Wenn Liebe zur Umwelt auch durch den Magen geht

Ernährung ist nicht nur Genuss, sie ist überlebenswichtig. Wie also soll in diesem Konsumbereich der Energieverbrauch gesenkt werden? Ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln ist angesagt.

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Es ist ein wahrhaftiges Kaleidoskop an Gerüchen, das einem in die Nase steigt, als Sonja Lauener die Tür öffnet und mit einem Lächeln in ihre Wohnung bittet. Der Fisch ist deutlich zu riechen, dahinter vermischen sich weitere Düfte, die noch nicht definiert werden können.

Die Thuner Foodbloggerin ist gerade dabei, vier Rezepte aus dem Magazin «Tabula» der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SEG) nachzukochen: Seefischsuppe, asiatisches Rindsgeschnetzeltes, Kürbisgratin mit Feigen und Wirzpäckli mit Couscous. Das Besondere daran: Diese Rezepte enthalten auch Angaben zur Umweltbelastung. Im Rahmen der Serie zur 2000-Watt-Gesellschaft liess diese Zeitung diese Speisen testen.

Ernährung macht ein Drittel der Umweltbelastung aus

Die Produktion von Nahrungsmitteln verbraucht viel Boden und Wasser, der Einsatz von Pestiziden belastet Gewässer, Monokulturen reduzieren die Artenvielfalt, und insbesondere die Massentierhaltung setzt grosse Mengen an Treibhausgasen frei. Deshalb entfällt gemäss einer Studie des Bundesamtes für Umwelt im Bereich des privaten Konsums knapp ein Drittel der Umweltbelastung in der Schweiz auf die Ernährung. Besonders tierische Produkte belasten die Umwelt verhältnismässig stark.

Dies verdeutlichen auch die Gerichte in der Küche von Sonja Lauener: Beim asiatischen Rindsgeschnetzelten, das im Wok warm gehalten wird, entfallen 85 Prozent der Umweltbelastungspunkte auf das Fleisch. Bei den Eglifilets in der Fischsuppe sind es knapp 70 Prozent. Während diese beiden Gerichte pro Person über 7000 Umweltbelastungspunkte zählen, kommen die vegetarischen Gerichte auf rund 2000 (vgl. Grafik).

Weshalb ist gerade die Produktion von Fleisch derart energieintensiv? Nach Angaben des WWF stecken in einem Kilogramm Fleisch etwa 7 bis 15 Kilogramm Futtermittel. Durch diesen Veredelungsverlust ist der Landverbrauch entsprechend hoch, sodass gemäss der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO heute über 70 Prozent der weltweiten Landwirtschaftsfläche für die Tierhaltung beansprucht werden. Weiter stösst ein Rind täglich 300 bis 500 Liter Methan aus – ein Gas, das 23-mal klimaschädlicher ist als CO2.

Neben gesundheitlichen sind es diese ökologischen Aspekte, die Sonja Lauener vor eineinhalb Jahren dazu bewogen haben, sich fortan vegetarisch zu ernähren. Daneben schwingen auch ethische Überlegungen mit: «Ein weiterer Beweggrund ist die Massentierhaltung», sagt die 35-Jährige.

Die Foodbloggerin, die sich als Produktmanagerin auch beruflich mit Lebensmitteln befasst, hat schon einen Monat lang die vegane Ernährung ausprobiert. «Es liegt am Käse, dass ich nicht ganz auf tierische Produkte verzichten kann», sagt sie. Es stehe aber immer eine Flasche Sojarahm in ihrem Kühlschrank. «Das Geschmackserlebnis steht bei mir im Vordergrund. Die meisten typischen Aromen von tierischen Produkten kann man auch mit pflanzlichen Zutaten erzielen.» So seien es etwa beim Fleisch das Fett, die Gewürze und die Röstaromen, die den charakteristischen Geschmack lieferten.

Cashewkerne und Hefeflocken statt Käse

Während Sonja Lauener erzählt, merkt man, dass sie mit viel Leidenschaft und Wissen kocht. Von den Wirzpäckli mit Couscous kreiert sie kurzerhand eine vegane Variante, indem sie den Greyerzer mit einer Mischung aus gehackten, über Nacht in Salzwasser eingelegten Cashewkernen und Edelhefeflocken ersetzt. Was wohl ihre Gäste dazu sagen werden? Sonja Lauener und ihr Partner Christophe von Gunten haben drei Freunde eingeladen, damit die Speisen nicht als Food-Waste enden (vgl. Kasten «Food-Waste»). Nachdem alle eingetrudelt sind, setzt man sich zu Tisch.

