Schweiz
«Ein Hofnarr kann jederzeit vom König geköpft werden»
Woche erscheint sein
neues Album «Prototyp». Es soll nicht sein letztes sein, wie er verrät.
Ihr neues Album heisst «Prototyp» – warum?
Polo Hofer: Es ist immer gut, Rätsel einzubauen: Wenn ein Albumname exotisch und nicht gleich verständlich ist, macht das die Leute neugierig. Er soll sie zum Grübeln bringen.
Sie selbst sind ja auch eine Art Prototyp. Was bedeutet das für Sie?
Klar, wenn man von offizieller Seite Anerkennung erhält, wie letztes Jahr mit dem Musikpreis des Kantons Bern, und dann als Pionier bezeichnet wird, ist das schon schmeichelnd.
Die Anerkennung von politischer Seite hat lange auf sich warten lassen.
Ja. Als ich anfing mit Musik, galt ich als Aussenseiter, Spinner, Hippie und Antibürger. Der Berner Rock musste zuerst zum Wirtschaftsfaktor werden, bevor man ihn auch in der Politik ernst nahm. Denn nur Musik zu machen, galt ja lange nicht als arbeiten. Mein Vater sagte am Anfang meiner Musikerkarriere zu mir, dass ich nie eine Familie werde ernähren können.
Was ist heute anders, wenn Sie ein Album rausbringen?
Lampenfieber ist immer noch da. Aber die Mittel, ein Album unter die Leute zu bringen, sind andere. Die Medien nehmen mich ernster als früher. Zudem gab es vor 1980 in der Schweiz nur einen Radiosender. Heute sind es 96, das ist eine ganz andere Ausgangslage. Auch die Gesellschaft hat sich gewandelt. Rockmusik wird heute als eigenständige Kulturform akzeptiert und anerkannt. Und wenn plötzlich ein Werk zum Volkslied wird und in den Schulbüchern auftaucht, bekommt derjenige, der das Lied geschrieben hat, natürlich auch eine andere Position
der Sänger wird mit seinem Lied zum Volkseigentum.
Ja, das Volk denkt, man gehöre ihm. Es passiert mir immer wieder, dass mich auf der Strasse jemand anspricht und erwartet, dass ich ihm was vorsinge, während wir auf den Bus warten.
Wie reagieren Sie?
Ich sage, ich sei nicht im Dienst.
Nervt das, der Kollege jedermanns zu sein?
Manchmal schon. Ich bekomme auch immer wieder Briefe und Mails, etwa von Eltern, die mich fragen, ob sie ihr Kind in eine Musikschule schicken sollen. Andere wollen mich an Geburtstagspartys einladen, oder an Hochzeiten, damit ich dort gratis auftrete. Solche Dinge sage ich immer ab. Seit «Alperose» sehen mich die Leute als Kumpel. Aber heute haben alle diese Handys mit den eingebauten Kameras – da wirst Du ständig abgelichtet!
Wie gehen Sie heute mit aufdringlichen Fans um?
Ich bin geduldiger geworden. Heute verstehe ich, warum die Leute das tun. Einerseits wollen sie sich schmücken mit der Bekanntschaft eines Promis. Andererseits meinen sie es aber auch einfach freundlich.
Gesundheitlich haben Sie eine turbulente Zeit hinter sich. Wie geht es Ihnen heute?
Danke, es geht mir gut. Aber ich weiss natürlich nicht, wies weitergeht. Ab einem gewissen Alter muss man mit allem rechnen. Allerdings habe ich schon mit zwanzig mit allem gerechnet. Deshalb mache ich mir keine grossen Sorgen mehr.
Ihre Stimme hat sich wegen der gesundheitlichen Probleme verändert – wie gehen Sie damit um?
Das hat mir schon zu denken gegeben. Ich wusste eine Weile nicht, ob ich je wieder auf einer Bühne stehen werde. Andererseits war mein Vorbild immer Louis Armstrong, und der hatte die kaputteste Stimme von allen. Ich hörte ein bisschen Tom Waits und Rod Stewart, und plötzlich machte ich mir nicht mehr solche Sorgen. Man kann auch mit einer angeschlagenen Stimme arbeiten.
Welche Anpassungen mussten Sie für das neue Album wegen der neuen stimmlichen Voraussetzungen vornehmen?
Wir mussten auf die Tonarten achten. Ich kann nicht mehr so hoch singen und forcieren wie früher.
Wie gehen Sie eigentlich generell mit dem Älterwerden um?
Wahrscheinlich so, wie wir alle. Aber in meinem Job ist es schon noch ein bisschen anders. Ich bin – oder war zumindest – Teil einer Jugendkultur. Da ist es natürlich irgendwie seltsam, wenn man sechzig Jahre alt und immer noch Teil dieser Branche ist.
Aber viele Fans sind geblieben und auch älter geworden.
Ja, viele sind mitgezogen. Wenn das Volk mal etwas mag, dann bleibt es dabei. Aber die Qualität muss natürlich schon konstant sein. Grosse Einbrüche kann man sich als alternder Rockmusiker kaum erlauben.
Dann wird der Leistungsdruck mit zunehmendem Alter grösser?
Nein, weil meine Methode, an etwas heranzugehen, dieselbe geblieben ist. Die künstlerische Freiheit lasse ich mir nicht nehmen. Im Gegenteil: heute schaue ich noch weniger auf den Umsatz. Wenn man in meinem Alter die Gelegenheit bekommt, Neues auszuprobieren, ist das ein grosses Geschenk.
