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Zwei Oberländer wollen mit Kompostwürmern viel Geld verdienen
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Der Kompostwurm
Der Kompostwurm wird 4 bis 10 cm gross und kann ohne reichliche Mengen an organischem Material nicht überleben. Deshalb findet man ihn auch nur in Mist- oder Komposthaufen und nicht in normalen Garten- oder Ackerböden. Man erkennt ihn an seiner roten bis rosaroten Färbung und den gelben Ringen. Er ist ein wahrer Fortpflanzungskünstler: Mit seinen Kindeskindern bringt es ein Kompostwurm pro Jahr theoretisch auf rund 1000 Nachkommen.
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Hans Fuhrer ist ein vielseitiger Mann und immer offen für Neues: Zusammen mit seiner Frau Esther und den beiden Töchtern betreibt er in Aeschi einen Bio-Milchwirtschaftsbetrieb mit 22 Hektaren Land, 20 Kühen, zirka 30 Stück Jungvieh und einer Ferienwohnung. Daneben ist er Feuerwehrinspektor des Verwaltungskreises Frutigen-Niedersimmental und deshalb zwischen Blümlisalp und Wiriehorn bekannt wie ein bunter Hund. Befasst sich Fuhrer nicht gerade mit Viehzucht oder Feuersbrünsten, so sitzt er gern mit Senn Beat zusammen, seinem Kollegen aus Krattigen.
Wurm-Reise nach Wien
Da liessen sich die beiden also gerade wieder einmal einen währschaften Happen munden, als Senn von einer Gruppe Frutigländer Bauern erzählte, die offenbar nicht mehr bloss Rinder züchteten, sondern auch Würmer – als Futter für die Störe im Tropenhaus, dem neuen Vorzeigeobjekt des Tales. «Das wäre doch auch etwas für dich», meinte der Krattiger. Fuhrer Hans sagte nicht Ja und nicht Nein, nahm noch einen Schluck Roten und brummte, er werde das näher anschauen. Das Resultat der vertieften Prüfung fiel dann durchzogen aus: Als eine Art Hobby sei das Züchten von Würmern in relativ kleinen Behältern gut und recht, fand Fuhrer, aber für einen Nebenerwerb stimme das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag nicht...es sei denn, ging es dem cleveren Bauersmann durch den Kopf, man würde den Faden weiterspinnen und das Konstrukt ein paar Nummern grösser machen. Da heutzutage fast auf jedem «bluemete Trögli» ein Computer steht, hatte Fuhrer keine Mühe, sich kurzum ins World Wide Web einzuloggen und den Würmern nachzusurfen. Bingo! In Absdorf, nordwestlich von Wien, stiess er auf eine grosse Wurmfarm. Nun war eine kleine Geschäftsreise fällig, woran auch die Ehefrauen der beiden Pioniere sofort Gefallen fanden.
Baubewilligung in Sicht
Nebst einer kleinen Sachertorte wurde eine grössere Portion Grundwissen über die Zucht vonKompostwürmern von Österreich ins Berner Oberland transferiert und hier weiterentwickelt, denn in mancherlei Hinsicht unterscheiden sich die Verhältnisse im helvetischen Alpenraum von jenen nahe der pannonischen Tiefebene. Sukkurs bekam das Forscherduo vom Studiosus Martin Vogel, der seine Erkenntnisse in einerBachelor-Arbeit verwertete. Mittlerweile haben die Tests in den Pilotanlagen ihren Abschluss und die Resultate das Wohlgefallen aller Beteiligten gefunden – die wesentlichen Bedenken sind verflogen, und die Baubewilligung für einen sogenannten Wurmstall in Fuhrers Obstgarten dürfte jeden Moment eintrudeln. Sobald die Tulpen blühen, soll ein Folientunnel aufgestellt werden, im Endausbau 60 Meter lang, 10 Meter breit und knapp 5 Meter hoch. Auf der einen Seite werden in grossen Trögen die Würmer leben, kulinarisch dermassen mit Kuhmist und Grünzeug verwöhnt, dass die Libido der Tiere schier entgleisen und mithin die Population rasend schnell wachsen wird.
Vermisuisse übernimmt
Aber alles hat ein Ende (nur der Wurm hat zwei), und so wird das Lotterleben aus lauter Fressen und Sex eher früher als später sein Ende finden: Die Würmer werden in Tröge auf der anderen Längsseite des Tunnels umziehen und fortan auch arbeiten müssen, will heissen: hochwertige Pflanzenerde produzieren. Eine tierquälerische Überforderung ist dabei kaum zu befürchten, denn eigentlich genügt es, Nahrung aufzunehmen, zu verdauen und in nunmehr veränderter Form abzugeben – ein Prozess, der allen Lebewesen vertraut ist. Kaum eine Gattung vermag jedoch in punkto Endprodukt mit dem Wurm mitzuhalten: Die feinkrümelige und fast schwarze Erde ist schön anzusehen, angenehm in der Berührung und völlig geruchlos. Im Trog gilt übrigens quasi Schichtarbeit: Im obersten Teil wirken die Würmer, in der Mitte reift der fertige Kompost heran, und unten rieselt laufend das fertige Produkt heraus.
Tropenhaus ist interessiert
Während die Wurmerde schon bald in den Verkaufsregalen stehen wird, muss für die Wurmproduktion im grossen Stil eine Aufbauphase von rund zwei Jahren einkalkuliert werden. Heute schon signalisiert aber mit dem Tropenhaus Frutigen ein interessanter Kunde sein Interesse am Erwerb von Würmern. Die Störe freuen sich sehr auf die neue Delikatesse – so wie sich die Zweibeiner sehr auf den Kaviar der Fische freuen. «Das Pionierprojekt in Aeschi passt gut zu uns», erklärt Tropenhaus-Geschäftsleiter Fritz Jost, «es spiegelt einen natürlichen Kreislauf, ist ökologisch sinnvoll und nachhaltig, es erfüllt Bio-Standards und ist in der Region angesiedelt.» Natürlich müssten zunächst Erfahrungen gesammelt und ausgewertet werden, fügt Jost an, denn das Ziel bestehe darin, übers ganze Jahr hinweg ein einwandfreies Produkt in genügender Menge verfügbar zu haben, «aber ich bin optimistisch».
Das ist auch Hans Fuhrer: «Zwar handelt es sich um ein Pionierprojekt, denn eine Anlage dieser Art und dieser Grösse gibt es in der Schweiz noch nicht, und von daher muss man immer mit Rückschlägen rechnen, aber alles in allem bin ich überzeugt, dass unsere Idee nicht nur ökologisch zukunftstauglich ist, sondern auch ökonomisch.» Erwiese sich die Prognose als falsch, würde dies Fuhrer gewiss gehörig «wurmen». (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.02.2010, 15:14 Uhr
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