Wäre K.s Tod vermeidbar gewesen?
Von Gabriel Berger. Aktualisiert am 21.02.2012 8 Kommentare
In diesem Haus an der Hofstettenstrasse in Thun lebte der Drogenabhängige K. vor seinem Tod. (Bild: Gabriel Berger)
Suchtproblematik in Thun
In den vergangenen Wochen und Monaten ist die Zahl der Drogenabhängigen in der Stadt Thun relativ stabil geblieben. «Die Szene hat sich quantitativ nicht ausgeweitet», hält der Thuner Sicherheitsvorsteher Peter Siegenthaler (SP) fest. Es sei in letzter Zeit kaum zur Bildung von öffentlichen Drogenszenen gekommen. Das liegt sicher auch an der kalten Jahreszeit, aber nicht nur: «Der Handel und der Konsum spielt sich vermehrt im privaten Raum ab», erklärt Siegenthaler. An neuralgischen Punkten wie bei den Sitzbänken vor dem Bahnhof Thun oder bei der Abfallsammelstelle vis-à-vis des Discounters Aldi gebe es zwar teilweise Ansammlungen von Süchtigen, aber immer «in überschaubarem Rahmen». Laut Siegenthaler sind bei der Stadt seit längerem keine Reklamationen mehr eingegangen wegen den Drogenabhängigen.
Auch in der Thuner Heroinabgabestelle HeGeBe (vgl. Haupttext) sind die Zahlen der Bezüger stabil. Aktuell machen rund 100 Patienten – darunter mehr Männer als Frauen – vom Angebot Gebrauch. «Neu können wir im Bereich der Substitution zehn Plätze zusätzlich anbieten», sagt Stellenleiterin Rita Aschwanden. Total stehen damit nun 70 Plätze für die heroingestützte und 40 für die Substitutionsbehandlung, also zum Beispiel Methadon, zur Verfügung.
«Marathon» brachte Wende
Die Stadt Thun verfolgt in der Drogenpolitik ein Vier-Säulen-Modell mit Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression als Hauptpfeiler. Als schadensmindernd gelten jene Angebote, welche die Drogenabhängigen unter anderem in den Bereichen Wohnen, Arbeit und Integration unterstützen.
Mit Repression machten die Stadtbehörden im Jahr 2005 Schlagzeilen: Im Rahmen der Aktion «Marathon» auf dem Mühleplatz erliess die Polizei innerhalb von drei Monaten 155 Fernhalteverfügungen und wies 118 Personen weg. Gegen 38 Personen, die sich nicht daran hielten, wurde insgesamt 61-mal Anzeige erstattet. Bei «Marathon» wurden erstmals nicht nur Drogendealer, sondern auch -konsumenten weggeschickt. Seither ist die offene Drogenszene vom Mühleplatz verschwunden. Die Stadt zog damals eine entsprechend positive Bilanz.
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Der Fall ereignete sich schon vor rund drei Wochen, ist aber erst jetzt publik geworden: Im Spital Thun stirbt der langjährige Drogenabhängige K.* Wie sich später herausstellt, war es keine Überdosis, die das Ableben des 35-Jährigen verursachte. «Der Mann ist eines natürlichen Todes gestorben. Die Polizei hat daher auch keine weiteren Ermittlungen eingeleitet», sagt Nicolas Kessler, Mediensprecher der Kantonspolizei Bern, auf Anfrage.
So ist es auch nicht der Tod an und für sich, der Fragen aufwirft, sondern dessen Umstände. In den Augen eines Freundes*, der früher selber abhängig war und den Verstorbenen vor zwölf Jahren kennengelernt hatte, wäre der Tod von K. vermeidbar gewesen. «Mein Kollege lag schon im Sterben, als ich ihn an jenem Montag besuchen wollte», erzählt der Freund. «Die Wohnungstür stand weit offen, aber es kam offenbar niemandem in den Sinn, nach dem Rechten zu sehen oder zu helfen. Ich alarmierte sofort die Rettungsdienste. Vier Tage später starb mein Kollege im Spital.»
