«Der Schleier ist politisch, das Minarett nicht»
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 18.11.2009 45 Kommentare
Leïla Marouane.
Eine freie und rebellische Stimme
Geboren 1960 im tunesischen Djerba, Fluchtort ihrer Mutter, einer algerischen Widerstandskämpferin, wuchs Leïla Marouane in Algier auf. Sie studierte Literaturwissenschaften und schrieb dann viel beachtete Kolumnen. Die algerische Zeitung «El Watan» nennt sie «die rebellischste Autorin im Land». Sie widmete sich schon früh den Tabus der Gesellschaft, besonders der Unterdrückung der Frau, und eckte mit ihrem unangepassten und direkten Stil an. Ende der 80er-Jahre erhielt sie, wie viele andere algerische Intellektuelle und Künstler in jener Zeit auch, Todesdrohungen von Islamisten. 1990 wurde sie Opfer eines Attentats, das sie überlebte. Kurz darauf flüchtete sie ins Pariser Exil, wo sie seither lebt und mit ihren Texten gegen die Verstossung, die Polygamie und die Verschleierung ankämpft. Ihr fünfter Roman, «La vie sexuelle dun islamiste à Paris», wird im nächsten Jahr auch in den USA verlegt. Auf Deutsch erschienen «Das Mädchen aus der Kasbah» (Zsolnay, 1998), «Entführer» (Haymon, 2003) und «Die Bestrafung der Heuchler» (Haymon, 2005).
Sie sind Muslimin und Frauenrechtlerin. In etlichen Ländern des Westens wird darüber debattiert, ob man die Verschleierung der Frauen verbieten sollte. In Frankreich ist die Diskussion in vollem Gang: Der Präsident fordert ein Verbot. Ist das richtig?
Ganz klar: Ja. Zuerst einmal deshalb, weil es, um mit Rousseau zu sprechen, keinen anderen Weg als das Gesetz gibt, um sich von der Gewalt zu befreien. Und zweitens, weil die Burka ein demonstratives Symbol ist. Das Tragen des Schleiers ist ein politischer Akt. Und als solchen sollten wir ihn auch verstehen und ernst nehmen. Wir haben schon mehrmals erlebt, wie das Aufkommen dieser Art von Gewalt verniedlicht wurde – mit verheerenden Folgen.
Woran denken Sie?
An den Iran zum Beispiel. Oder an Algerien. Vor zwanzig Jahren galt Algerien als modernes, aufgeklärtes Land. Nach der Unabhängigkeit (von Frankreich 1962, die Red.) legten die Frauen den Schleier ab. Es gab die Schulpflicht für Mädchen. Der Einfluss der Islamisten schien vernachlässigbar. Als die Islamische Heilsfront aufkam, waren wir alle sorglos – bis es zu spät war. Algerien bezahlte teuer dafür.
Sie vergleichen Algerien mit Frankreich – ist das nicht überzogen?
Ich warne nur. Es findet heute in Frankreich, in der muslimischen Gemeinde, eine Radikalisierung statt. Es kommt oft vor in Paris, dass sich, wer arabisch und muslimisch erscheint, wie ich zum Beispiel, Kommentare und moralische Lektionen anhören muss von muslimischen Männern – etwa: «Schämst du dich nicht, in der Öffentlichkeit zu rauchen?» Oder: «Du vergisst wohl, dass Ramadan ist.» Mich hat kürzlich ein Tunesier, den ich nicht kannte, «dreckige Hure» genannt, weil ich mit westlichen Freunden nach Mitternacht in einer Sandwich-Bar ein Brötchen ass. Ich hab solche Situationen schon so oft erlebt. Stellen Sie sich vor, wie es in den sogenannt schwierigen Banlieues zugeht, wenn es schon in einigen Vierteln von Paris so ist.
Nochmals: Übertreiben Sie nicht? In ganz Frankreich tragen laut einer Schätzung des Innenministeriums nur 2000 Frauen die Burka.
