Gasexplosion war ein Suizidversuch

Von Jürg Spielmann. Aktualisiert am 06.09.2010

Grosser Sachschaden und aufgeschreckte Nachbarn: Bei einer Gasexplosion am frühen Sonntagmorgen in einem Haus an der Schwäbisstrasse in Steffisburg verletzte sich ein Mann. Offenbar wollte er sich das Leben nehmen.

1/5 Die Explosion ereignete sich an der Schwäbisstrasse 35 in Steffisburg.
Bild: Newspictures

   

Erinnerungen ans Drama von 2003

Gasexplosion in Steffisburg: Diese Meldung rief gestern unweigerlich die schrecklichen Ereignisse vom 12.Juli 2003 in Erinnerung. An der Steffisburger Erlenstrasse zerriss damals ein fürchterlicher Knall die Sommerabend-Idylle. Den Rettungskräften bot sich ein Bild des Grauens. Das Haus mit sechs Wohnungen war komplett zerstört. Drei Menschen konnten nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden, neun weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Am Unglücksort stellte die Polizei Gasflaschen sicher. Bald zeichnete sich ab, dass die Explosion kein Unfall war. Ein Familienvater hatte absichtlich Gas in seine Wohnung strömen lassen, um zusammen mit seinem dreijährigen Sohn aus dem Leben zu scheiden. Die Explosion riss eine 27-jährige Frau mit in den Tod. Das Drama von Steffisburg schockierte vor sieben Jahren die ganze Schweiz: Eine Woche lang war der Ort im Fokus der Medien. Das Haus an der Erlenstrasse wurde nach der Explosion wieder aufgebaut, drei Wohnungen im Haus mussten saniert werden. Schon ein knappes Jahr vor der Katastrophe vom 12.Juli 2003 hatte eine Explosion Steffisburg erschüttert. Am 4.August 2002 barst an der Oberdorfstrasse ein Boiler. Das 200-jährige Haus wurde schwer beschädigt – verletzt wurde damals aber niemand.Michael Gurtner

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Wenig wies gestern Vormittag an der Schwäbisstrasse 35 darauf hin, was sich dort nur wenige Stunden zuvor ereignet hatte. Just gegenüber des Steffisburger «Cremo»-Areals steht an dieser Adresse ein älteres Zweifamilienhaus. In den zwei strassenseitigen Fenstern der Wohnung im Obergeschoss fehlen die Scheiben, in einem Vorhang klafft ein Loch. Das Glas ist durch die Wucht der Gasexplosion geborsten. Splitter liegen auf Vorplatz und Trottoir weit verstreut. Der Zugang zum zweigeschossigen Haus wurde mit einem rot-weissen Plastikband abgesperrt. Spezialisten des Dezernates Brände und Explosionen der Kantonspolizei Bern sind bei der Arbeit.

«Die Scheiben zitterten»

Es war am frühen Sonntagmorgen kurz vor 01.30 Uhr, als es «einen riesigen Knall gab, der die Scheiben unseres Hauses erzittern liess», erzählt Sandra Baumann. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der benachbarten Liegenschaft. Die liegt nur wenige Meter vom kleinen Zweifamilienhaus entfernt. Sandra und René Baumann haben genau mitbekommen, was sich dort zu nachtschlafender Zeit zugetragen hat. «Ich ging kurz zuvor ins Bett. Mein Mann war noch wach, als es plötzlich den gewaltigen ‹Chnutsch› gab», sagt die Anwohnerin. Sie sei aus dem Schlaf hochgeschreckt und mit ihrem Mann hinaus gegangen. Sie sahen, dass die Scheiben im Obergeschoss des Nachbarhauses geborsten waren. Zudem hörten sie, dass Wasser plätscherte. «Es wurde offenbar eine Leitung beschädigt.» Die Hausbesitzerin, eine ältere Frau, soll laut Baumann später gesagt haben, sie hätte an ein Gewitter geglaubt. «Die Frau blieb zum Glück unverletzt. Sie wurde später von ihrer Tochter abgeholt.»

Im Communiqué von Polizei und Untersuchungsrichteramt IV Berner Oberland ist zu lesen, dass die Gasexplosion in der oberen Wohnung grossen Sachschaden und in der Parterrewohnung Wasserschäden angerichtet hat. «Einsatzkräfte der Feuerwehren Steffisburg und Thun waren rasch vor Ort und hatten den Explosionsherd nach kurzer Zeit unter Kontrolle», heisst es in der Meldung.

«Gasflasche auf Herd»

Und: Die Ursache der Gasexplosion sei Gegenstand der laufenden Ermittlungen. Sandra Baumann schildert, was sie und ihr Mann erlebt haben: «Etwa fünf Minuten nach dem Knall hat es in der oberen Wohnung ‹gchräschlet›. Der Mieter rief uns zu, wir sollten die Ambulanz rufen, da er nichts mehr höre. Er habe eine Gasflasche auf den Herd gestellt, er habe sich das Leben nehmen wollen.» Das könne er nicht bestätigen, sagte Polizeisprecher Heinz Pfeuti gestern auf Anfrage. Aus gut informierten Kreisen weiss diese Zeitung, dass es nicht der erste Suizidversuch des Mannes gewesen sein soll. Auch Nachbarin Sandra Baumann sagt: «Er ist schon öfter abgeholt worden, nachdem er sich selber gemeldet hatte. Er tat das, um sich zu schützen.» Der Mieter, laut den Nachbarn ist er 53-jährig, wurde mit einer Ambulanz ins Spital gefahren. Über die Schwere seiner Verletzungen war gestern nichts bekannt.

Die Bewohner beider Nachbarliegenschaften Nummer 33 und 37 wurden wegen Gasgeruchs kurzzeitig evakuiert. «Wie auch die Nachbarn in unserem Haus weckten wir die Kinder. Eine gute Stunde später konnten wir wieder in unsere Wohnungen», sagt Baumann. Dies, nachdem Spezialisten der Feuerwehr mehrere Messungen vorgenommen hatten.

«Glück im Unglück»

Die Anwohnerin erinnert sich an das Steffisburger Explosionsdrama aus dem Jahr 2003 – und Sandra Baumann sagt: «Wir hatten Glück im Unglück. Wenn man bedenkt, wie nahe unsere Häuser beisammen stehen, hätte diese Gasexplosion noch viel schlimmer ausgehen können.»

(Thuner Tagblatt)

Erstellt: 06.09.2010, 09:03 Uhr

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