«Ich hatte Glück, blieb mein Kopf unverletzt»
Gerhard Tschan bei einem Auftritt im Duo Schertenlaib & Jegerlehner 2008 in Gunten. (Bild: Markus Hubacher)
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Kleinkunst gross gemacht
Gerhard Tschan wuchs mit seiner älteren Schwester in Thun auf, wo er den Unterricht im einstigen Aarefeldschulhaus und in der Progymatte besuchte. Sein grösstes Hobby war stets der Sport. Er spielte beim FC Thun, als die erste Mannschaft noch in der 2.Liga war, genoss die Berge bei Skitouren und Wanderungen, bis ihn ein tragischer Unfall am 25.Mai 2011 beinahe das Leben kostete (vgl. Haupttext). Nach dem Seminar in Spiez arbeitete er als Stellvertreterlehrer. Zusammen mit anderen Politaktivisten eröffnete er 1990 das Alpenrösli in Thun als Genossenschaftsbeiz. Ab 1996 kochte er in Betrieben im Graubünden.
Bald darauf begann Tschan eine Clownausbildung. Von 1998 an jobbte der Steffisburger wieder in der Region als Stellvertreterlehrer und arbeitete an seinen Bühnenauftritten. 1999 trat er mit seinem ersten Stück «Froschtheater» auf, bald folgten weitere. Seit 2003 ist er freischaffender Künstler, wirkt als Moderator und tritt vor allem im Duo Schertenlaib & Jegerlehner auf. 2005 erhielt Tschan den Thuner Kulturpreis der Sparte Theater. Heute gilt er als Meister der Kleinkunst.
Zurzeit feilt der Steffisburger mit seinem Bühnenpartner Michel Gsell an ihrem neusten Programm «Schwäfu». Die Premiere vom 30.März – fünf Tage nach seinem 50.Geburtstag – im Casino Burgdorf ist Tschans erster grosser Auftritt nach dem Unfall. Seit Ende Oktober stand er für zwei Solo- und einige öffentliche Auftritte im Duo auf der Bühne. Ihr altes Programm «Päch» ist am 10.März in der Moschti Mühlethurnen und «Schwäfu» am 24.Mai in der Alten Oele in Thun zu sehen.sft
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Langsam öffnet Gerhard Tschan die Türe und lächelt spitzbübisch. Mit einer wackeligen Bewegung dreht er sich, stösst die Holztür zu und geht zur Küche. Er zieht ein Bein nach. Bei jedem Tritt ist das Schleifen der Sohle auf dem Boden zu hören. Er, der ansonsten leichtfüssig über die Bühne hüpft, mit seiner Mimik Geschichten erzählt und nahtlos von einer Figur in die andere schlüpft. Er, der sich als Extremskisportler in den Bergen zu Hause fühlt, hinkt. Oder treffender: Dass Tschan noch beide Beine hat, ist ein Wunder, und dass er noch am Leben ist, sowieso.
Es geschah am 25.Mai 2011. Doch zunächst der Reihe nach; ganz nach dem Motto des bald 50-jährigen Kleinkunstkünstlers, in dessen Leben nicht immer alles ohne Umwege geht.
Lehrer statt Dimitri-Schüler
Schon in der Schule, bei den Kadetten und beim Sport ist Tschan im vertrauten Kreis der, der mit Sprüchen und Hüpfern die anderen unterhält. Es ist sein Kindertraum, ein Clown zu werden. «Mein Vater sagte stets: ‹Die Menschen zum Lachen zu bringen, ist das Schönste›, erzählt er, nun am Küchentisch sitzend. So kommt es, dass er nach der Lehrerausbildung am Seminar in Spiez in der alten Mühle in Thun einen Raum mietet, jeden Tag Schlappseil übt, jongliert und an Mimik und Gestik feilt. Sein Ziel ist die Dimitri-Schule. Doch es kommt anders.
Die Mühle wird abgerissen, Tschan steht ohne Übungsraum da, und seine Absicht versandet. Er arbeitet fortan als Lehrerstellvertreter in und um Thun.
Clownschüler statt Beizer
Als selbst ernannter Politaktivist und Weltverbesserer gründet er bald mit ein paar Leuten die Gruppe Genossenschaftsbeiz ohne Beiz. Tschan, der seit 1998 in Steffisburg lebt, lässt sich im Kreuz in Nidau zum Vollwertkoch ausbilden. Auch das Beizen liegt ihm im Blut. Seine Mutter arbeitete und kochte einst selbst in Restaurants. Die Gruppe eröffnet 1990 in Thun das Alpenrösli als Genossenschaftsbeiz. Er kocht und organisiert Kulturanlässe, alles im Kollektiv.
«Ich war ehrgeizig und galt manchmal als giftiger Kerl», erinnert er sich. Nach drei Jahren zieht es ihn ins Bündnerland, um in Gasthäusern zu kochen. Er will dereinst eine Pension übernehmen. Doch auch hier: Es kommt anders.
Dieser Plan scheitert, und Gerhard Tschan entscheidet sich für einen Clownkurs in der Albatros-Schule in Deutschland.