Das ist ein alter Slogan. Das sagten wir schon damals in Algier: Das Phänomen sei ein ländliches, ein ausserordentliches, ein kleines. Nie und nimmer würde Algerien wie der Iran werden. Täuschen wir uns nicht: Die Gefahr einer Radikalisierung in Frankreich ist beträchtlich, zumal die Franzosen ihre Ausländer nicht eben zart behandeln; schon gar nicht jene «Ausländer», die als Franzosen geboren sind, vor allem die mit einem maghrebinischen Hintergrund, am meisten die Algerier. Wenn es Privilegien zu verteilen gibt, dann werden sie immer benachteiligt. In der Wirtschaftskrise leiden sie am meisten. Das ist gefährlich und führt zu einer Ghettoisierung. Es gibt immer mehr davon. Und in diesen Ghettos wächst die Besinnung auf einen strengen Islam und auf eine Abgrenzung.
Eben. Wenn nun auch das Tragen der Burka verboten wird, wird dieser latente Konflikt doch nur geschürt.
Nein, das glaube ich nicht. Wie gesagt: Gesetze sind da, um die Menschen zu schützen – die Männer und die Frauen. Frankreich und die Schweiz sind laizistische Länder, punkt. Ich habe mich persönlich dazu entschlossen, nach Frankreich zu flüchten, in ein Land also, das mir die Freiheiten eines säkularen Staates bietet. Und ich fürchte nun, dass sich das ändern könnte eines Tages, dass ich das Meer für nichts überquert habe.
Sie machen kaum einen Unterschied zwischen der Burka, der Totalverschleierung also, die nur die Augen freilässt, und dem Hijab, der das Gesicht nicht verhüllt. Doch im Westen befremdet doch vor allem die Burka, weil sie der Frau das Gesicht nimmt, ihr so die soziale Rolle aberkennt, die Identität negiert.
Ich sehe keinen Unterschied. Jede Art der Verschleierung gehört verboten. In den französischen Schulen darf auch der Hijab nicht mehr getragen werden – im Gegensatz etwa zur Universität. Und so sieht man an den französischen Unis immer mehr Frauen mit Schleier. Genauso wie es Gesetze gibt, die es verbieten, dass man nackt herumläuft, sollte es auch ein solches geben, das den Schleier in der Öffentlichkeit verbietet.
Überall?
Ja, überall. In den gesetzfreien Zonen steht es dem muslimischen Mann nämlich immer offen, seine Frau oder Tochter oder Schwester dazu zu zwingen, den Schleier zu tragen. Trägt sie ihn nicht, riskiert sie, dass sie nicht raus darf.
Und am Arbeitsplatz?
Da haben wir eine hybride Situation. Ich kenne viele Musliminnen, die ihren Männern sagen, dass sie keine Chance auf einen Job hätten, wenn sie sich verschleiert bewerben würden. Meistens ist das ja auch wahr. Und das akzeptieren viele Männer dann als Ausnahme. Es geht auch ums Geld, bei manchen ums Überleben. Oft sind die Frauen besser gebildet als ihre Männer und haben bessere Verdienstmöglichkeiten. Wenn es aber auch am Arbeitsplatz grundsätzlich verboten wäre, den Schleier zu tragen, wären die Frauen echt und a priori frei.
Und was ist mit jenen Frauen, die das Tuch aus eigener Überzeugung tragen?
Das sind nur ganz wenige, und diese wenigen übersehen die Tatsache, dass der Koran den Schleier nicht vorschreibt. Ich würde sagen, dass acht von zehn Frauen, die ihn tragen, es nicht freiwillig tun, sondern auf Geheiss eines Mannes.
Wofür steht der Schleier?
Eine Frau mit Schleier ist eine Frau, die ihren Blick senkt, die nichts mehr zu verlieren hat, die sich freier fühlt, wenn sie sich versteckt. Ich rede aus Erfahrung: Ich habe mich selber eine Weile lang verschleiert. Das war in Algier, als ich verfolgt wurde und man mir mit dem Tod drohte für das, was ich schrieb, und ich mich verstecken musste. Damals war der Schleier für mich ein Selbstschutz.
