Thun

«Schmerz, Blut und Schreie waren Alltag»

ThunHüsniye Kahraman-Korkmaz ist alevitische Kurdin, wurde in der Türkei als kommunistische Revolutionärin gefoltert und musste flüchten. Seit 1987 lebt sie in Thun und ist längst Schweizerin.

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Wie viel «rote Hüsniye» sind Sie heute noch?
Hüsniye Kahraman-Korkmaz: In meinem Herzen bleibe ich Marxistin. Ein Mensch mit der Ideologie einer farbigen Welt, in der es allen Menschen gut geht.

Auch heute noch?
Ja. Für mich wäre das Leben in einer sozialen Gemeinschaft die menschlichste Form aller.

Ein solch gelebter Marxismus ist aber bis jetzt überall gescheitert.
Ja, weil es dafür einen zuvor gelebten Sozialismus bräuchte. Doch bislang verhinderten das Macht, Unterdrückung, Intoleranz, Egoismus und Imperialismus. Ich wünschte, dass alle – Männer und Frauen – erwachen würden. Die Welt ist derart schlimm für viele Menschen, weil das System den Männern weitaus mehr Rechte als den Frauen gibt, die zudem oft nur als Menschen zweiten Ranges gelten.

Für Ihre Ideologie riskierten Sie Ihr Leben. Hatten Sie nie Angst?
Klar. Doch sind Urvertrauen und Kraft meine Basis. Das führe ich auf meine Kindheitsjahre und die starke Mutterliebe zurück. Wir lebten wie Naturvölker mit Tieren und mit der Natur. Es gab keinen Arzt, der Wald war heilig, und wir baten die Natur um Hilfe.

Welchen Einfluss hatte die Schulbildung auf Sie?
Sie war extrem wichtig. Mein Vater wollte, dass nicht nur die Söhne, sondern auch wir Töchter die Schule besuchen dürfen. Als einziger Mann in der Siedlung wollte er, dass sich seine Töchter selber ernähren und sie unabhängig von Männern leben können.

Woran glauben Sie am meisten?
An die Natur und dass der Mensch ein Teil von ihr ist. Ich spürte schon immer, dass wirkliche Kraft von innen kommt, dass jeder Mensch in sich stark sein und die Verantwortung für sich und sein Tun übernehmen muss.

Sie demonstrierten und nahmen in Kauf, als kommunistische Widerstandskämpferin inhaftiert und gefoltert zu werden.
Mein innerer Drang, mich für die Menschenrechte einzusetzen, war stark und unerschütterlich. Mir war bewusst, dass es eine Frage der Zeit war, bis sie mich gefangen nehmen. Deshalb bereitete ich mich mental darauf vor. Ich fasste den Entschluss, der mir die nötige Kraft gab. Nämlich, dass ich unter welcher Folter auch immer keinesfalls Freundinnen und Freunde verraten werde. Die Vorstellung, nach einer Freilassung mit dieser Scham zu leben, war schlimmer als diejenige an den eigenen Tod.

Gewalt, Schläge und Erniedrigungen: Wie hielten Sie das aus?
Schmerz, Blut und Schreie waren Alltag für uns alle. Tagsüber zeigte ich meine starke Seite, brachte andere zum Lachen und machte ihnen Mut. Und nachts, wenn ich im Bett weinte, tröstete ich mich. Ich sagte mir, dass es anderen noch schlimmer ergeht als mir.

Gehen Folterungen, wie Sie und viele andere Menschen erlebt haben und noch immer erleiden, überhaupt je vergessen?
Nein. Ich spüre noch die Schmerzen der Schläge oder die Ungewissheit über das plötzliche Auftauchen der Polizisten. Wir hatten keine frische Luft, daher bin ich so viel draussen. Wenn eine Türe mit einem Schlüssel geöffnet wird, erschrecke ich. Auch Sauberkeit ist mir sehr wichtig. Unter den hygienischen Zuständen habe ich am meisten gelitten.

Haben Sie noch Albträume?
Ja, eine Art Horrorfilm mit Verfolgungen und Krieg. Auch ertrage ich keine Gewalt oder Schreie. Aber trotz allem: Ich bereue meine Aktivitäten keinesfalls.

Hatten Sie nie Rachegefühle?
Schon. Nach meiner Entlassung 1983 habe ich jedoch rasch realisiert, dass ich umdenken will. Denn Gewalt als Rache erzeugt wieder Gewalt. Nur mit Vergeben und gegenseitigem Zuhören können sich die Dinge ändern.