Stadt sind Hände gebunden
Für den Freund von K. liegt das Problem auf der Hand: Im betroffenen Haus an der Hofstettenstrasse in Thun wohnen mehrere Drogenabhängige, die jedoch alle alleine leben. Die Wohnsituation etlicher Abhängiger im Haus sei chaotisch; die soziale Kontrolle untereinander funktioniere nicht. Der Freund kann nicht verstehen, dass niemand eingreift: «In diesem Haus herrschen unhaltbare Zustände. Die Behörden müssen unbedingt etwas dagegen unternehmen.»
Der Tod K.s und die Zustände im Haus an der Hofstettenstrasse sind dem Thuner Gemeinderat Peter Siegenthaler (SP), Vorsteher der Direktion Sicherheit und Soziales, bekannt. «Solange keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit vorliegt, können wir in solchen Fällen jedoch nicht eingreifen. Da sind uns die Hände gebunden», erklärt Siegenthaler. Wenn Suchtbetroffene einen Beistand hätten, sei es möglich, über diesen Verbesserungen zu erwirken. Ausserdem biete die Stadt den Drogenabhängigen mehrere Hilfsangebote in verschiedenen Lebensbereichen.
Gespräche auch in HeGeBe
Rita Aschwanden, Stellenleiterin der Thuner Heroinabgabestelle HeGeBe, stützt die Aussagen Siegenthalers: «Gemeinsam mit den Beiständen finden wir oft Lösungen für die Wohnsituation der Betroffenen.» Auch sonst werde regelmässig das Gespräch mit den Abhängigen besucht. «Das HeGeBe-Team arbeitet interdisziplinär und besteht aus Ärzten, Pflegepersonal und Sozialarbeitern. Unsere Mitarbeitenden gehen aktiv auf die Patienten zu und bieten ihnen Unterstützung bei somatischen, psychischen und sozialen Themen an», sagt Aschwanden. Zudem würden während den Abgaben regelmässig Gesundheitsveranstaltungen durchgeführt. «Leider wird das Angebot nicht von allen mit derselben Motivation wahrgenommen», so Aschwanden. Der verstorbene K. ging laut der Stellenleiterin bei der HeGeBe nicht ein und aus. Die Möglichkeit für Gespräche gibt es auch beim Sput Infocafé (Spritzenumtausch) vis-à-vis des Thunerhofs. Es handelt sich um ein Angebot der Regionalstelle Thun-Oberland des Contact Netz.
«Gespräche sind bei uns freiwillig. Wenn aber eine Pflegefachperson oder eine Sozialarbeiterin merkt, dass ein Abhängiger ein Problem hat, wird er vom Team darauf angesprochen», sagt Rahel Gall, Leiterin der Regionalstelle. Ob dies im Fall des Verstorbenen etwas gebracht hätte, sei spekulativ. «Geht aber von einem Abhängigen ein konkretes Potenzial aus, sich oder andere zu gefährden, können wir oder Anwohner des Betroffenen beim Regierungsstatthalter eine Gefährdungsmeldung einreichen», erläutert Gall.
* Namen der Redaktion bekannt (Thuner Tagblatt)
Erstellt: 21.02.2012, 06:26 Uhr
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8 Kommentare
Es ist tragisch, wenn ein Mensch unter diesen Umständen stirbt. Trotzdem ist es m.E. völlig fehl am Platz, die Schuld bei irgend jemand anderem zu suchen. Der Verstorbene hat in seinem Leben Entscheidungen getroffen, die letztendlich wohl zu seinem Ableben geführt haben. Nicht seine Mitbewohner, nicht die Behörden, nicht die Familie. Antworten
Die Lösung liegt aufder Hand, aber es ist nicht modern: Die Süchtigen so früh wie möglich von der Strasse nehmen, wenn sie anfangen mit den Drogen und noch nicht der ganze Körper kaputt ist. Danach einsperren, Zwangsentwöhnen, zur Arbeit erziehen, wie anno dazumal. Wer auf der Strasse bleibt, verreckt früher oder später. Dieser hier hat es ein wenig länger geschafft. Aber seine Tage waren gezählt. Antworten
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