Edita Gruberova über Wahnsinn als Ausweg
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Sind Frauen, die wahnsinnig werden, starke Frauen? Eine wahnsinnige Frage! In einigen grossen Opern und literarischen Werken ist der Wahnsinn als letzter Ausweg ein zentrales Thema. Lucia di Lammermoor in der gleichnamigen Oper von Gaetano Donizetti etwa tötet ihren Bräutigam Arturo, den man ihr aufgezwungen hat, in der Hochzeitsnacht – weil ihre Liebe Edgardo gilt. Der Wahnsinn macht die Vereinigung mit Edgardo möglich – als Heilsversprechen im Jenseits.
Aus dem Häuschen
Edita Gruberova machte sich am Freitag im mit rund 1600 Personen gut gefüllten Gstaader Zelt auf einen Wahnsinns-tripp in schwindelerregende stimmliche Höhen. Ihr goldener Sopran irrlichterte souverän in gleissender Helligkeit auf einem hohen und schmalen Grat mit drohenden Absturzstellen: Wunderschön anzuhören und faszinierend zugleich, weil der Wahnsinn sowohl ästhetisch überhöht wie auch stets bedrängend erschien.
In Lucias Wahnsinnsarie «Il dolce suono» drangen die ersten Bravo-Rufe durch, bevor der letzte Teil überhaupt angebrochen war. Standing ovations waren angesagt, immer wieder. Der Wahnsinn – in der Verquickung von hellem Sehen und präsenter Todesnähe – trieb auch das Publikum vollkommen aus dem Häuschen. Edita Gruberova trat wohl nicht zufällig in unterschiedlichen Farben auf. Vor der Pause war ihre Robe weiss, dann rot: Als würde sie ihr Thema zwischen Unschuld und (tödlicher) Leidenschaft ansiedeln.
Zu toppen war der Lucia-Effort höchstens durch die zeitlich noch längeren Einsätze in Elviras Wahnsinnsarie aus Bellinis Oper «I Puritani» und in Ophélias Ballade aus der «Hamlet»-Oper von Ambroise Thomas. An die Intensität der Lucia-Arie kam jedoch nichts mehr heran.
Mitgetragen wurde Edita Gruberova durch die präzis aufspielende, Stimmungsbögen geschickt aufbauende Philharmonie Baden-Baden unter der dynamisch-energischen Stabführung von Pavel Baleff. Der Klangkörper steuerte zu den jeweiligen Arien eine Ouvertüre aus einer anderen Oper des jeweiligen Komponisten bei. Das ergab einen stimmigeren Klangteppich, in dem sich die Gesangspartien bestens einbetten liessen. Gut aufgegleist wurde auch die Marter-Arie der Constance, die Bassa Selim in Mozarts «Entführung aus dem Serail» ausgeliefert ist – dank der zuvor gespielten Ouvertüre.
Wahnsinnig stark
Störend in dieser durchdachten Struktur wirkte höchstens die Zugabe aus dem Operettenbereich und der aufs Zeltdach prasselnde Regen. Das ändert aber nichts daran, dass Edita Gruberova als Wahnsinnige wahnsinnig stark war. (Berner Zeitung)
Erstellt: 07.09.2009, 09:59 Uhr













