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Ein Opfer wagt den Schritt aus der Dunkelheit

Von Gabriel Berger. Aktualisiert am 13.08.2011

Als Kind und junge erwachsene Frau ist S.O.* aus der Region Thun mehrmals von verschiedenen Männern sexuell missbraucht worden. Nach langem inneren Kampf redet sie nun erstmals öffentlich über ihr Schicksal. S.O. ist dabei, eine Selbsthilfegruppe für Leidensgenossinnen zu gründen.

S.O.* aus der Region Thun wurde in ihrer Kindheit sexuell missbraucht. Nun redet sie erstmals öffentlich über ihr Schicksal.

S.O.* aus der Region Thun wurde in ihrer Kindheit sexuell missbraucht. Nun redet sie erstmals öffentlich über ihr Schicksal.
Bild: Patric Spahni

Betroffene gesucht

S.O.* ist derzeit daran, eine Selbsthilfegruppe zum Thema «Sexueller Missbrauch in der Kindheit» aufzubauen. Unterstützt wird O. dabei vom Selbsthilfezentrum Berner Oberland in Thun (vgl. Haupttext). Die Gruppe richtet sich explizit an Frauen. Auf dem Info-Flyer für die Gruppengründung steht unter anderem: «Geben Sie der inneren Einsamkeit, Isolation, Angst und Scham keine Chance sich weiter in Ihrem Leben einzunisten.»

Adrienne Scheurer vom Zentrum und O. haben auf der Suche nach Betroffenen den Flyer an Fachpersonen wie Therapeuten oder Ärzte gesendet. Es ist aber auch möglich, sich direkt beim Selbsthilfezentrum zu melden, um weitere Infos zur Gruppengründung zu erhalten.

Nachfolgend die Kontaktangaben:
Selbsthilfezentrum Berner Oberland, Marktgasse 17, 3600 Thun. Tel. 033 221 75 76. Bürozeiten: Mi. 9 - 11.30 Uhr, 14 - 16.30 Uhr; Do. 9 - 11.30 Uhr.
Internet: www.selbsthilfe-kanton-bern.ch

S.O.* aus der Region Thun wuchs zusammen mit drei Brüdern auf einem Bauernhof auf. Als sie sieben Jahre alt war, starb ihr Vater bei einem Arbeitsunfall. Im selben Alter geschah es zum ersten Mal: Als O.s Mutter eines Abends weg war, übernahm der Onkel, der gleich nebenan wohnte, wie üblich den Kinderhütedienst. Bei dieser Gelegenheit missbrauchte er das 7-jährige Mädchen sexuell. Im Gegensatz zu ihren Brüdern, deren Betten sich alle im gleichen Raum befanden, hatte O. ein eigenes Schlafzimmer. Deshalb blieb der Übergriff völlig unbemerkt. In der Folge wiederholte der Onkel die Tat stets dann, wenn die Mutter wieder unterwegs war, «also sicher zwei bis drei Mal pro Monat», wie O. heute erzählt.

Zunächst wusste das Mädchen gar nicht, wie ihm geschah: «Wir Kinder hatten uns nie nackt gesehen, geschweige denn die Eltern. Ich hatte keine Ahnung, was der Onkel mit mir machte.» Für den Fall, dass sie niemandem etwas erzähle, habe er ihr immer Geschenke versprochen, die O. dann auch erhielt. Weder Mutter noch Brüder schöpften Verdacht.

Albtraum hielt über Jahre an

Nach vier Jahren heiratete O.s Mutter zum zweiten Mal; es kam zum Umzug auf einen anderen Bauernhof. Doch für das 12-jährige Mädchen war es ein Wechsel vom Regen in die Traufe. Mit den Übergriffen ging es fast ohne Unterbruch weiter: «Mein Stiefvater missbrauchte mich etwa einmal pro Woche. Ich musste auch regelmässige Schläge von ihm einstecken.» O. versuchte sich zwar zu wehren, war ihrem Peiniger aber körperlich unterlegen. Hinzu kam, dass der Stiefvater ihr mehrmals mit dem Tod drohte, falls sie etwas von den Übergriffen erzählte. Mit der Angst im Nacken blieb es O. verwehrt, sich jemandem anzuvertrauen.

