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Reutigen ist in Sachen Steuern der neue Musterschüler

Von Marc Imboden. Aktualisiert am 23.01.2012

In 11 von 45 Gemeinden steigen die Steuern – das gab es in den letzten zehn Jahren noch nie. Allerdings hinkt der Vergleich mit den Vorjahren, weil der Finanz- und Lastenausgleich neu organisiert wird.

Im Winter liegt Reutigen oft im Schatten der Stockhornkette. Finanziell liegt die Gemeinde hingegen auf der Sonnseite.

Im Winter liegt Reutigen oft im Schatten der Stockhornkette. Finanziell liegt die Gemeinde hingegen auf der Sonnseite.
Bild: Patric Spahni

Punkto Gemeindesteuern ist 2012 ein spezielles Jahr. Da ist zum einen der Finanz- und Lastenausgleich zwischen Kanton und Gemeinden, der neu geregelt wird. Aufgrund dessen gibt es Gemeinden, die künftig mehr Geld vom Staat erhalten, während es für andere weniger gibt. Um diese Mehr- oder Minderausgaben zu kompensieren, konnten die Gemeinderäte ihre Steuersätze für 2012 in eigener Kompetenz erhöhen oder senken (wir berichteten). Und noch etwas ist anders: Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit gibt es in den 46 Gemeinden der Region Thun eine, die am 1.Januar über kein gültiges Budget und damit über keinen Steuersatz verfügte. Es handelt sich dabei um Kienersrüti, mit rund 50 Einwohnern und einer Fläche von 0,8 Quadratkilometer die kleinste Kommune weit herum. Dies, weil die Gemeindeversammlung das Budget Ende November zurückgewiesen hat. Die folgenden Betrachtungen beziehen sich deshalb auf jene 45 Gemeinden, die über ein gültiges Budget verfügen.

Das Steuer-Ei des Kolumbus

Unter diesen gibt es einen Sonderfall, der punkto Steuersenkungen das Ei des Kolumbus gefunden zu haben scheint: Reutigen hatte 2005 noch einen Steuersatz von 1,94. Seither ist er in vier Schritten auf 1,65 gesunken. Reutigen gehört damit im Verwaltungskreis Thun zu den Top Ten. Wie hat die Gemeinde mit ihren knapp 1000 Einwohnern dies geschafft? «Wir haben die Steuern eine Zeit lang bewusst auf hohem Niveau belassen und konnten dadurch die Schulden abbauen», sagt Finanzverwalter Simon Mani. «Letztes Jahr mussten wir keinen Franken an Schuldzinsen bezahlen.» In der Zeit des Schuldenabbaus hat die Gemeinde nur zurückhaltend investiert.

Doch leider kann das Rezept nicht eins zu eins auf andere Gemeinden übertragen werden, wie Simon Mani einräumt. Denn Reutigen hat strukturelle Vorteile, von denen andere nur träumen können: «Bei uns ist das Verhältnis von Einwohnerzahl und Infrastruktur ideal», sagte Simon Mani weiter. So sei beispielsweise die Grösse der Schulanlage inklusive Mehrzweckhalle für die Gemeinde gerade richtig. «Im Rahmen der Ortsplanung schauen wir zudem darauf, dass die Gemeinde nur so stark wächst, wie es die Infrastruktur zulässt.» Dass die Leute generell immer mehr Wohnraum beanspruchen, macht auch den Reutigern Sorgen. «Es gibt bei uns viele Wohnungen beziehungsweise Häuser, in denen nur noch eine Person wohnt. Wir wären deshalb froh, wenn in unserer Gemeinde wieder mehr Kinder zur Welt kommen würden, die dann als Erwachsene im Dorf blieben und selber Familien gründeten.»

Am meisten in Zwieselberg

Trotz dieses Mankos herrschen in Reutigen also Zustände, die andere Gemeinden neidisch machen könnten – vor allem jene elf, die ihre Steuern für dieses Jahr angehoben haben. Der stärkste Anstieg um zwei Zehntel ist in Zwieselberg zu verzeichnen. Es folgen Gurzelen (+0,14) und Bleiken (+0,1). Weiter gehts mit Oberhofen (+0,09), Brenzikofen (+0,07) und Burgistein (+0,06). 0,04 beträgt der Anstieg in Amsoldingen, Thierachern und Fahrni. Am zweitwenigsten steigen die Steuern in Blumenstein (+0,03), am geringsten fällt die Erhöhung in Steffisburg aus (+0,01). In den Genuss einer Steuersenkung kommen nur die Einwohner von vier Gemeinden: Neben Reutigen sinken die Sätze in Thun, Sigriswil und Spiez.

An der Spitze der Steuerhitparade hat sich damit gegenüber dem letzten Jahr nichts geändert: Die steuerlich günstigste Gemeinde ist weiterhin Uetendorf (1,48), gefolgt von Jaberg und Wichtrach (1,49). Auf Rang 3 liegen mit 1,50 Heimberg und Oppligen. Den Schlussrang hat auch in diesem Jahr Oberstocken mit 2,04 inne, gefolgt von Höfen mit 1,99. Während Uebeschi und Homberg letztes Jahr mit 1,90 den dritthöchsten Steuersatz hatten, fällt diese zweifelhafte Ehre nun Burgistein mit 1,92 zu.

Besonders markant war der Anstieg des Steuersatzes in den letzten Jahren in Oberhofen, dem Eldorado der Reichen am rechten Thunerseeufer. 2010 war diese Gemeinde mit 1,45 noch die Steueroase in der Region Thun. 2011 aber übernahm Uetendorf mit 1,48 diesen Platz, während Oberhofen mit 1,55 auf den sechsten Rang fiel. Auch im neuen Jahr werden die Oberhofner wieder stärker zu Kasse gebeten und sind damit auf den achten Platz gerutscht. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 23.01.2012, 08:43 Uhr

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