Ihr Mann wurde auch gefoltert. Wie geht er damit um?
Wir sprechen kaum darüber. Ich wünschte so sehr, er könnte seine Ängste überwinden und noch einmal in die Türkei reisen. Das würde ihm bestimmt gut tun.

Ihre Geschichte könnte sich wohl genauso gut in der heutigen Zeit zugetragen haben.
Ja, denn die Situation in der Türkei ist unverändert gleich. Es gibt weder Menschenrechte noch Demokratie, das Parlament ist kein richtiges. Die wirkliche Regierung ist im Hintergrund, viele sind Marionetten des Imperialismus. Das türkische Volk trifft jedoch keine Schuld. Die Mehrheit kennt keine wirkliche Freiheit.

In Bern gab es kürzlich eine gewalttätige Begegnung zwischen Türken und Kurden.
Ich konnte diese Auseinandersetzungen nicht anschauen und mich damit befassen, sie haben mich zu sehr aufgewühlt. Meine Meinung dazu ist, dass sich grundsätzlich beide Seiten – also die Türken und die Kurden – anhören und versuchen sollten, einander zu verstehen.

Bereitet es Ihnen keine Angst, dass Ihr Buch jetzt publik wird? Gerade, wo der Konflikt zwischen Türken und Kurden wie auch die Themen Flüchtlinge und Schlepper aktuell sind?
Als ich mich vor gut einem Jahr für die Veröffentlichung meiner Biografie entschied, hatte ich keine Angst. Meine Hoffnung war, dass ich anderen Mut machen und einen weiteren Beitrag für die Menschenrechte und für eine Stärkung von Frau und Kind leisten kann. Doch jetzt ist mir schon bange, und ich hoffe, dass meiner Familie nichts geschieht. Ich weiss, dass in der Türkei noch heute oft Menschen wegen ihrer Gesinnung getötet werden.

Haben Sie noch Kontakt zu Menschen aus Ihrer Zeit in der Türkei?
Nein. Das heisst, vor drei Jahren traf ich zufälligerweise Esma, eine Mitinsassin. Ich besuchte in Thun einen Anlass der Unia, und da begegneten wir uns erstmals wieder. Es blieb aber bei diesem einen Mal. Wir haben uns beide seit jener Zeit verändert.

Fühlen Sie sich in Thun vollständig integriert?
Ja, darüber bin ich sehr dankbar. Und jedes Mal, wenn ich realisiere, dass ehemalige Flüchtlinge auch nach Jahren noch kein Wort Deutsch können, finde ich das falsch. Auch ist es kontraproduktiv, den Kindern vorzuschreiben, dass sie in der Schweiz als Türke oder als Kurde leben sollen.

Als was fühlen Sie sich heute?
Als Schweizerin. Die Siedlung in den Bergen Anatoliens, wo ich aufgewachsen bin, bleibt ein Ort der Sehnsucht. Heute ist Thun, wo ich seit 28 Jahren daheim bin, meine sichere Heimat.

Als was damals in der Türkei?
Mein Vater sagte, dass wir richtige Türken sind. Meine Mutter, übrigens eine Analphabetin, war Alevitin in einem kurdischen Gebiet und glaubte an die Natur, an die Erde als unsere Mutter.

Was meinte Ihr Vater mit «Richtige» Türken?
Er sagte stets, dass wir ursprünglich aus dem Raum Afghanistan-Iran kämen und daher die indogermanische Sprache Zazaki sprechen. Das ist ein kurdischer Dialekt. Für mich war es aber nie wichtig, woher ich komme. Doch es interessierte mich und deshalb liess ich einen Gentest machen.

Was kam dabei heraus?
Mütterlicherseits stammen wir von nomadischen Turkvölkern ab: von Roma und Fahrenden, die in Ostarmenien, Turkmenistan und Aserbeidschan wohnten. Väterlicherseits sind wir Fenchu, also Juden. So bin ich letztlich weder Kurdin noch Türkin, sondern in erster Linie Mensch.

