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Ein Bäckermeister geht auf Gämsjagd

Von Anna Tschannen. Aktualisiert am 18.10.2011 4 Kommentare

Hoch über Grindelwald geht Kurt Wüthrich seit Jahren auf die Jagd. Der 69-jährige pensionierte Bäckermeister erzählt, wie er relativ spät in seinem Leben auf den Geschmack des Jagens gekommen ist.

Kurt Wüthrich in seinem Element. Der 69-jährige pensionierte Bäckermeister verbringt seine Ferien damit, mit seinem Sohn an den schroffen Hängen oberhalb von Grindelwald Gämsen zu jagen.

Kurt Wüthrich in seinem Element. Der 69-jährige pensionierte Bäckermeister verbringt seine Ferien damit, mit seinem Sohn an den schroffen Hängen oberhalb von Grindelwald Gämsen zu jagen.
Bild: Markus Hubacher

Kurt Wüthrich ist derzeit in einer einfachen Alphütte daheim, hoch über Grindelwald am Fuss des Faulhorns, 2025 Meter über Meer. Die Aussicht auf das Jungfraumassiv gegenüber ist beeindruckend. Jedes Jahr während der Gämsjagd pachtet er mit seinem Sohn Daniel für drei Wochen die Hütte, um an den steilen Hängen auf die Pirsch zu gehen. Der 69-jährige Grindelwalder ist passionierter Jäger. Dieses Jahr hat er erst ein Murmeltier erwischt, die zwei bewilligten Gämsen stehen noch aus. «Ich fange halt klein an», sagt er augenzwinkernd.

Dazu kommt die Gesundheit: Sie macht ihm zu schaffen, seit er im Sommer mit seiner Harley gestürzt ist. Darum sind die Hänge oft ein bisschen zu steil. Aber Wüthrich ist guten Mutes: «Ich mag zwar nicht stundenlang über die Grate rennen, aber ich weiss dafür, welchen Weg die Tiere nehmen.» Wichtiger ist ihm sowieso, dass sein Junior die zwei Gämsen, die er mit dem Patent A bewilligt erhalten hat, schiessen kann.

Berufung, nicht Hobby

Der pensionierte Bäckermeister bringt der Jagd ganz besondere Gefühle entgegen. Er hat relativ spät damit angefangen, mit 45 Jahren. Mit seinen Freunden ging er schon vorher fischen und Pilze sammeln. Weil sie zudem jedes Jahr auf die Jagd gingen, hätten sie ihn einfach mitgenommen, erst nur als Fotograf. Das brachte ihn auf den Geschmack, er machte das Jagdbrevet.

«Ich habe im Leben so vieles ausprobiert. Aber erst die Jagd hat mich wirklich gepackt», sagt er. Bei den Schwingern und den Steinstössern war er, stand für den Eishockeyclub Grindelwald im Goal, ist Pistolenschütze – und jetzt vor allem Jäger. Wüthrich ist überzeugt, dass Jagen eine Art Berufung ist, nicht bloss ein Hobby. Seit ihn das Fieber gepackt hat, verbringt er seine Ferien damit, den Gämsen hinterherzusteigen.

Einmal schon wurde Wüthrich ausgelost, einen Steinbock schiessen zu dürfen – dafür bewerben darf man sich erst, nachdem man 18 Gämspatente gelöst hat. Doch dafür ist er nun zu alt, findet er: «Ich habe dem Wildhüter gesagt, er solle meinen Steinbock einem Jungen geben, die Spitex habe keine Zeit, mit mir auf die Jagd zu gehen.»

Trophäen sagen ihm nicht viel

Auch die mächtigen Steinbockhörner reizen Kurt Wüthrich nicht. «Ich bin kein Trophäen- oder Fleischjäger, es geht mir um das Erlebnis.» Da zähle auch das kleinste Horn oder Geweih, denn es sei die Erinnerung an den Tag, an dem er das Tier geschossen habe. «Wenn ich einmal tot bin, sind die Trophäen für meine Nachfahren nur Plunder.» Darum würde er in Graubünden oder in Österreich auch nie auf Birkhahnjagd gehen – diese Tiere eignen sich nur zum Ausstopfen.

Überhaupt ist der Oberländer von vielen Arten der Jagd nur mässig begeistert: «Die Treibjagd sagt mir nicht viel. Das sieht dann aus wie ein Kriegsfriedhof, wenn die toten Tiere aufgereiht daliegen.» Auch das stundenlange Ansitzen auf Hirsche sei nicht sein Ding. Hingegen die Pirsch in den schroffen Hängen oberhalb der Bussalp, das ist seine grosse Freude. Da verbringt er seine Ferien lieber als an jedem Strand dieser Welt: «Der Herrgott hat mich so geschaffen, dass ich lieber Schnee unter den Schuhen als Sand in den Hosen habe.» Immerhin einen seiner drei Söhne hat Wüthrich mit seiner Leidenschaft angesteckt, auch das freut ihn sichtlich.

«Jäger nicht verteufeln»

Deutlich wird Wüthrich, wenn es um den Ruf seiner Zunft geht: «Man darf die Jäger nicht verteufeln.» Natürlich gebe es schwarze Schafe, wie überall. Und plagiert werde auch, was das Zeug halte. Aber: «Ich behaupte, dass wir Jäger mehr Herz für die Tiere haben als manch einer sonst.» Als Beispiel nennt er sich selbst: Wenn er in der Bäckerei aushilft und Waren austrägt, stoppt er extra das Auto, um eine Schnecke von der Strasse wegzutragen. Es sei Blödsinn, zu behaupten, den Jägern gehe es einfach ums Töten. Der Moment, nachdem man ein Tier erlegt habe, gleiche eher einer Andacht. «Gebetet wird zwar nicht. Aber es folgt ein Moment der Stille, nachdem ein Leben ausgelöscht wurde.» Dann würden die Tiere liebevoll hergerichtet, das Blut weggewischt und ihnen als «letzter Bissen» Blumen oder ein Tannenzweig in den Äser (Maul) gesteckt. «Ich habe den ganzen Tag Freude an einem Tier, das ich geschossen habe.» Wenn Wüthrich dann am Abend nach einem Jagdtag mit seinem Sohn Daniel in der Alphütte bei Rösti und Gämsleber sitzt – dann ist die Welt für ihn in Ordnung.

In der Zwischenzeit ist die Gämsjagd zu Ende gegangen. Kurt Wüthrich hat nebst dem Murmeltier noch eine Gämsgeiss geschossen, den Bock spare er sich für nächstes Jahr, sagt er. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.10.2011, 09:33 Uhr

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4 Kommentare

Michael Weibel

18.10.2011, 09:57 Uhr
Melden 10 Empfehlung

Schöner Artikel, besten Dank! Antworten


Carl Sonnthal

24.10.2011, 13:11 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Und wieder eine Beispiel wie man durch falsche "Freunde" auf die schiefe Bahn kommt. Leider wird hier das unredliche jetzt sogar innerhalb der Familie weitergegeben. Jäger zerstören zum Spass Lebewesen und Charakter meist junger Menschen, indem sie sie zum Töten animieren. Wie armseelig, wenn man sich über das Morden definieren muss und Freude daran hat. Antworten



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