Spital Thun will Betreuung auch nach dem Spitalaufenthalt anbieten
Von Brigitte Walser. Aktualisiert am 26.01.2011
Am Spital Thun ist ein Projekt in Vorbereitung, das betagten Patienten den Austritt aus dem Krankenhaus erleichtern soll. Ziel ist, die nötige Hilfestellung und Behandlung im Anschluss an die stationäre Betreuung so gut zu organisieren, dass sich die Patienten ausserhalb des Spitals wieder gut zurechtfinden. Beim Projekt in Thun handelt es sich um einen Modellversuch des Spitalamts des Kantons Bern, für welchen der Grosse Rat am Montag einen Kredit von 1,474 Millionen Franken bewilligt hat. Der Versuch wird vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Ab Mitte Jahr können betagte Menschen im Spital am Projekt teilnehmen. Es ist auf zwei Jahre ausgelegt und wird danach ausgewertet.
Schwerpunkte
Konkret sind zwei Massnahmen geplant. Als Erstes wird betagten Patienten, die am Versuch teilnehmen wollen, beim Eintritt ins Spital eine Pflegefachkraft als Bezugsperson zugeordnet. Solche sogenannten Patientencoachs gibt es im Spital bereits. Während des Modellversuchs wird ihre Arbeit erweitert. Sie sind nicht nur für die Betreuung während des Spitalaufenthalts zuständig, sondern darüber hinaus noch während mindestens sechs Monaten nach dem Spitalaustritt. Sie haben gemäss dem Konzept Kontakt zu pflegenden Angehörigen, dem Hausarzt, der Spitex, der Apotheke, dem Pflegeheim oder allenfalls auch zu Versicherungen. Sie sorgen für den nötigen Informationsfluss, und organisieren die Behandlung über den Spitalaustritt hinaus.
Als zweite Massnahme bilden alle Betreuungspersonen inner- und ausserhalb des Spitals ein Team, das sich beim Spitaleintritt des betagten Patienten sowie bei dessen Austritt trifft und die nötigen Schritte gemeinsam plant. Daran beteiligen sich also beispielsweise Angehörige, der Hausarzt, Spitalärzte und die Spitex.
Problematische Schnittstelle
Der Übergang beim Spitalaustritt von der stationären in die ambulante Behandlung gilt als eine Schwachstelle im Gesundheitswesen. Im Konzept zum Modellversuch sind die möglichen Gründe dafür aufgeführt: Viele verschiedene Stellen seien zuständig, deren Angebote aber nicht koordiniert. Hinzu kommt, dass diese Angebote teilweise unterschiedlich finanziert werden. So komme es zu Brüchen, mangelnder Informationsvermittlung, Doppelspurigkeiten oder Therapieunterbrüchen, wird im Konzept festgehalten. Je älter und kränker ein Patient sei, desto schwieriger werde es für ihn, sich bei all diesen Angeboten zurechtzufinden und zu einer optimalen Behandlung zu kommen.
2012 wird die Spitalfinanzierung geändert, ab dann wird in Spitälern über Fallpauschalen abgerechnet. Stationäre und ambulante Leistungen werden aber weiterhin unterschiedlich finanziert, die neue Spitalfinanzierung wird diesen Spalt also nicht kitten können. Kritische Stimmen warnen, das Problem werde durch die Fallpauschalen sogar verschärft, weil Spitäler aus wirtschaftlichen Gründen versucht seien, Patienten früher zu entlassen, ohne dass Anschlusslösungen bereitstehen.
Erwartungen
Das Thuner Projekt soll klären, welches genau die Gründe für die Probleme bei der Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Behandlung sind und ob sie in der Geriatrie mit persönlichen Bezugspersonen und integrierten Teams entschärft werden können. Geprüft wird, ob die Massnahmen die Lebensqualität und die Selbstständigkeit der Patienten erhöhen und damit der medizinische Aufwand gesenkt werden kann.
Mit einer Kostensenkung wird allerdings nicht gerechnet, denn die Koordination bringt zusätzlichen Aufwand mit sich. So werden beispielsweise die Fachkräfte für die Teamgespräche entschädigt. Der vom Grossen Rat gesprochene Kredit setzt sich zusammen aus 880'000 Franken für die Massnahmen in Thun und 594'000 Franken für die wissenschaftliche Begleitung.
Um aussagekräftige Resultate zu erhalten, werden neben den erwarteten 400 Versuchsteilnehmern in Thun zum Vergleich 400 betagte Patienten eines anderen Spitals befragt, welche ohne diese Massnahmen aus dem Spital entlassen werden. (Berner Zeitung)
Erstellt: 26.01.2011, 07:20 Uhr


