Der falsche NZZ-Korrespondent
Von Daniel Foppa. Aktualisiert am 03.12.2009
Mit Vehemenz und falschem Titel für die Minarettinitiative: Heinz Gstrein.
Der Mann fuhr schweres Geschütz auf. Im «Club» auf SF 1 sagte Heinz Gstrein am Dienstagabend: «Das Minarett ist in erster Linie ein Zeichen für die Unmenschlichkeit in der muslimischen Welt – genauso wie Hakenkreuze für die KZ und Hammer und Sichel für den Gulag.» Die Empörung war gross, und Gesprächsleiter Röbi Koller verwahrte sich klar gegen den Vergleich.
Der aus Österreich stammende und in Erlenbach wohnhafte Gstrein war im Abstimmungskampf das intellektuelle Aushängeschild der Minarettgegner. Als «Prof. Dr. Heinz Gstrein» oder «Dr. Heinz Gstrein, Professor an der Universität Wien», referierte er über Minarette und den Islam. Dumm nur: Gstrein ist gar nicht Professor.
Niemals Professor
«Herr Gstrein war nie Professor an der Universität Wien», sagt Sprecherin Cornelia Blum. Man prüfe nun rechtliche Schritte. Gstrein selbst sagt, er führen den Titel wegen seiner Tätigkeit für das Institut für den Donauraum und Mitteleuropa, das mit der Uni zusammenarbeite. Tatsächlich referiert der promovierte Orientalist dort in diesem Semester über das «Osmanische Erbe im Balkan». Doch auch dies befähige ihn keineswegs, sich Professor zu nennen, sagt Geschäftsführerin Susan Milford. Sie ist entsetzt über Gstreins Äusserungen. «Wir distanzieren uns auf das Entschiedenste von seinen Aussagen im Zusammenhang mit der Minarettdebatte in der Schweiz.» Eine eigens anberaumte Leitungssitzung werde sich mit der «Causa Gstrein» befassen und über das künftige Verhältnis zu ihm «einen klaren Entscheid fällen».
Auch den zweiten bekannten Titel führt Gstrein offenbar zu Unrecht. «Wir legen Wert darauf, dass Heinz Gstrein nicht Nahostkorrespondent der NZZ war», sagt Chefredaktor Markus Spillmann. Gstrein hat zwar für die Zeitung berichtet – laut NZZ aber als freier Mitarbeiter. «Von Gstreins Äusserungen distanzieren wir uns in aller Form», sagt Spillmann.
Schlägerei im Kircheninstitut
Überhaupt scheint Gstrein eine schillernde Figur zu sein. Zwischenzeitlich war der Österreicher, der sich dank ein paar Semestern Theologiestudium auch Theologe nennt, beim kirchlichen Institut «Glaube in der 2. Welt» in Zürich beschäftigt. Dort soll er 2005 den Leiter derart provoziert haben, dass dieser ihm die Aktentasche ins Gesicht knallte und Gstrein ins Spital musste. Beide wurden Knall auf Fall entlassen.
Selbstkritisch gibt man sich nun beim «Club»: «Wir haben Herrn Gstrein als Referenten des Initiativkomitees eingeladen, nicht als Professor. Vielleicht wären in diesem besonderen Fall jedoch zusätzliche Recherchen angebracht gewesen», sagt die Leiterin Christine Maier.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.12.2009, 06:21 Uhr
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