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Die Wildtiere müssen ihre letzten Reserven mobilisieren

Der Winter hat das Berner Oberland immer noch fest im Griff. Bis der rettende Frühling endlich da ist, müssen sich die Tiere weiter durchbeissen. Aber auch die richtige Taktik und Tarnung entscheidet über Leben und Tod.

Futter suchen zwischen den Schneeflächen. Steinböcke am Gemmenalphorn in der Gemeinde Beatenberg.

Fredy Joss

Ein verendeter Gämsbock von diesem Winter im Justital. Der Bock wurde von Füchsen und Vögeln bereits angefressen.

Ein verendeter Gämsbock von diesem Winter im Justital. Der Bock wurde von Füchsen und Vögeln bereits angefressen. (Bild: zvg)

Wildspuren im Tiefschnee: Aufgenommen im Seefeld, auf einer Winterwanderung von Beatenberg nach Habkern. Die Berge im Hintergrund sind die sieben Hengste.

Wildspuren im Tiefschnee: Aufgenommen im Seefeld, auf einer Winterwanderung von Beatenberg nach Habkern. Die Berge im Hintergrund sind die sieben Hengste. (Bild: Sabine Joss)

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Steinbock oder Gämsen am Gemmenalphorn oder am Brienzergrat lassen sich von milden Spätwintertagen nicht täuschen. Wichtiger als ein erneuter Wintereinbruch ist für die Wildtiere, die auch im Winter aktiv sind, der bisherige Verlauf der Saison. In schneereichen Wintern, in denen das Gehen im Schnee und die Futtersuche sehr anstrengend sind oder wenn sie wegen häufiger Störungen durch Wintersportler oft fliehen mussten, können die Energie- und Fettreserven vorzeitig geleert sein. Unter solchen Umständen verenden immer wieder geschwächte Tiere im Spätwinter.

Um den Winter erfolgreich zu überleben, müssen die Tiere bestimmte Vorbereitungen treffen und ihr Verhalten ändern. Wichtig ist für winteraktive Tiere vor allem, Kräfte zu sparen und so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen.

Wärmeisolation

Viele Tiere wie Gämse, Fuchs oder Reh wechseln das leichtere Sommer- gegen ein dickeres Winterfell. Dieses Fell mit seiner dichteren Unterwolle und seinem langem Deckhaar ist mit Thermounterwäsche und einer wetterfesten Jacke darüber vergleichbar. Es ist ausserdem dunkler und kann sich bei Sonneneinstrahlung schneller und stärker erwärmen als das hellere Sommerfell.

Besonderen Tarneffekt erreichen Alpenschneehuhn und Schneehase, die unter anderem im Gebiet zwischen Augstmatthorn und Hohgant vorkommen, mit einem Farbwechsel ihres Gefieders oder Pelzes. Das dunklere Sommerkleid wird mit einem weissen Winteranzug vertauscht. So sind sie im weissen Schnee besser getarnt und weniger auffällig für ihre Feinde. Die weisse Farbe der Haare und Federn entsteht durch den Einschluss von Luft. Luft ist ein schlechter Leiter und isoliert deshalb gut. Der Fellwechsel und die Änderung der Fellfarbe werden unter anderem von der abnehmenden Tageslänge und von tieferen Temperaturen beeinflusst. Keinen Einfluss hat jedoch Schneefall. In einem schneearmen Winter haben die weiss gekleideten Tiere ein Problem. Sie wären zwar gut vorbereitet auf Kälte, heben sich aber auf dem dunklen Untergrund stärker ab und sind schon von weitem für Feinde sichtbar. Weil sie den Wechsel der Fell- oder Gefiederfarbe nicht mit dem Willen steuern können, ist eine kurzfristige Änderung und Anpassung unmöglich. Dies schützt sie davor, bei einem vermeintlichen Winterende ihr Kleid zu wechseln.

Energieverlust ist tödlich

Gehen im tiefen Schnee ist sehr anstrengend, Fliehen braucht ein Mehrfaches an Energie. Für eine Minute Flucht braucht ein Reh gleich viel Energie wie für eine Stunde Gehen. Ein solcher Energieverlust kann sich bei wiederholten Störungen tödlich auswirken. Rehe und andere Wildtiere können im Winter nicht gleich grosse Nahrungsmengen aufnehmen wie im Sommer, weil sich der Magen verkleinert und sich die Verdauungsorgane dem reduzierten Energiehaushalt anpassen. Ein häufig gestörtes Reh kann deshalb nicht einfach grössere Futterportionen fressen, um den Energieverlust wieder auszugleichen. Die Winternahrung ist zudem von schlechterer Qualität, weil sie weniger Nährstoffe und mehr Fasern enthält.

