Hilterfingen

In Hilterfingen fühlen sich 116 Verwaltungsräte wohl

HilterfingenIn der Rangliste der Gemeinden mit der grössten Kapitaldichte pro Verwaltungsrat landet Hilterfingen nach Epalinges (VD) auf Platz 2. Insgesamt 116 Mitglieder von Verwaltungsräten leben in Hilterfingen.

Blick auf Hilterfingen: In der kleinen Gemeinde an der Thuner Goldküste leben 116 Verwaltungsräte, die  9,184 Milliarden Franken Aktienkapital auf sich vereinigen.?Das hat eine  Auswertung des Schweizer Handelsregisters ergeben.

Blick auf Hilterfingen: In der kleinen Gemeinde an der Thuner Goldküste leben 116 Verwaltungsräte, die 9,184 Milliarden Franken Aktienkapital auf sich vereinigen.?Das hat eine Auswertung des Schweizer Handelsregisters ergeben. Bild: Patric Spahni

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nicht in Zug, nicht in Zürich oder in Genf, und auch nicht in Muri bei Bern – sondern in Hilterfingen: Hier an der Thuner Goldküste leben diejenigen Verwaltungsräte, die im nationalen Vergleich am zweitmeisten Aktienkapital auf sich vereinigen. Das zeigt die erstmalige derartige Auswertung des Schweizer Handelsregisters auf, welche die Orell Füssli Wirtschaftsinformationen AG (Ofwi) vorgenommen hat. Sie zeigt, dass gerade in kleinen Gemeinden das pro Verwaltungsrat vertretene Kapital sehr hoch sein kann.

Epalinges auf Platz 1

So weist die Waadtländer Gemeinde Epalinges die grösste Kapitaldichte pro Verwaltungsrat (VR) auf (siehe Grafik unten). In Epalinges leben 8500 Einwohnerinnen und Einwohner, 226 davon sitzen in einem oder mehreren Verwaltungsräten. Sie vertreten pro Kopf im Schnitt 91,4 Millionen Franken.

116 VR in Hilterfingen

In Hilterfingen leben rund 4000 Personen. 116 davon gehören dem Verwaltungsrat einer oder mehrerer Kapitalgesellschaften an und vertreten im Durchschnitt je 79,2 Millionen Franken. Auch Platz 3 geht an den Kanton Bern: In Bremgarten bei Bern sind es 65,5 Millionen pro Verwaltungsrat. Schaut man die Rangliste der Orte mit dem höchsten kumulierten Firmenkapital an, landet Hilterfingen mit 9, 184 Milliarden Franken auf Platz 17. Zürich führt die Rangliste mit 78,233 Milliarden an, gefolgt von Genf mit 51,331 Milliarden und Zug mit 26,948 Milliarden.

Zur Methode: «Unser Datenbankteam hat das Schweizer Handelsregister ausgezählt», sagt Adrienne Fichter von Ofwi.

Und wer sind die kapitalkräftigen Verwaltungsräte in Hilterfingen und für welche Firmen sitzen sie im Verwaltungsrat? Adrienne Fichter winkt ab: «Aus Datenschutzgründen ist es uns nicht erlaubt, Namen preiszugeben.»

Aber: «In Hilterfingen vertreten 10 Verwaltungsräte zusammen 3 Milliarden Franken Aktienkapital, die restlichen Verwaltungsräte nur kleinere Kapitalsummen», sagt Fichter. Dies erkläre, warum die Gemeinde Hilterfingen bei nur 116 Verwaltungsräten obenaus schwinge. Dasselbe gelte für Bremgarten bei Bern: Dort vertreten laut Fichter ebenfalls 10 Verwaltungsräte 3 Milliarden Aktienkapital.

«Wir sind ein bisschen stolz»

Hilterfingens Gemeindebehörden freuen sich über die gute Platzierung ihrer Gemeinde. Die Spurensuche nach den kapitalschweren Verwaltungsräten gestaltet sich schwierig.

«Wir sind erstaunt und überrascht – und auch ein bisschen stolz»: Das sagt Hilterfingens Gemeindepräsident Ueli Egger zum guten Abschneiden seiner Gemeinde. Und er rätselt, um welche Personen es sich bei den kapitalkräftigen Verwaltungsräten in seiner Gemeinde handelt. Denn: «Wir haben zwar viele sehr gute, aber kaum einzelne Steuerzahler, welche riesige Beträge abliefern – allerdings kann man an den Steuerbeträgen nicht ablesen, wie viel Aktienkapital jemand vertritt. Die Steuern werden ja nach Einkommen und Vermögen und nicht nach dem abstrakten Aktienkapital berechnet.» In Hilterfingen seien viele kleine Aktiengesellschaften ansässig, das sehe man jeweils an den Gewerbeapéros.

«Grosser Standortvorteil»

Und: «Wir sind mit einem Steuersatz von 1, 55 die steuergünstigste Gemeinde am Thunersee – zusammen mit der fantastischen Aussicht, der vorhandenen Infrastruktur und den guten Schulen ist das ein grosser Standortvorteil», ist er überzeugt. Wegen der Stadtnähe, der hohen Wohn- und Lebensqualität würden sich auch immer mehr junge Familien für Hilterfingen entscheiden – neben den verschwiegenen Verwaltungsräten mit grossem Portfolio.

