Kulturzentrum soll redimensioniert werden
Das Kultur- und Begegnungszentrum soll zwischen Bahnhof und Riedhubel zu liegen kommen, wie dieses Modell zeigt.
Stimmen der betroffenen Anwohner
Wenig Freude zeigen jene 91 Anwohner von Gschwend-Ried, die eine Bittschrift unterzeichnet haben, die sich gegen das Projekt von Les Arts Gstaad richtet. Für Initiantin Anita Heutschi ist das Bauwerk «noch immer sehr gross und störend. Es steht in der Wohnzone W3a und in einem intakten Quartier. Daran hat sich nichts geändert. Wir Quartierbewohner werden uns auch weiterhin gegen den Bau zur Wehr setzen. Ausserdem haben wir keine Unterlagen von Les Arts Gstaad bekommen.» Heutschi schlägt einen Bogen zur neuen Planungszone, die auf der Gemeinde Saanen aufliegt: «Der Inhalt, die Wohnzonen sollen vor ‹Entfremdung› geschützt werden – keine weiteren Zweitwohnungen. Für uns gilt dies auch auf der Parzelle beim Bahnhof, die sich die Stiftung Les Arts gratis von der Gemeinde wünscht.» Weiter moniert Heutschi gegen «die aufwendigen Kosten für den Bau, die Erschliessung und den unterirdischen Busterminal.
Diese werden auch dem Saanervolk mit Steuergeldern aufgezwungen. Wir haben Einstellhallen und Tunnels genug im Talboden von Saanen-Gstaad.»
Oskar Buchs, auch er Mitunterzeichner, bleibt kritisch: «Für mich ist der Platz das Fragezeichen. Ein verkleinertes Gebäude wird nicht unbedingt schöner. Ich äussere mich erst, wenn neue Ideen vorliegen.»
Wie das Projekt geplant ist
Das visionäre Kultur- und Begegnungszentrum Les Arts Gstaad soll nach den Plänen des Südfranzosen Rudy Ricciotti realisiert werden. Er ging Anfang Februar 2010 als Sieger aus dem Architekturwettbewerb hervor. Sein Projekt stellt eine in Holzstämme gekleidete Kubatur dar. 185 Millionen Franken soll der grosse Wurf kosten, dessen Konzept eine private Finanzierung vorsieht. 100 Millionen wird alleine der Bau verschlingen. Im Vordergrund steht der für 1200 Plätze konzipierte Konzertsaal, der mit dem Kristallgrottenfeeling das Potenzial zum Prunkstück hat und das bestehende Konzertzelt des Menuhin Festival ersetzt. Das laufende Programm zur Mittelbeschaffung soll aber auch die Äufnung zweier Betriebsfonds sicherstellen: 50 Millionen sollen den baulichen Unterhalt, allfällige Defizite und Erneuerungen des Kulturzentrums decken.
Weitere 35 Millionen sind für die Menuhin Festival Gstaad AG vorgesehen. Sie dienen der nachhaltigen Sicherung des im Bereich Musik zentralen Events.
Die Verantwortlichen von Les Art Gstaad machen darauf aufmerksam, dass es sich hier um ein für die Schweiz einzigartiges Nutzungskonzept für Konzerte, Kunstausstellungen und weitere Veranstaltungen handelt. Geplant ist, den Kulturbau hinter dem Bahnhof Gstaad im Baurecht auf Bauland der Gemeinde zu erstellen, wobei kein Kulturland beeinträchtigt werden soll. Die heute auf dem Bahnhofplatz stationierten Postautos sollen in einem unterirdischen Busbahnhof untergebracht werden. Das Projekt sieht ebenfalls die Erstellung eines Parkhauses vor. Dieses dient nicht nur dem Zentrum selber, sondern auch dazu, die Parkplatznot bei Grossanlässen und Veranstaltungen
im Zentrum zu entschärfen. Sämtliche Arbeiten werden eng mit der Wirtschaftsförderung des Kantons Bern und dem Amt für Gemeinden und Raumordnung abgestimmt. Der Stiftungsrat hofft, das Kulturzentrum im Herbst 2016 eröffnen
zu können.
Der Gstaader Kulturbau zwischen Bahnhof und dem Riedhubel soll «markant bleiben, aber etwas weniger dominant wirken». So formulierte der Stiftungsrat Les Arts Gstaad gestern seine Absicht, das Kultur- und Begegnungszentrum zu redimensionieren und das Gebäude um vier Meter weniger hoch zu bauen. Denn: «Die ursprüngliche Höhe, Grösse und Dominanz des Gebäudes weckten mithin berechtigte Kritik», gesteht der Stiftungsrat ein. Diese Kritikpunkte von Fachleuten, aber auch Einheimischen und betroffenen Anwohnern hat er ernst genommen und das Projekt nun weiterentwickelt.
