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Kanton Bern hat vor der Lawine gewarnt

Von Bruno Petroni. Aktualisiert am 05.03.2013 5 Kommentare

Eine riesige Nassschneelawine zerstörte am frühen Sonntagabend an der First die Oberlägerhütte. In dieser durfte seit 4 Jahren keine Skibar mehr betrieben werden, weil das Gebäude in der roten Gefahrenzone steht.

1/6 Ehrfürchtige Blicke Richtung Gemsberg: Der Pistenrettungschef Andreas Heim (links) und Hüttenbesitzer Ueli Rubi begutachteten am Montagmorgen den entstandenen Schaden an der Oberlägerhütte. Darüber ist das 500 Meter lange und 200 Meter breite Lawinenfeld zu sehen, ganz oben der 2658 Meter hohe Gipfel des Gemsbergs. Am Sonntagabend wälzte sich während des Kontrollschlusses die Lawine bis auf die Gemsberg-Skipiste – sie ist auf dem Bild rechts zu sehen, dort, wo Schneescooter steht.
Bild: Bruno Petroni

   

Grösster Lawinenniedergang seit 1921

Das Oberläger liegt 1950 Meter über Meer, im Wirkungsbereich der Grindel-Oberlägerlawine, die sich vom Gipfel des Gemsbergs (2658 m) über dessen Südflanke hinunterzieht. Bereits im Winter des Jahres 1921 sind auf Oberläger zwei Alphütten durch eine Lawine zerstört worden. Eine weitere Lawine stiess vor 40 Jahren bis zu den Hütten vor, verursachte aber nur geringfügige Schäden.

Die Baubewilligung für die Gemsberg-Skibar wurde von der Gemeinde Grindelwald Ende 2002 erteilt. In der Folge betrieben die Besitzer der Hütte, Ueli und Elsi Rubi, in der Oberlägerhütte fünf Winter lang eine Skibar. 2004 nahm die Abteilung für Naturgefahren der kantonalen Volkswirtschaftsdirektion zur örtlichen Gefahrensituation Stellung: Sie hielt fest, dass eine gastgewerbliche Nutzung der Sennhütte im Winterhalbjahr als Skibar mit den gesetzlichen Bestimmungen und der langjährigen Praxis im Kanton Bern nicht vereinbar sei. Mit anderen Worten: Die Alphütte stand gemäss Gefahrenkarte von 1977 in einem roten Gefahrengebiet der Gemeinde Grindelwald. Das Projekt für einen 100 Meter langen und 6 Meter hohen Schutzdamm oberhalb des Oberlägers hatte 2005 die Einsprachen von Umweltschützern zur Folge. Auch das Amt für Gemeinden und Raumplanung beurteilte das Bauprojekt damals negativ. Ausserdem wurden die Baukosten als zu hoch betrachtet. Die Frage, ob es sich bei der Staublawine vom 5.März 2008 um eine Lawine oder bloss um einen Sturmwind gehandelt hatte, schlug in Grindelwald hohe Wellen und rief viele Experten auf den Plan – aber auch Leute, die sich für solche hielten (wir haben berichtet). Damals zerstörte der Druck der Lawine ein grosses hölzernes Barpodest der Hütte und liess die Fensterscheiben auf der Gebäuderückseite bersten. Noch im selben Jahr verweigerte das zuständige Regierungsstatthalteramt die Erteilung einer weiteren Betriebsbewilligung für die Skibar – mit der Begründung, die baulichen Massnahmen zum Schutz vor Lawinen seien nicht erfüllt worden.

Aktuelle Lawinengefahr

Die Lawinensituation ist momentan ziemlich unberechenbar: Während das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung für die Morgenstunden eine geringe Lawinengefahr vorsieht (Gefahrenstufe 1), steigt diese im Tagesverlauf auf «erheblich» (3). Der Grund liegt in den höheren Tagestemperaturen, der intensiveren Sonneneinstrahlung und in den vorherrschenden mehreren Härteschichten der Schneedecke. Im Berner Oberland sind im Tagesverlauf an Steilhängen aller Expositionen (ausser Nord) bis 2600 Höhenmeter Gleit- und Nassschneelawinen zu erwarten. Skitouren und Variantenabfahrten sollten rechtzeitig beendet werden.