In Ihren Büchern thematisieren Sie die sozialen und religiösen Traditionen – diese rigide, patriarchalische Struktur, wie sie etwa in Algerien die Gesellschaft prägt.
Ja, dieses Thema lässt mich nicht los. Viele gläubige Musliminnen denken, dass ihre Unterwerfung und ihre gesetzliche Ungleichheit von Gott gewollt seien und dass sie, wenn sie sich den göttlichen Gesetzen fügten, freier werden würden als die Männer. Anders gesagt, es herrscht eine grosse Konfusion: Die Unterwerfung kommt ihnen wie eine Befreiung vor.
Diese Gleichung widerspricht unserem Rechtsverständnis. Doch darf ein liberaler und demokratischer Staat einer Bürgerin verbieten, sich zu verschleiern, wenn das ihrem Religionsverständnis entspricht? Beisst sich das nicht?
Diese Frage habe ich erwartet: Nein, das beisst sich nicht. In Ländern wie der Schweiz oder Frankreich, in denen die Muslime in der Minderheit sind, zieht der Schleier alle Blicke an. Er bewirkt also genau das Gegenteil dessen, wofür er gemacht sein soll. Aus demselben Grund trage ich einen Schleier, wenn ich nach Saudiarabien fahre, wo ihn alle tragen. Doch wie gesagt: In gewissen Banlieues in Frankreich und Grossbritannien ist es inzwischen so, dass die unverschleierte Muslimin auffällt, nicht mehr die verschleierte. Die Muslime müssen verstehen, dass im säkularen Westen der Glaube eine persönliche Angelegenheit ist, keine öffentliche.
In der Schweiz wird bald darüber abgestimmt, ob beim Bau von Moscheen im Land auch Minarette dazugestellt werden dürfen. Wie stehen Sie dazu?
Das ist eine ganz andere Geschichte. Die Burka ist politisch, das Minarett nicht. Zu einer Moschee gehört ein Minarett, wie zur Kirche ein Kirchturm. Das ist eine architektonische Einheit. Es wäre unfair, wenn die Muslime kein Recht auf ihr Minarett hätten.
Es gibt Kreise in der Schweiz, die das Minarett als offensives, bedrohliches Machtsymbol sehen – als Symbol der Islamisierung, wie die Burka. Auf Plakaten der Initianten wird das Minarett als eine Art Rakete dargestellt.
Das ist dumm und unsensibel. Wie ist es mit dem Ruf des Muezzins: Soll der auch per Gesetz verboten werden?
Der steht nicht einmal zur Debatte: In der Schweiz wird man auch künftig keine Muezzins rufen hören.
Sehen Sie, ich würde mich selber als säkulare Muslimin beschreiben, aufgewachsen in einer Familie, in der es keine religiösen Zwänge gab, gereift in einem laizistischen Gymnasium, in dem der Schleier genauso verboten war wie der Minijupe. Doch das Minarett und der Ruf des Muezzins, wie auch der Klang der Kirchenglocken, stören mich nicht. Auch über den Dächern von Paris würden sie mich nicht stören. Der Muezzin ruft ja nur zum Gebet auf.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.11.2009, 04:00 Uhr
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45 Kommentare
Neben der Minarettabstimmung finde ich die Verschleierung ein grösseres Problem. Jedesmal, wenn ich eine solche verschleierte Person in meinem Quartier sehe, und es hat bereits etliche, spüre ich in meinem Magen ein Kribbeln und frage mich ob ich eigentlich in der Schweiz bin. Antworten
"Wehret den Anfängen" sagt Frau Marouane. Damit hat sie recht. Der Anfang sind aber nicht die Minarette sondern amtlich abgesegnete Sonderregelungen für Muslime, zum Beispiel in den Schulen. Da ist Toleranz fehl am Platz. Ein Minarettverbot ist ein Ablenkungsmanöver das kein Problem behebt. Aber das soll es ja uch nicht sonst hätte die SVP keine Profilierungsmöglichkeiten mehr. Antworten
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