Wie wir es alle sind.
Genau. Wir brauchen weder eine Nationalität noch eine Religion. Und falls doch wäre meine Religion, ein gutes Herz zu haben. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 14.10.2015, 09:38 Uhr

Von der Provinz ins Internat, aus dem Gefängnis und mittels Schlepper nach Thun

Die Eltern von Hüsniye Kahraman-Korkmaz erlebten 1937/ 1938 als Kinder den Dersim-Aufstand, wie sie im Buch erzählt (vgl. auch Kasten rechts und das Interview oben). 60000 Menschen wurden umgebracht und systematisch ausgerottet, nichttürkische Nomadenstämme in «Dörfer türkischer Kultur» angesiedelt («Operation: Züchtigung und Deportation»).
Hüsniye Korkmaz (Bedeutung: Ohne Angst sein) wird 1957 geboren und wächst in ärmlichsten Verhältnissen in der Provinz Dersim als alevitische Kurdin auf. Aleviten sind eine islamistische Glaubensrichtung. Sie beten nicht in der Moschee und fasten nicht. Sie wird in der Stadt Ovacik ins Internat geschickt. So kommt es, dass Hüsniye Korkmaz als Siebenjährige erstmals Autos, fliessendes Wasser, Strom und Zahnbürsten sieht und erlebt, wie aus Kurden Türken gemacht werden. Sie muss Eintöpfe samt Ungeziefer und Würmer essen, Türkisch lernen und reden und erfährt die eiserne Disziplin und Härte der militärischen Erziehung. Nach dem Internat besucht sie die Schule und das Gymnasium in Erzincan.

Hüsniye Korkmaz ist sehbehindert und erhält mit 12 Jahren ihre erste Brille. 1972 erlebt sie, wie drei Studenten verhaftet und erhängt werden. Sie wird politisch wach. Als Jugendliche, die mehrfach diskriminiert wird – als Frau, als Kurdin, als Alevitin, als Sehbehinderte –, kämpft sie als die kommunistische Widerstandskämpferin mit dem Rufnamen «Rote Hüsniye» für die Menschenrechte. Das Vorbild der Pionierin ist Ibrahim Kaypakkaya, der linke Revolutionär, der die Kommunistische Partei der Türkei/Marxisten-Leninisten gründete. Sie geht auf die Strasse, erlebt Bombenanschläge und wie der Bruder und seine Freundin niedergeschlagen und schwer verletzt werden. Sie gründet Komitees mit, hilft unterdrückten Frauen, macht Aufklärungsarbeit – für ein Leben ohne Burka, für mehr Rechte für Frauen, Kinder und Minderheiten. Ihr Motto ist und bleibt bei allem: «Du bist in erster Linie Mensch».
1977 lernt Hüsniye Korkmaz ihren späteren Ehemann Ali Haydar Kahraman (Bedeutung: Held) kennen; ein Genosse wie sie. Ende 1978 ereignet sich ein Massaker gegen die Aleviten. Willkürliche Verhaftungen, Tötungen, Kontrollen sowie Folterungen durch Stromstösse, Schlafentzug und dem Ausdrücken von brennenden Zigaretten auf der Haut werden für viele zum Alltag. Haydar Kahraman ist drei Jahre im Gefängnis und wird schwer gefoltert. 1980 ereignet sich der dritte Militärputsch. Tausende werden gefangen genommen – so auch die damals 23-jährige Hüsniye Korkmaz.

Sie wird mit dem Gummistock geschlagen, beschimpft, begrabscht. Die erste Tortur in Untersuchungshaft dauert eine Woche: im dunklen, nach Urin und Kot stinkenden Keller, stehend festgebunden, voller Blut und Schmerzen. Im Militärgefängnis gibt es keine Heizung, viel Ungeziefer, für die Frauen manchmal kaltes Wasser. Nach 14 Monaten wird sie entlassen und trifft Haydar Kahraman wieder. 1983 heiraten die beiden, sie gebärt den Sohn Cemil. Ihr Mann flieht bald in die Schweiz, wo sein Bruder in Thun lebt, und holt 1987 seine Frau und seinen Sohn mit einem Schlepper nach. 1994 wird ihre Tochter Günes geboren.
Hüsniye Kahraman-Korkmaz lernt Deutsch, übersetzt und gründet im Mokka einen Kurdenverein mit. 2000 stirbt ihre Mutter, 2001 wird die vierköpfige Familie eingebürgert. Sie wird Mitglied der SP und der Unia, und ihr Mann eröffnet an der Unteren Hauptgasse das Imbiss-Restaurant Munzur, welches noch heute in Betrieb ist. 2006 stirbt ihr Vater, 2011 kommt ihr erstes Enkelkind zur Welt.sft

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