«Überlegungen einbezogen»
«Die Bittschrift, die von 91 Anwohnern von Gschwend-Ried unterzeichnet wurde, spielte dabei direkt keine Rolle», sagt Jacques Markus Kappeler, Präsident des Stiftungsrates Les Arts Gstaad. «Die Bittschrift war schliesslich an die Gemeinde gerichtet. Einige Überlegungen von Kritikern haben wir aber in die Projektoptimierung einbezogen.» Kappeler ist sich bewusst, dass der Widerstand anhalten wird (siehe auch Kasten «Noch immer sehr gross und störend»). «Form und Grösse des Gebäudes sind dabei gar nicht so wesentlich. Die Bauphase mit der Errichtung einer Erschliessungsstrasse wird drei bis vier Jahre dauern.»
«Das wäre falsch»
Wird man die Anwohner allenfalls mit Abfindungen oder reduzierten Eintritten zu ködern versuchen, wenn das Kulturgebäude erst einmal steht? «Das wäre falsch, und das beabsichtigen wir auch nicht», sagt Kappeler. Ob es die Bau- und Lärmimmissionen je geben wird, hängt auch damit zusammen, ob die beiden Überbauungsordnungen für die Erschliessung und das Projekt selbst vom Volk angenommen werden. Zuerst hatte Kappeler letzten Juli eine Abstimmung für diesen Frühling als möglich angesehen. Jetzt dürfte es nach seiner Schätzung Ende Jahr werden. «Die Überarbeitung des Projektes hat uns viel Zeit gekostet. Die Anpassungen sind bei einem dermassen komplexen Projekt technisch sehr schwierig zu realisieren. Uns ist es lieber, es dauert etwas länger, dafür ist es gut abgesichert.»
200 Sitzplätze weniger
Und so sehen die Anpassungen aus, die in enger Zusammenarbeit mit dem Architekten Rudy Ricciotti vorgenommen worden sind: Um die Redimensionierung von 20 auf 16 Meter Höhe zu realisieren, wird der Konzertsaal um eine Geschosshöhe abgesenkt. Von den Parkplätzen aus gelangt man direkt zum Foyer und zu den Garderoben. Angepasst werden auch die Anzahl der Sitzplätze im Konzertsaal, der mit den entsprechenden Beleuchtungseffekten wie eine Kristallgrotte wirken soll: Statt der bisherigen 1400 Plätze hält man an 1200 fest. Laut Kappeler bestätigen Fachleute, dass es für die internationale Anerkennung und Wahrnehmung mindestens 1000 Sitzplätze brauche. Der Saal kann flexibel auf eine Nutzung von 700 Sitzen eingegrenzt werden. Während Experten von einem Qualitätsgewinn, ja gar einem akustischen Quantensprung sprechen, lässt sich durch die räumliche Verkleinerung (es wird auf einen der drei Balkone im Konzertsaal verzichtet) auch etwas einsparen. «Um etwas weniges wird der Bau schon günstiger», bestätigt Jacques Markus Kappeler. «Es dürfte sich um die zwei Prozent handeln, die aber von den anderen Faktoren überspielt werden.»
Hierzu gehört der Eckpunkt mit den Baukosten. «Wird etwas auf den unterirdischen Busbahnhof, den die Gemeinde Saanen verlangt, gebaut, was dem Betrieb des Zentrums dient, dann müssen die Baukosten anders aufgeteilt werden, als wenn der Teil nur überdacht wird. Letztlich stellt sich die Frage, welcher Preis für den Busbahnhof politisch opportun ist», sagt Jacques Markus Kappeler.
6,3 Millionen gesammelt
Seit dem Start des Projekts im Jahr 2005 hat der Stfitungsrat 6,3 Millionen Franken À-fonds-perdu-Beiträge gesammelt. «Sie decken die Kosten für den Architekturwettbwerb, die Weiterentwicklung des Projekts bis zum heutigen Zeitpunkt und sichern die Fortführung bis zur Baubewilligung», hält Kappeler fest. Diese Finanzierung durch À-fonds-perdu-Beiträge von Donatoren ist neu. Der Stiftungsrat hat damit auf die veränderte Situation auf den Finanzmärkten reagiert. So wird das Geld erst dann bezahlt, wenn es benötigt wird. Und erst bei der konkreten Verwendung kommt es in die Stiftung rein.
In der Planungsphase wird das Geld für die laufenden Kosten verwendet (Risikokapital). In der nächsten Phase – vom Projekt zur Umsetzung – wird das Geld in Bausubstanz gewandelt. Und in der dritten Phase gilt es, mit dem Geld (aus einem geäufneten Fonds) den Betrieb sicherzustellen.
Breiter Rückhalt
Das Projekt geniesst breiten Rückhalt. Christian Hoefliger, Präsident des Hotelier-Vereins Gstaad-Saanenland, gewichtet das Alleinstellungsmerkmal hoch: Die Destination könne nur mit Qualität und Einzigartigkeit den Quantensprung realisieren.
Und für Christoph Müller, Intendant des Menuhin Festivals Gstaad, ist es klar, dass es für die Positionierung von Gstaad als wichtigem Alpenmusikfestival den Schritt nach vorne und den Wagemut zur Innovation brauche. (Berner Oberländer)
Erstellt: 03.02.2012, 09:18 Uhr