Für die Vorspeise, die Seefischsuppe, gibt es nur lobende Worte. Christophe von Gunten, Manuela Perren, Daniel Lauper und Adrian von Gunten, die alle Fleisch essen, können auch den vegetarischen beziehungsweise veganen Gerichten viel abgewinnen. Was für ein Verhältnis haben sie zum Fleischkonsum? «Ich könnte nicht komplett darauf verzichten, aber es muss nicht mehr so viel Fleisch sein wie früher», sagt Christophe von Gunten.

Seinem Namensvetter Adrian von Gunten geht es ähnlich. Ihm ist eine ausgewogene Ernährung mit genug Gemüse und Früchten wichtig. Daniel Lauper sagt, er könne zwar problemlos wochenlang ohne Fleisch auskommen, aber zwischendurch habe er «Bock auf ein feines Stück». Manuela Perren achtet derweil darauf, dass die saisonalen Produkte aus der Region stammen.

Reduktionspotenziale bis zu 45 Prozent

Nach Angaben von ESU-Services – dem ETH-Spin-off, das die Ökobilanzen berechnet – liegt in einer umwelt- und gesundheitsbewussten Ernährung, die verschiedene Massnahmen verbindet, das Potenzial der Reduktion von Umweltauswirkungen bei bis zu 45 Prozent. Vegetarismus reduziert die ökologische Belastung um bis zu 35 Prozent. Das Bevorzugen von Bioprodukten macht gut 15 Prozent aus, der bewusste Konsum von Genussmitteln wie Kaffee, Schokolade oder Alkohol bis zu 20 Prozent. Allein den Fleischkonsum auf die aus gesundheitlicher Sicht empfohlenen 2-mal pro Woche zu reduzieren, würde die Umweltbelastung des Durchschnittsschweizers, der rund 50 Kilo Fleisch im Jahr isst, um 12 Prozent senken.

Massnahmen, die die Umweltbelastung und den Energiebedarf senken, gibt es also viele. Und nach dem guten Essen sind sich Sonja Lauener und ihre Gäste einig, dass eine umweltbewusste Ernährung keinen Verzicht bedeutet.

Info: Blog von Sonja Lauener online unter tafelfreudebysonja.blogspot.ch. (Thuner Tagblatt)

(Erstellt: 11.03.2015, 11:40 Uhr)

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Food-Waste: Ein Drittel landet im Abfall

In der Schweiz geht ein Drittel der produzierten Nahrungsmittel verloren oder wird verschwendet und endet als sogenannter Food-Waste. Dies entspricht rund 2 Millionen Tonnen Lebensmitteln oder durchschnittlich 300 Kilogramm pro Person und Jahr. Diese Zahlen beinhalten nur vermeidbare Abfälle. Nicht essbare Teile wie Rüstabfälle, Bananenschalen, Knochen oder Kaffeesatz sind nicht darin eingeschlossen. Auch Lebensmittel, die trotz korrekter Lagerung ungeniessbar werden, zählen zu den unvermeidbaren Abfällen.

Fast die Hälfte des Food-Waste entsteht in den Haushalten. Zu grosse Einkaufsmengen und falsche Lagerung sind Ursache dafür, dass die Ware verdirbt. Auch werden Reste auf Tellern und Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, aber noch geniessbar wären, in den Müll geworfen. Besonders betroffen macht die Anzahl der Tiere, die für den Abfall gezüchtet und geschlachtet werden: Gemäss Berechnungen von Praktischer Umweltschutz Schweiz sind es hierzulande jährlich 24000 Rinder und Kälber, 84000 Schweine und rund 2,9 Millionen Hühner.

Die Folgen von Food-Waste sind vielschichtig. Die weggeworfenen Nahrungsmittel verbrauchen Land, Wasser, Energie und verursachen Treibhausgasemissionen. Im Durchschnitt gibt jeder Haushalt circa 1000 Franken jährlich für Lebensmittel aus, die im Müll landen. Die erhöhte Nachfrage lässt die Lebensmittelpreise ansteigen und trägt dazu bei, dass das weltweite Nahrungsangebot verknappt, während noch immer rund 800 Millionen Menschen chronisch unterernährt sind (Stand 2014). mbs

Link: www.foodwaste.ch

Energiespartipps


  • Sich vorwiegend pflanzlich ernähren (Fleisch zweimal pro Woche, Fisch einmal pro Monat)

  • Bioprodukte vorziehen

  • Auf saisonale und regionale Produkte achten

  • Kaffee, Alkohol und Schokolade bewusst geniessen

  • Flugware meiden

  • Zu Fuss oder mit dem Velo einkaufen und nur so viel wie nötig

  • Auf sachgemässe Lagerung der Lebensmittel achten

  • Reste wiederverwerten

  • Bei der Beurteilung der Geniessbarkeit auf die eigenen Sinne vertrauen


mbs
Link: www.sge-ssn.ch/foodprints

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