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Streit um neue Labortarife

Von Claude Chatelain, Brigitte Walser. Aktualisiert am 22.09.2008

Ärzte und Laborbesitzer laufen Sturm: Der Bund will die Preise senken, welche sie für ihre Labortests verlangen dürfen. So seien Labors nicht mehr rentabel, sagen sie. Peter Indra vom Bundesamt für Gesundheit kontert.

Peter Indra, Vizedirektor im Bundesamt für Gesundheit.

Peter Indra, Vizedirektor im Bundesamt für Gesundheit.

Info-Box

Am Montag diskutiert die zuständige Fachkommission (EAMGK) die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) vorgeschlagenen neuen Labortarife. Die Preise sind auf der sogenannten Analysenliste festgehalten. Im Sommer ging diese Liste in die Anhörung und stiess bei Ärzten, Spitälern, Labors, aber auch bei den Kantonen auf heftige Kritik. Die Tarife seien viel zu tief angesetzt, protestierten alle Organisationen. Inzwischen hat das BAG die Analysenliste noch einmal überarbeitet, gewisse Tarife wurden deutlich nach oben korrigiert. An der heutigen Sitzung gibt die EAMGK Gesundheitsminister Pascal Couchepin eine Empfehlung ab. Dessen definitiver Entscheid wird für Oktober erwartet. Ursprünglich sollte die neue Analysenliste auf den 1.Januar 2009 in Kraft gesetzt werden. Weil Ärzte, Spitäler und Labors aber eine gewisse Vorbereitungszeit benötigen, wird dieser Termin eventuell verschoben oder die neue Analysenliste in zwei Etappen eingeführt. bw

Herr Indra, Ihnen wird der Vorwurf gemacht, Sie wollten die Laborlandschaft umpflügen. Peter Indra: Dieser Vorwurf ist falsch. Wir machen nicht einfach eine Sparübung. Wir haben den gesetzlichen Auftrag, die Leistungen auf Grund der WZW-Kriterien, das sind Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit, zu überprüfen. Das Ziel der Übung besteht also darin, die Wirtschaftlichkeit der Labors zu prüfen, da die aktuelle Tarifliste 14 Jahre alt ist.

Die Ärzte sagen, die Labortarife würden nicht wie von Ihnen angekündigt um 20 bis 25 Prozent gesenkt, sondern im Fall des Praxislabors um 36 Prozent. Was stimmt jetzt?

Ich gehe davon aus, dass unsere Berechnungen stimmen. Hausärzte und Grosslabors haben unterschiedliche Voraussetzungen, dennoch müssen wir von Gesetzes wegen die gleichen Tarife anwenden. Aus diesem Grund haben wir bei den Labors eine Auftragstaxe; bei den Hausärzten hingegen eine Präsenztaxe hinzugefügt, welche die spezielle Situation der Hausärzte berücksichtigen soll. Die Ärzte haben womöglich beim Nachrechnen die Präsenztaxe nicht richtig miteinberechnet. So kommt man zu einem anderen Resultat.

Wollen Sie damit sagen, die Praxislabors könnten weiterhin kostendeckend betrieben werden?

Sie sagen es richtig:?kostendeckend. Das ist das Ziel. Wir haben grosse Diskussionen mit den Hausärzten. Sie sagen, sie würden mit den Praxislabors einen Deckungsbeitrag erwirtschaften. Das heisst, dass sie einen Verlust, den sie in einem anderen Bereich einfahren, mit ihrem Labor kompensieren. Das ist falsch: Das Labor ist nicht dazu da, Gewinne zu erzielen.

Warum nicht eine radikale Lösung? Keine Labors mehr in Hausarztpraxen?

Das dürfen wir den Patienten nicht antun. Es gibt zwischen 10 und 20 Laboruntersuchungen, bei denen es durchaus sinnvoll ist, dass sie vom Hausarzt vorgenommen werden. Ich denke etwa an Blutverdünnungen. Da kann der Hausarzt gleich sagen, ob die Dosierung stimmt.

Somit müssen wir damit rechnen, dass ein Arzt zur Auslastung des Labors möglichst viele Untersuchungen vornimmt.