Angst, Scham, Hilflosigkeit

Die Angst, die das Mädchen verfolgte, war das beherrschende, jedoch nicht das einzige Gefühl. «Ich empfand Scham und verspürte grosse Hilf- und Wehrlosigkeit», sagt O. heute. «Das Gefühl, schmutzig zu sein und allein gelassen zu werden, waren weitere Emotionen. Auch Schuldgefühle plagten mich.»

Mit 19 Jahren zog O. schliesslich von zu Hause aus, doch die Übergriffe nahmen immer noch kein Ende. Über den Zeitraum von acht Jahren wurde die junge erwachsene Frau von drei weiteren Männern sexuell missbraucht. «Es waren Männer, die ich von der Arbeit her kannte und die mir nicht besonders nahe standen», erzählt die heute 51-Jährige.

In einem Fall hatte sie die Stelle gekündigt, obwohl ihr die Arbeit eigentlich gut gefallen hätte. O. war mittlerweile dermassen verunsichert, dass sie während der Übergriffe eine innerliche Blockade spürte und sich deshalb weiterhin kaum wehren konnte.

Später Gang zur Therapeutin

Einmal nahm die junge Frau allen Mut zusammen und erzählte ihrem Vorgesetzten von den Vorfällen. Er nahm O.s Aussagen aber nicht richtig ernst und schenkte ihnen keinen Glauben; es war ein weiterer Rückschlag. Im Alter von 23 Jahren nahm O. einen neuen Anlauf und vertraute ihre Geschichte einer sehr guten Kollegin an. «Es ging nicht darum, dass ich irgendwelche Ratschläge suchte, sondern dass mir jemand einfach zuhört und mitfühlt», sagt das Missbrauchsopfer. Trotzdem litt O. noch während Jahren unter den Erinnerungen an die Übergriffe; sie zog sich immer mehr zurück und verfiel in Depressionen.

Erst vor zweieinhalb Jahren wagte O. den Gang zur Therapeutin, bei der sie seither professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. «Sie hat mir wieder Mut, Selbstvertrauen und Freude am Leben gegeben», zeigt sich O. dankbar. Zusammen mit der Therapeutin habe sie begonnen, Verhaltensmuster zu analysieren – und auch zu begreifen. Die 51-Jährige lernte etwa, Fehler nicht immer bei sich selber zu suchen, weil dies nur neue Schuldgefühle auslöst. Heute ist O. wieder guter Dinge und glücklich, überhaupt noch am Leben zu sein. Den Hass auf ihre Peiniger – insbesondere auf ihren Stiefvater – hat sie ebenfalls abgelegt.

Selbsthilfegruppe geplant

Weil es ihr stetig besser ging, kam O. letzten Herbst die Idee, eine Selbsthilfegruppe für Frauen, die vom gleichen Schicksal betroffen sind, ins Leben zu rufen. Sie machte sich im Internet auf die Suche nach Informationen und landete schliesslich bei Adrienne Scheurer-Villet vom Selbsthilfezentrum Berner Oberland in Thun. Scheurer unterstützte O. bei ihrem Vorhaben und entwarf gemeinsam mit ihr einen Flyer, der sich an Betroffene richtet (vgl. Kasten).

«Ich möchte meine Erlebnisse mit anderen Frauen teilen und ihnen die Gelegenheit geben, sich ebenfalls auszutauschen», erklärt O. ihre Motivation. Die Arbeit, eine solche Gruppe zu gründen, habe ihr weiteres Selbstbewusstsein verliehen. In den letzten zweieinhalb Jahren ist der emotionale «Rucksack» von O., an dem sie lange sehr schwer trug, um einiges leichter geworden, wie sie sagt. In versöhnlichem Ton fügt sie an: «Ihn ganz abzulegen wird wahrscheinlich nie möglich sein.» * Initialen geändert (Name der Redaktion bekannt) (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 13.08.2011, 12:02 Uhr

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