Spiez

Viel gelobt und doch umstritten

SpiezUrsula Zybach (SP) wird ab dieser Legislatur die höchste Bernerin. Ihrer Wahl blickt die stille Schafferin mit gemischten Gefühlen entgegen: Einige Bürgerliche werden die 49-jährige Spiezerin nicht wählen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich.

In ihrem «Paradies»: Die höchste Bernerin Ursula Zybach (SP) im Garten ihres Hauses in Spiez.

In ihrem «Paradies»: Die höchste Bernerin Ursula Zybach (SP) im Garten ihres Hauses in Spiez. Bild: Markus Grunder

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Ein Nachmittag in Ursula Zybachs Garten fühlt sich an wie ­Ferien. Kein Wunder, nennt die SP-Grossrätin ihr Zuhause in Spiez auch «unser Paradies». Direkt neben dem Haus, in dem sie mit ihrem Mann wohnt, beginnt der Rebberg, gleich gegenüber thront das Schloss. Ein Birnbaum spendet Schatten, 100 Rosenstauden stehen um den Gartentisch.

Zybach liebt den Duft dieser Blumen, sie stellt jedes Jahr selber Rosenblütensirup her. Auf dem See hupt ein Schiff vor der Einfahrt in die Spiezer Bucht. «Ah, die Blümlisalp. Man könnte die Uhr nach ihr stellen.» Es ist 13.25 Uhr. Zu Fuss sind es zwei Minuten vom Garten zum Seeufer. Manchmal taucht Zybach viermal am Tag ins kühle Nass.

Heute wird die Spiezer Gemeinderätin voraussichtlich zur Präsidentin des Grossen Rates und damit zur höchsten Bernerin gewählt. Ganz so entspannt, wie die Stimmung in ihrem Garten vermuten lässt, blickt die 49-Jährige dieser Wahl aber nicht entgegen. Denn einige Bürgerliche sind skeptisch.

«In unserer Fraktion werden sich sehr viele der Stimme enthalten», sagt FDP-Fraktionschef Adrian Haas (Bern). Auch bei der SVP werde es Enthaltungen geben, sagt Fraktionschefin Madeleine Amstutz (Sigriswil). Die Mehrheit werde Zybach jedoch wählen. «Der Sitz steht der SP zu.»

«In unserer ­Fraktion werden sich sehr viele der Stimme enthalten.»Adrian Haas (FDP)

Dossierfest und engagiert

Die Gründe für die Skepsis sind unterschiedlich. Bei der FDP stösst einigen sauer auf, dass die SP bei der Wahl von Zybachs ­Vorgänger Carlos Reinhard (FDP, Thun) Vorbehalte hatte, weil er noch nicht lange Grossrat war – und nun selber eine Kandidatin stellt, die erst seit 2014 im Parlament sitzt. Weiter wird kritisiert, dass sie nicht bereits als zweite Vizepräsidentin des Grossen Rates aus der Geschäftsprüfungskommission (GPK) zurückgetreten ist.

Bei der SVP stört es einige, dass Zybach beim Berner Marsch nicht aufsteht. Die meisten, die leer einlegen werden, haben aber Mühe damit, dass Zybach in ihrem Präsidialjahr auch als Regierungsrätin kandidieren will – wobei Evi Allemann parteiintern die besseren Chancen haben dürfte, nominiert zu werden.

Als Regierungsratskandidatin müsse sie politisch Position beziehen, als Grossratspräsidentin müsse sie den ganzen Kanton repräsentieren, so die Kritiker. Das sei ­unvereinbar.

Ursula Zybach reagiert darauf mit etwas, das ihr parteiübergreifend als Qualität attestiert wird: guter Vorbereitung und Dossierkenntnis. «1980 war ein Regierungsratskandidat der FDP gleichzeitig Grossratspräsident.»

Carlos Reinhard sei noch weniger lang im Amt gewesen als sie, am Berner Marsch störe sie der gewaltverherrlichende Text, und ihr Engagement in der GPK sei regelkonform gewesen und habe zudem grossen Spass gemacht.

Offenbar nicht nur ihr: GPK-Vizepräsident Fritz Ruchti (SVP, Seewil) hat gerne mit ihr zusammengearbeitet. «Sie ist engagiert und nimmt sich der wichtigen Themen an», sagt er. Deshalb ­habe Zybach in der GPK einen gewissen Stellenwert – obschon sie erst seit 2014 in der Kommission ist. Es gehe ihr um die Sache, das Parteibuch habe sie jeweils gut beiseitelegen können.

«Ich mag keinen Krach»

Allgemein gilt Zybach als stille Schafferin. «Manchmal wird sie deswegen unterschätzt», sagt SP-Parteipräsidentin Ursula Marti (Bern). Von einigen Grossräten ist zu hören, dass sie erst bei der näheren Zusammenarbeit merkten, was in Zybach steckt.

«Ich mag keinen Krach», gesteht die Spiezerin. Das ist durchaus zweideutig zu verstehen: Zum einen verinnerlichte sie bereits als Kind, leise zu sein und Rücksicht zu nehmen, wenn ihr Vater nach der Nachtschicht als Lokomotivführer schlief. Zum anderen wird die 49-Jährige parteiintern oft als Schlichterin eingesetzt, wenn es irgendwo Wogen zu glätten gilt.