Das hoffen wir natürlich nicht. Wir haben ein System gesucht, bei dem der Arzt keinerlei Anreize hat, zu viele und somit unnötige Laboruntersuchungen vorzunehmen.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Indem die Labortests kostendeckend und nicht überdeckend sind und der Arzt mit der Präsenztaxe pro Patient und nicht pro Laboruntersuch entschädigt wird. So gibt es keinen Anreiz, zu viele Tests durchzuführen, sondern es werden nur die tatsächlich notwendigen gemacht.

Das Problem der falschen finanziellen Anreize besteht ja auch bei der Medikamentenabgabe. Wie stehen Sie dazu?

Laut Weltgesundheitsorganisation ist die Schweiz eines der einzigen Länder mit einer Selbstmedikation. Normalerweise gilt der Grundsatz: Wer verschreibt, verkauft nicht. Und wenn ich bedenke, dass der Preisüberwacher in einer Studie sagte, ein selbstdispensierender Arzt verdiene mit dem Medikamentenverkauf 100000 Franken, so darf das unseres Erachtens nicht sein. Der Arzt soll sein Einkommen aus dem Ärztetarif Tarmed generieren. Alles, was er zusätzlich macht, wie Medikamentenverkäufe oder Laboruntersuchungen, soll nur kostendeckend sein.

Würden Sie den Tarmed anpassen, wenn die Ärzte mit dem Medikamentenverkauf keinen Gewinn mehr erzielen können?

Das liegt nicht in unserer Kompetenz. Der Tarmed wird von den Ärzten und Krankenversicherern ausgehandelt. Wenn es die Grundversorger in den vergangenen Jahren verpasst haben, den richtigen Tarif auszuhandeln und stattdessen auf zusätzliche Einkünfte vertrauten, dann haben sie einen Fehler gemacht. Dann stimmte womöglich die Gesamtsumme, aber nur dank falscher finanzieller Anreize.

Oder man verbietet die Selbstmedikation, um eben die Trennung zwischen Verschreiben und Verkaufen herbeizuführen.

Ich wäre schon zufrieden, wenn die falschen finanziellen Anreize eliminiert würden. Es gibt ja auch Gegenden in der Schweiz, wo die nächste Apotheke weit entfernt ist. Da ist der Patient froh, wenn ihm der Arzt das Medikament selber aushändigt.

Wie wollen Sie das leidige Problem des Zulassungsstopps für Ärzte lösen?

Der Bundesrat hat ein Modell vorgeschlagen, bei welchem der Zulassungsstopp für Grundversorger aufgehoben, dafür die Zulassung bei den Spezialisten eingeschränkt würde. Wir sehen einen klaren Trend, dass sich die Uni-Abgänger nicht in der Grundversorgung betätigen wollen. Sie lassen sich zu Spezialisten ausbilden. Hier braucht es eine Mengenbeschränkung.

Was sagen Sie zum Modell, bei welchem die Kantone unter Anhörung von Ärztevertretern die Zulassung von Ärzten bei einem regionalen Überangebot einschränken könnten?

Dieses Modell erinnert mich an die Zünfte, die relativ geschlossene Gesellschaften sind. Wir hätten schon gerne etwas mehr Markt und etwas mehr Wettbewerb. Nach unserer Auffassung müssten mindestens auch die Krankenversicherer mit ins Boot genommen werden.

Die Gesundheitskommission des Ständerats plädiert dafür, dass der Versicherte zwischen einer freien und einer eingeschränkten Arztwahl entscheiden kann – und je nachdem mehr oder weniger Prämien zahlt.

Wir prüfen dieses Modell. Auf der einen Seite entspricht es der heutigen Praxis. Auf der anderen Seite hätten wir ein Modell nach dem Motto: Alle Freiheiten dem Krankenversicherer. Das scheint mir gefährlich zu sein. Ich befürchte, dieses Modell könnte zu einer extremen Risikoselektion führen.

Bleibt noch das von Visana vorgeschlagene Grundversorgermodell.

Das ist ein sehr interessantes Modell, das wir von den Niederlanden her kennen. Es ist das klassische Managed-Care-Modell, wo sich der Patient immer zuerst beim Grundversorger melden muss. In den Niederlanden funktioniert das Modell relativ gut. Man muss aber wissen, dass die Grundversorger dort eigene Universitäten haben, wo sie eine entsprechende Ausbildung bekommen. 70 Prozent der medizinischen Fälle können dort die Grundversorger selber behandeln. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.09.2008, 07:33 Uhr

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