Als Clown heimgekehrt
Die Arbeit auf der Bühne packt ihn augenblicklich. Fasziniert vom Unterricht nach der Lehre von Jerzy Grotowsky, dem 1999 verstorbenen polnischen Regisseur, Theaterleiter und -reformer, meldet sich Tschan für die berufsbegleitende eineinhalbjährige Albatros-Clown-Ausbildung an, kocht nebenbei vollwertig und pendelt zwischen Graubünden und Steffisburg hin und her. Ab 1998 jobbt er wieder als Stellvertreterlehrer in der Region Thun und erobert gleichzeitig Bühnen und Publikum. Er entwickelt eigene Stücke, und ab 2003 tritt er auch mit Michel Gsell im Duo Schertenlaib & Jegerlehner auf. Tschan hängt den Lehrerjob an den Nagel und wird freischaffender Künstler. Mit Erfolg: 2005 erhält er den Thuner Kulturpreis der Sparte Theater.
«Ich habe lange gebraucht, um den Traumberuf umzusetzen», sagt er. «Doch ich bin umso rasanter und mit vierzig Jahren Lebenserfahrung gestartet.»
Bühnenberuf als Handwerk
Das Multitalent schöpft aus einer Fülle: «Ob Plauderer und Angsthase oder Einlagen zu Themen wie Freiwilligenarbeit oder Journalismus, ich könnte aus meinem Fundus problemlos ein eigenes Stück kreieren», weiss Tschan, der die Bühnenarbeit als Handwerk sieht.
Denn sie ist Knochenarbeit: improvisieren, selektieren, die Essenz suchen, Figuren verinnerlichen und alles minutiös einstudieren, was das Stück authentisch und improvisiert erscheinen lässt. «Auf der Bühne muss ich leer sein. So kann ich aus meiner Tiefe schöpfen, und alles fliesst frei.» Doch das neue Stück muss warten. Es kam anders.
An einem Sonntag passiert es. Tschan, der mit Leib und Seele textet, singt, gestikuliert und von der Bühne aus die Menschen berühren will, verunfallt schwer.
300 Meter hinabgedonnert
Es ist der 25.Mai 2011. Im Sustengebiet. Tschan und sein langjähriger Freund Ralph Schnegg, Autor von Skitouren- und Wanderführern, stehen oberhalb des Gletschers am Gwächtehorn. Tschan schwingt nach links und bleibt knietief im Nassschnee stecken. Dieser beginnt mit ihm auf dem Gletscher zu rutschen. Der Schnee fliegt davon, der rechte Ski spickt weg. Tschan donnert mit den Beinen voran den Gletscher hinab. Er sieht, wie der Ski am linken Bein im Kreis wirbelt und dreht. Schmerzen hat er keine. Irgendwann sieht er den Ski nicht mehr. Nach 300 Metern endet der Sturz. Tschan ist bei Bewusstsein, sein Freund hat längst die Rega alarmiert. Dass dieser bald selbst verunfallen wird, wissen beide nicht.
Ein Halswirbel verletzt, eine Halsarterie blockiert, ein Brustwirbel und zwei Lendenwirbel beschädigt, fünf Rippen, die rechte Schulter, der rechte Knieknochen und das rechte Fersenbein gebrochen, ein offener Unterschenkelbruch bis zum linken Knie: «Ich hatte viel Glück und bin froh, dass mein Kopf unverletzt blieb», sagt Tschan.
Der Blick nach vorne
Zurück liegen heute vier Operationen, Wochen und Monate im Spital und in der Rehaklinik, Stunden der Auseinandersetzung mit dem Tod und der Lebensfreude. Trotz Schmerzen und dem Wissen, körperlich eingeschränkt zu bleiben: Gerhard Tschan hat entschieden, vorwärtszuschauen. «Ich kann wieder auf beiden Beinen gehen, Velo fahren und weiterhin auf der Bühne sein – das ist ein Privileg.» Vor dem Unfall habe er zu viel gemacht, zu schnell gelebt, sich zu wenig Zeit für die Freundin, Freundschaften und das Gesellige genommen und zu oft Ja gesagt. «Jetzt geniesse ich den Tag, schiebe nicht mehr wichtige Dinge vor mich her und habe den alten Holzofen und zwei antike Fauteuils restaurieren lassen.»
Tschan ist guten Mutes, doch etwas stimmt ihn traurig. «Fünf Wochen nach meinem Unfall stürzten meine Freunde Ralph Schnegg und Martin Stucki im Montblanc-Massiv in den Tod.»
Am 30. März ist Premiere
Zurzeit probt Tschan mit Gsell für die Premiere von «Schwäfu» vom 30.März, dem neuen Stück von Schertenlaib & Jegerlehner. In Gedanken trägt er sich zugleich mit der Absicht, auch ein eigenes Stück anzugehen – jedoch erst nach 2012. «Ich bin sensibler und dünnhäutiger und versuche, als Folge der körperlichen Einschränkung, noch mehr aus mir herauszuholen und andere Qualitäten zu schärfen, um dem Publikum Heiterkeit und Lacher zu schenken», sagt Tschan. Er, der kein herumhüpfender Clown mehr sein kann, will ein regionaler Kleinkunstkünstler bleiben und auf der Bühne die Komik und Tragik des Alltags vereinen.
Gerhard Tschan steht auf und hinkt zur Türe. «Ich konzentriere mich auf die Essenz – ob im Leben oder auf der Bühne», sagt er zum Abschied. «Ich bin auf dem Weg der Genesung, verändere mich und meine Wahrnehmung laufend. Ich bin gespannt, was ich noch alles aus mir schöpfen kann.» (Thuner Tagblatt)
Erstellt: 27.01.2012, 06:07 Uhr
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