Manchmal helfe es, einfach zuzuhören, sagt sie. Und ihre ruhige Art helfe, Situationen zu entschärfen. Sie hofft, dass dies auch bei herausfordernden Debatten im Rat nützlich ist – etwa, wenn es im November beim Sparpaket hitzig wird.

Doppelaufgabe als Hindernis

Vielleicht hat sich Zybach das Finden von Kompromissen auch so verinnerlicht, weil sie in einer Gegend wohnt, in der die SP einen schwierigen Stand hat. ­Allzu pointiert links lässt sich im Oberland nicht politisieren, wenn man etwas bewirken will.

Auch mit Rückschlägen muss die Spiezer Finanzvorsteherin leben können. «Es ist wie bei einer Rose: Wenn ein Ast gekappt wird, muss man schauen, wo man halt sonst wachsen könnte.» Erst Ende 2016 wurde ihr ein Ast gekappt: Zybach zog in der Wahl ums Gemeindepräsidium den Kürzeren gegen die SVP-Frau ­Jolanda Brunner.

«Es ist wie bei einer Rose: Wenn ein Ast gekappt wird, muss man schauen, wo man halt sonst wachsen könnte.»Ursula Zybach

Dabei spielte auch eine Rolle, dass sie Grossratspräsidentin werden sollte. «Einige trauten ihr die Doppel­belastung nicht zu», sagt Markus Wenger (EVP), neben Zybach der einzige Spiezer im Kantonsparlament. Zybach ist überzeugt: «Einem Mann hätte man das ­niemals vorgeworfen.» Natürlich hat sie recherchiert, dass viele Männer mehrere Mandate gleichzeitig haben, Frauen hingegen meist nur eines.

Sie hätte die Doppelaufgabe mit viel Engagement angepackt, ­betont sie. Aber auch ohne Gemeindepräsidium seien die Ferien während des Grossratspräsidiums gestrichen. Neben ihrem politischen Engagement ist Zybach Präsidentin von Public Health Schweiz und der Stillförderung Schweiz. Die Lebensmittelingenieurin arbeitet auf Mandatsbasis und ist entsprechend flexibel.

Das zweite Vizepräsidium der kantonalen SP hat sie abgegeben, um sich besser auf ihre Aufgabe als Grossratspräsidentin konzentrieren zu können.

Das höchste Gut

In Ursula Zybachs Garten scheint mittlerweile die Sonne zwischen den Birnbaumblättern hindurch. Wie jeden Morgen hat sie sich ­bereits mit Sonnencreme eingeschmiert und springt jedem Widerspruch zum Trotz auf, um ihrem Gast ebenfalls welche zu holen.

Natürlich wäre es pure Ironie, sich ausgerechnet in Zybachs Garten einen Sonnenbrand zu holen. Denn Gesundheitspolitik – unter anderem Krebsprävention – ist ihre Herzensangelegenheit. Die meisten ihrer Vorstösse im Parlament betreffen diesen Bereich. «Gesundheit ist das höchste Gut, alle sollen die gleichen Chancen haben, es zu erreichen», sagt sie. Sie wolle sich dabei insbesondere für Menschen engagieren, die sich weniger gut ausdrücken könnten als sie.

Deshalb will sie in ihrem Präsidialjahr auch Organisationen ins Rathaus einladen, die von sich aus den Kontakt zur Politik weniger suchen. Und damit anderen, die wegen ihrer Ruhe ebenfalls unterschätzt werden könnten, eine Stimme verschaffen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.06.2017, 07:50 Uhr

Weitere Wahlen

Nebst dem Grossratspräsidium wird heute auch das Regierungspräsidium neu vergeben. Auf die bisherige Regierungspräsidentin Beatrice Simon (BDP) folgt der grüne Erziehungsdirektor Bernhard Pulver. Sein Vize wird Justizdirektor Christoph Neuhaus (SVP).

Spannend wird die Wahl des zweiten Vizepräsidenten für den Grossen Rat. Diese Person wird 2019 Grossratspräsident werden. Sowohl die Grünen als auch die Grünliberalen erheben Anspruch auf diesen Sitz. Somit kommt es erstmals seit fast zwanzig Jahren zur Kampfwahl. Gerade aus den bürgerlichen Parteien werden dabei beide Kandidaten Stimmen erhalten.

Die Grünen stellen Grossrat Bruno Vanoni aus Zollikofen zur Wahl und argumentieren, sie hätten letztmals 2008 den Grossen Rat präsidieren dürfen. Keine andere Partei habe so lange auf das nächste Grossratspräsidium warten müssen. Die Grünliberalen wiederum portieren den Uetendorfer Hannes Zaugg. Nach acht Jahren im Grossen Rat sei es Zeit, dass die GLP nun zum Zug komme, findet die Partei.

In diesem Zusammenhang wurde von grüner Seite auch der Turnus beim Grossratspräsidium kritisiert. Dieser sieht vor, dass während der vierjährigen Legislatur die drei stärksten Parteien im Parlament je einmal das Präsidium stellen. Die kleineren Parteien wechseln sich im vierten Jahr ab.

Allerdings zählt die FDP als drittstärkste Partei nur gerade einen Sitz mehr als die Grünen, nämlich 17. Und auch die BDP ist mit 14 Sitzen nicht sonderlich weit von den Freisinnigen entfernt.

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