

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