«Rein statistischer Wert»

«Einerseits freut es mich, dass Hilterfingen positive Schlagzeilen macht, andererseits muss man sehen, dass es sich bei diesem zweiten Platz für Hilterfingen um einen rein statistischen Wert handelt», sagt Hilterfingens Vizegemeindepräsident und Chef des Ressorts Finanzen Gerhard Beindorff. Er ist bei der Credit Suisse im Regionalmanagement Mittelland tätig und sitzt im VR der Pilatus Flugzeugwerke AG in Stans. Trägt er mit diesem VR-Sitz zur guten Platzierung Hilterfingens bei? «Pilatus befindet sich im Besitz von Privatinvestoren, deshalb geben wir ausser den wichtigsten Kennzahlen keine Jahresabschlüsse bekannt – ich vertrete aber deutlich weniger Aktien-Nominalkapital als den von Orell Füssli errechneten Durchschnitt pro Hilterfinger Verwaltungsrat von 79,2 Millionen Franken», lässt er sich entlocken.

Pilatus: 781 Millionen Umsatz

Pilatus beschäftigt rund 1400 Mitarbeitende und generierte im Jahr 2011 einen Umsatz von 781 Millionen Franken und ein Betriebsergebnis von 108 Millionen Franken und weist per Ende 2011 ein Eigenkapital von 546 Millionen Franken aus. Orell Füssli habe übrigens das Nominalkapital, das bei Gründung der Aktiengesellschaft eingezahlte Kapital, addiert und es anschliessend durch die Anzahl Verwaltungsräte dividiert. Dieser Wert sage «nicht sehr viel aus. Aussagekräftiger wäre gewesen, wenn Orell Füssli mit der Marktkapitalisierung gerechnet hätte, diese spiegelt den aktuellen Börsenwert einer börsenkotierten Firma wider», so Beindorff weiter. Auch er kann nur mutmassen, welche Firmen die 116 Hilterfinger Verwaltungsräte vertreten. Aber: «Grundsätzlich bietet Hilterfingen natürlich eine sehr attraktive Wohnlage, Hilterfingen verhält sich zu Thun wie Zollikon zu Zürich», sagt er.

CEO der Schleifring-Gruppe

Die Spur führt zu Stephan Nell, seit Anfang Jahr CEO der deutschen Schleifring-Gruppe und damit Chef von rund 2200 Mitarbeitenden in acht Tochtergesellschaften (darunter die Fritz Studer AG in Steffisburg). Die Schleifring-Gruppe ist in der Herstellung von Schleifmaschinen weltweit führend und erzielte 2011 einen Umsatz von 470 Millionen Euro. Sie verlegte ihren Holdingsitz dieses Jahr von Hamburg nach Bern (wir berichteten). Schleifring gehört zur Körber-Gruppe, die letztes Jahr einen Jahresumsatz von knapp 2 Milliarden Euro generierte.

Mehrfacher Verwaltungsrat

Der 44-jährige Stephan Nell wohnt seit zehn Jahren mit seiner Frau und den zwei Kindern in Hilterfingen – er hatte 2003 als Verkaufsleiter bei der Fritz Studer AG in Steffisburg angeheuert, deren VR er angehört. Seit Juli dieses Jahres sitzt er zudem in drei weiteren Verwaltungsräten der Körber-Tochtergesellschaften: Körber Schleifring, Mägerle und Ewag. «Damit trage ich wohl zum Ergebnis Hilterfingens bei», sagt Stephan Nell auf Anfrage. Wie viel Kapital vertritt der mehrfache Verwaltungsrat? «Körber und unsere Tochtergesellschaften sind nicht börsenkotierte Gesellschaften, deshalb geben wir keine detaillierten Zahlen bekannt» stellt Nell fest.

«Umzug nie bereut»

Und warum ist er mit seiner Familie nach Hilterfingen gezogen? «Als ich den Vertrag mit der Studer AG in Steffisburg unterschrieben habe, war klar, dass ich in die Gegend ziehen wollte», sagt er. Über eine Schulbekanntschaft sei er in Oberhofen, dann in Hilterfingen gelandet – und der ehemalige Zürcher Oberländer hat den Umzug ins Berner Oberland «nie bereut».Stefan GeissbühlerSämtliche Daten finden sich auf der Website der Orell Füssli Wirtschaftsinformationen AG.

(Thuner Tagblatt)

Erstellt: 21.08.2012, 08:58 Uhr

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Kommentare

Blogs

Foodblog Die Tradition lebt weiter

Sportblog Wir sind sehr hungrig

Service

Mitdiskutieren, teilen, gewinnen.

News für Ihre Timeline.

Die Welt in Bildern

Durch die Blume: Am Narzissenfest auf dem Grundlsee in Österreich zieht ein Boot einen Stier aus Blumen hinter sich her (28. Mai 2017).
(Bild: Leonhard Foeger) Mehr...