Thun

Zarte Liebe in brutalen Zeiten

ThunIns Chile Anfang der 70er-Jahre versetzte das Theaterstück «Brennende Geduld». Das fünfte Schauspiel der KGT-Saison beeindruckte durch wortgewaltiges und intensives Spiel vor minimalistischem Bühnenbild.

Beklemmende Emotionen, zarte Liebe, brutale Gewalt mit (v. l.) Sandra Zellweger, Antonio da Silva und Kristian Trafelet.

Beklemmende Emotionen, zarte Liebe, brutale Gewalt mit (v. l.) Sandra Zellweger, Antonio da Silva und Kristian Trafelet. Bild: zvg

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«Ich fühle mich wie ein Boot, das auf ihren Worten schaukelt», gesteht Briefträger Mario (Kristian Trafelet), dessen einziger Kunde der berühmte Schriftsteller Pablo Neruda (Antonio da Silva) ist. Jeden Tag strampelt er mit seinem Fahrrad zum Sommersitz des Dichters auf der Isla Negra. Neruda wartet auf einen Brief aus Schweden, der ihm den ersehnten Literaturnobelpreis verkünden soll.

«Es ist nicht recht von dir, mich mit meinen eigenen Metaphern hinzuhalten», entgegnet der Poet, doch die Begegnungen mit dem jungen Mann entwickeln sich zu einer Freundschaft. «Das Wort Elefant hat weniger Buchstaben als ein Schmetterling, dabei ist er doch viel grösser. Dafür kann er fliegen.»

Ein Omelette aus Aspirin

Die Inszenierung von Jordi Vilardaga kommt mit weissen Stoffbahnen und wenigen Requisiten aus, um die Geschichte von Freundschaft, Liebe, Poesie und politischen Umwälzungen zu erzählen. Das Stück nach Antonio Skármeta ist die Vorlage zum Film «Il postino». Wo gehen sie hin, Senor Neruda? «Ich mache mir ein Omelette aus Aspirin und denke nach.» Mario hat sich verliebt und bittet Neruda, ihm ein Liebesgedicht zu schreiben. «Gegen wen bist du verliebt?»

Es ist Beatriz Gonzales (Sandra Zellweger), die Tochter der Barbesitzerin Rosa (Rachel Matter), die sich alles andere als begeistert zeigt angesichts der aufkeimenden Liebe und schöner Worte. «Das Gift Blabla ist das schlimmste!», warnt sie und setzt derb fort: «Du bist so feucht wie eine Wasserpflanze!» und droht, sie nach Santiago zur Tante zu schicken: «Vögeln oder verreisen! Titten wie zwei gurrende Täubchen, die gehätschelt werden wollen.» Unter den rund 500 Gästen im Schadausaal hält so mancher den Atem an angesichts der verbalerotisch ausschweifenden Worte der keifenden Vettel.

Laut und marionettenhaft

Die Rolle der Rosa irritiert zudem durch die hölzerne, laute Sprechweise und marionettenhaften Stechschritt. Erst nach und nach eröffnet sich dem Zuschauenden, dass Rosa dem zum Präsidenten gewählten sozialistischen Salvador Allende nichts abgewinnen kann und ihr der Militärputsch von Augusto Pinochet gelegen kommt. Sie agiert auf der Bühne wie eine Diktatur: Kommando brüllend, eisern und unerbittlich.

Mario wird abgeholt, Pablo Neruda stirbt unter mysteriösen Umständen, Salvador Allende begeht Selbstmord. Beklemmende Emotionen, zarte Liebe, brutale Gewalt und eine herrliche Sprache kennzeichnen die Inszenierung, musikalisch tangoreich auf dem Akkordeon untermalt von Andy Schnider. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 17.02.2017, 17:58 Uhr

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