Hausrotschwanz, Nachtigall und andere Vogelarten ziehen südwärts. Grund für den Vogelzug ist nicht eigentlich die Kälte, denn Federn sind ein gutes Isolationsmaterial, sondern das fehlende Futterangebot.

Einfach abschalten

Frösche, Kröten oder Eidechsen sind wechselwarme Tiere. Ihre Körpertemperatur wird von der Umgebungstemperatur bestimmt; sie können sie nicht selber steuern. Grasfrösche in den Seelein auf der Grossen Scheidegg oder Erdkröten beim Burgseeli oder in den Funtenen bei Meiringen ziehen sich an frostsichere, vor Feinden geschützte Orte zurück, wo sie in Winterstarre verfallen. Ihre Lebensfunktionen wie Herzschlag und Stoffwechsel sind dabei stark herabgesetzt. Alkohol-, Eiweiss- oder Zuckerverbindungen funktionieren als körpereigene Frostschutzmittel. Dank ihnen wird der Gefrierpunkt der Körperflüssigkeiten abgesenkt und verhindert, dass sie abkühlen bis zum Erfrieren. Bei milden Tagen im Unterland verlassen Amphibien oft vorzeitig ihren Unterschlupf und machen sich auf den Weg zu einem Laichgewässer. Wenn sie dabei von einem erneuten Kälteeinbruch überrascht werden und kein Versteck mehr finden, werden sie oft kältestarr von anderen Tieren erbeutet.

Den Winter verschlafen

Murmeltiere im Sefinental und viele andere warmblütige Tiere können ihre Körpertemperatur selber steuern und machen einen Winterschlaf. Ein kompliziertes Wechselspiel zwischen abnehmender Tageslänge, hormonellen Veränderungen und dem Jahresrhythmus einer inneren Uhr leitet den Winterschlaf ein. Die Lebensfunktionen sind während des Winterschlafs auf Sparflamme eingestellt. Sinkt die Körpertemperatur unter einen bestimmten Wert, reagiert eine Art körpereigener Thermostat und gibt ein Signal zum Aufheizen. Heizenergie liefern die Fettreserven. Winterschlaf unter feuchtkalten Bedingungen fördert Rheuma, wie Untersuchungen an Knochen zeigten. Ohne ihre Kost aus heilkräftigen Alpenkräutern wären die rheumatischen Beschwerden noch grösser.

Kluger Rat, Notvorrat

Um das knappe Nahrungsangebot auszugleichen und die energieaufwändige Futtersuche einzuschränken, legen Eichhörnchen oder Eichelhäher Vorräte an. Bei Bedarf können sie sich dort bedienen, ohne lange suchen zu müssen. Wie bei Vorratslagern üblich, horten auch die Tiere eher zu viel als zu wenig, und aus den überzähligen Vorräten wachsen im Frühling junge Pflänzchen.

Stress und Flucht

Wildtiere können sich an die Gegenwart des Menschen auf Winterwanderwegen, Loipen oder Pisten gewöhnen, Variantenfahrer sind das Problem. Auf der Lombachalp bei Habkern wird deshalb zum Beispiel versucht, mit einer Besucherlenkung, wie markierten Schneeschuhpfaden, den Druck auf die Natur möglichst klein zu halten. Im Gegensatz zu früheren Zeiten hat sich heute die Zahl der Wintersportler vervielfacht. Gleichzeitig ist die Auswahl an Winteraktivitäten grösser geworden, und immer ausgedehntere Gebiete werden erschlossen. Häufig werden Wildtiere dabei in ungünstige Gebiete abgedrängt, wo sie zwar seltener gestört werden, aber weniger Wetterschutz und Futter finden. Nur schon wenn Wintersportler Waldgebiete umgehen, Hunde an der Leine geführt werden und Lärm vermieden wird, erhöhen sich die Überlebenschancen der Tiere. (Berner Oberländer)

Erstellt: 16.03.2010, 09:21 Uhr

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