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Um 16.20 Uhr am Sonntagnachmittag, nur gerade fünf Minuten nach Betriebsschluss des Hohwald-Skilifts, kam sie, die Gems-berglawine. Und zwar in einer Grösse und Wucht wie seit 92 Jahren nicht mehr. Ueli Rubi, Besitzer der vor 11 Jahren gebauten Alphütte im Oberläger unterhalb des Kalberbodens, war in seiner Funktion als Skiliftüberwacher gerade auf seinem Pistenkontrollrundgang, als er die herannahende Nassschneelawine oberhalb seiner Hütte entdeckte. In letzter Sekunde konnte er noch eine Frau warnen, welche vor der Hütte auf der Sitzbank die letzten Sonnenstrahlen des Tages genoss. Sie konnte sich gerade rechtzeitig in Sicherheit bringen; ihre Jacke und ihr Rucksack wurden aber von den weissen Massen begraben. Die Gewalt der Lawine verschob in der Folge die gesamte solid gebaute Alphütte um rund 5 Meter talwärts und teilte sie förmlich in zwei Hälften: Der Dachfirst klafft mehr als einen Meter auseinander, und im Innern des Gebäudes sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Der hintere, tief unter dem Lawinenkegel zugedeckte Teil der Hütte dürfte vollständig flach gedrückt sein. Die massiven Holzbalken der Aussenfassade brachen durch den Schneedruck wie Zündhölzer entzwei.

«Eine Jahrhundertlawine»

«Das war eine Jahrhundertlawine. So etwas in diesem Ausmass habe ich noch nie gesehen», sagt Andreas Heim. Er amtiert auf First seit 10 Jahren als Pistenrettungschef und ist ein erfahrener Lawinenexperte. Er und sein Team sind erleichtert, dass beim Abgang der 500 Meter langen und 200 Meter breiten Lawine niemand in Mitleidenschaft gezogen wurde. Anhand der auf First installierten Webcam, welche alle zehn Minuten ein Bild archiviert, kann Heim den Vorgang am gegenüberliegenden Gemsberg genauestens rekonstruieren. So lösten sich um 16.10 Uhr unterhalb des Gipfels auf über 2200 Metern über Meer die ersten kleinen Schneeballen. Die Aufnahme von 16.20 Uhr zeigt den Schneerutsch im Bereich des Ruppi in vollem Gang. Und das Bild von 16.30 Uhr offenbart die Endlage, wo die zerstörte und rund 5 Meter ins Tal verschobene Alphütte zu sehen ist.

Der Bereich von Gemsberg und Schafläger stellt die Pistenbetreiber immer wieder vor schwierige Aufgaben wie andere Gebiete auch: «Mit Sprengungen künstlich auslösen dürfen wir die Lawinen dort nicht, weil darunter die sechs Berghütten des Oberlägers stehen», sagt Pistenchef Andreas Heim; «trotzdem muss der Zugang zum Skilift Hohwald sicher sein. Dies erfordert nach grösseren Schneefällen und im Frühling halt jeweils die Sperrung der Piste Gemsberg.»

«Immer davor gewarnt»

Was da passiert ist, ist wirklich gewaltig, und es ist ein grosses Glück, dass keine Personenschäden zu verzeichnen sind«, stellt Walter Dietrich fest. Der Regierungsstatthalter des Verwaltungskreises Interlaken-Oberhasli erteilte vor 4 Jahren auf Gesuch hin keine weitere Bewilligung für den Betrieb der Skibar: «Die Erkenntnisse waren damals klar – aus Gründen der Sicherheit konnte der Betrieb nicht mehr weiter bewilligt werden. Warum, das hat die Natur uns jetzt in aller Deutlichkeit gezeigt. Auch Heinrich Buri, Chef der Abteilung für Naturgefahren des Kantons Bern, sieht sich in seinen Befürchtungen rund um den Gemsberg bestätigt: «Wir haben schon immer davor gewarnt, dass hier eines Tages eine grosse Lawine Schaden anrichten könnte, und den Verantwortlichen geraten, entweder bauliche Schutzmassnahmen zu treffen oder den Skibarbetrieb einzustellen. Viele Leute haben damals behauptet, ein Lawinenniedergang mit Schadenfolge sei hier praktisch auszuschliessen und wenn eine komme, dann habe man die Situation schon im Griff und werde dann frühzeitig evakuieren und absperren.» Buri ist jedenfalls sehr froh, dass der Skibarbetrieb per Ende 2008 mangels Bewilligung eingestellt werden musste: «Das hätte sonst ganz bös enden können.»

(Berner Oberländer)

Erstellt: 05.03.2013, 06:44 Uhr

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5 Kommentare

Peter Münger

05.03.2013, 12:13 Uhr
Melden 27 Empfehlung 3

Obwohl es die wenigsten galuben, manchmal haben die Expreten doch recht...
Gut gemacht!
Antworten


walter bossert

05.03.2013, 13:48 Uhr
Melden 25 Empfehlung 9

Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen, meistens müsste man nur die Alten fragen, dann brauchte es nicht einmal Experten. Aber denen glaubt man erstens nicht und zweitens muss es ja auch etwas kosten, denn was Gratis ist, das ist auch nichts wert. Antworten



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