Apropos Neues: «Prototyp» ist Ihr erstes eigentliches Soloalbum, ohne feste Band. Wie wirkte sich das auf die Songs aus?
Wenn man zwanzig Jahre mit denselben Leuten arbeitet, ergeben sich viele ausgetretene Pfade. Jeder hat seine Art zu spielen, und es wird irgendwann schwierig, wirklich zu experimentieren. Deshalb machten Hans-Peter Brüggemann und ich provisorische Vorlagen und trommelten jene Musiker zusammen, von denen wir dachten, dass sie das spielen können, was wir uns vorstellen.
Wie war die Arbeit im Studio?
Es ging alles ziemlich schnell. Die Musiker kamen ins Studio und wussten noch nicht, was sie spielen würden. Wir gaben ihnen ein Hörbeispiel, sie probierten es aus. Sofort nahmen wir die Songs auf. So wirkt das Ganze frischer und neuer. Wir konnten an einem Tag mehrere Songs einspielen. Wir haben sogar mehr aufgenommen, als jetzt auf der CD zu hören ist.
Was geschieht mit dem Material, das nicht auf dem Album zu finden ist?
Wir schmeissen es nicht weg.
Das heisst «Prototyp» ist doch nicht das letzte Album? Es kommt noch eins?
Ich würde sogar darauf schwören, ja.
Was hat Sie zum Gospelsong «Ds letschte Hemmli» inspiriert?
Es ist ein Lied gegen das materialistische Denken, gegen das Anhäufen von Besitz. Die Vergänglichkeit geht oft vergessen inmitten von Profitmaximierung. Ich verstehe nicht, wie jemand fünf Millionen Franken verdienen kann, ein Chalet in Gstaad besitzt, ein Haus in Miami und eins in Zürich, aber keins davon bewohnen kann, weil er keine Zeit hat und immer mehr will. Warum hat man so was, wenn mans nicht geniessen kann?
Sie geniessen also, was Sie haben, und sind zufrieden?
Ja, ich denke schon. Ich fülle jedenfalls keine Lottozettel aus.
Sie haben sich immer als Hofnarr bezeichnet
ein Hofnarr ist frei und kann sich in der Öffentlichkeit mehr erlauben als andere – aber er kann auch vom König geköpft werden. Ein gewisses Risiko ist da. So war ich schon dreimal vor Gericht wegen Aussagen, die ich in den Medien gemacht habe. Ich habe öffentlich gesagt, dass ich kiffe und wurde angezeigt wegen «Aufforderung zum Konsum». Ich wurde immer frei gesprochen. Am Ende siegt wohl doch die Narrenfreiheit.
Sie haben eine politische Vergangenheit. Könnten Sie sich vorstellen, wieder in die Politik zurückzukehren?
Nein, nie mehr! Das ist zu mühsam. Im Übrigen denke ich, dass man ausserparlamentarisch und mit kulturellen Mitteln genauso viel verändern kann. Nicht zuletzt wegen dem, was wir in Bern musikalisch erreicht haben, haben wir jetzt das erste Parlament, das eine eigene Band hat! Und was spielt sie? Unsere Lieder! Und mittlerweile wächst in Bern die vierte Generation des Mundartpop heran, wenn nicht sogar schon die fünfte. Der Grund: Die Mundart ist identitätsstiftend.
Haben Sie deshalb vor über dreissig Jahren vom englischen Gesang zur Mundart gewechselt?
Ja, und es waren auch wirtschaftliche Gründe: Ich habe damals gemerkt, dass man mehr Büez bekommt, wenn man in Mundart singt. Weil es etwas Neues war. Wir konnten auftreten, und das war für uns die Hauptsache – auch wenn es nur ein Gig im Nachbardorf war.
Verfolgen Sie, was aktuell in der Berner Musikszene geschieht?
Nein, eigentlich nicht. Aber es wird an mich herangetragen, und ich bekomme viel Post von jungen Bands, die mir ihre CD schicken oder mich um Rat fragen.
Als Rockmusiker waren Sie immer unabhängig – in welchen Situationen fühlen Sie sich trotzdem genötigt, etwas Bestimmtes zu tun?
Manchmal fühle ich mich aus gesellschaftlichen Gründen verpflichtet, etwas zu tun oder zu sagen, was ich als sinnvoll erachte. Wenn ich die Chance bekomme, mich zu Themen zu äussern, die mich bewegen, dann mache ich das gerne. Ich habe zum Beispiel einmal bei einer Anti-Aids-Kampagne mitgemacht. Und bei einer Anti-Raser-Kampagne wäre ich sofort dabei – ich als notorischer ÖV-Benützer und Gründenker!
Zum Schluss: Wie steht es eigentlich mit Ihrem Roman, den Sie schreiben wollen?
Den Plan habe ich im Kopf, ich müsste ihn nur noch realisieren. Aber dazu muss ich zuerst lernen, mit einem Laptop umzugehen. Eine Hermes Baby kriegst Du heute ja nur noch in der Brockenstube! Aber ich habe keinen Grund, mich zu beeilen.Interview: Maria KünzliCapital FM spielt bereits am Donnerstag, 20.8., einen Tag vor dem Release, sämtliche Songs vom neuen Polo-Hofer-Album «Prototyp» (jede Stunde um 20 vor). Am Release-Tag ist Polo Hofer Gast in der Sendung «Capital Morge» bei Christoph Gnägi (8 bis 9 Uhr).
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Erstellt: 15.08.2009, 00:35 Uhr
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