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«Der Fahrplan wird nächstes Jahr wieder ausgebaut»

Von Marco Zysset. Aktualisiert am 30.09.2011

Hans Meiner ist seit drei Monaten als Leiter der Schifffahrt Berner Oberland im Amt. Er bezweifelt, dass der Betrieb langfristig ohne öffentliche Unterstützung erhalten werden kann. Trotzdem – oder gerade darum – wird der Fahrplan ausgebaut.

Hans Meiner (71), Leiter der BLS Schifffahrt Berner Oberland, im Interview auf dem MS Schilthorn.

Hans Meiner (71), Leiter der BLS Schifffahrt Berner Oberland, im Interview auf dem MS Schilthorn.
Bild: Patric Spahni

Zur Person

Der 71-Jährige trat seine Stelle als Leiter der Schifffahrt Berner Oberland im Juli an. Er hat die Nachfolge von Michael Lüthi übernommen, der den Betrieb sechs Jahre führte. Meiner leitete sechzehn Jahre lang die Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee und arbeitete unter anderem rund zwanzig Jahre bei den SBB. Er gilt als ausgewiesener Kenner des ÖV in der Schweiz – und als einer der Erfinder des Taktfahrplans. Mit dem Berner Oberland ist Meiner insofern verbunden, als dass er seine frühe Kindheit im Längenschachen bei Oberhofen verbracht hat.

20 Prozent weniger Passagiere auf dem Thunersee

«Die Passagierzahlen im Sommer sind gegenüber dem Vorjahr eingebrochen», sagt Hans Meiner, Leiter der BLS Schifffahrt Berner Oberland. Er spricht von rund 20 Prozent Einbussen auf dem Thuner- und rund 10 Prozent Einbussen auf dem Brienzersee per Ende August; schweizweit geht er von einer leicht positiven Entwicklung aus. Als Ursache ortet Meiner eine Kombination verschiedener Faktoren: Mit Ostern Ende April habe die Saison spät gestartet, und die Schifffahrt hat nicht vom sommerlichen April profitieren können; der Juli hingegen sei wegen des Wetters branchenweit sehr schlecht gewesen. Mit dem starken Franken seien zum Teil ausländische Gäste ausgeblieben. Und: Auf dem Thunersee sei die Reduktion von acht auf fünf Kurspaare zwischen Thun und Interlaken und einem Kurspaar zwischen Thun und der Beatenbucht stark ins Gewicht gefallen. «Wenn das Angebot so reduziert wird, fallen zahlreiche Möglichkeiten weg, mit dem Schiff zu fahren. Da sind Einbussen logisch», sagt Meiner, betont aber auch, dass lineare Rückschlüsse auf das finanzielle Ergebnis nicht möglich seien.

Mehr Kursschiffe 2012

Mit Blick auf das nächste Jahr haben Hans Meiner und sein Team deshalb den Fahrplan wieder ausgebaut (vgl. Interview). Während der Sommersaison 2012 verkehren auf dem Thunersee sechs Kurspaare zwischen Thun und Interlaken plus eines zwischen Thun und Merligen. Weiter fährt das letzte Schiff von Interlaken nach Thun erst um 18.10 Uhr. «Diesen Kurs wollen wir während der ganzen Saison als Sonnenuntergangsfahrt positionieren. Zudem soll die Saison länger dauern: Der Frühlingsfahrplan startet bereits Anfang April; der Sommerfahrplan dauert künftig von Mitte Mai
bis Ende Oktober. Das bedeutet, dass auch das Dampfschiff Blümlisalp länger verkehrt als heute. Der Herbstfahrplan entfällt künftig.

Walliser Fahrgäste anwerben

Hans Meiner sagt: «Wir haben den Fahrplan nicht nur quantitativ angepasst, sondern auch qualitativ.» Sprich: Auf dem Brienzersee etwa wurden die Kurse neu so gelegt, dass die Schiffspassagiere direkten Anschluss in Richtung Ballenberg, Brienzer Rothorn oder Brünig haben – und umgekehrt, wenn sie aus einer dieser drei Destinationen kommen. «Heute klappen diese Anschlüsse nicht.»
Ferner verkehren die Schiffe auf dem Brienzer- und Thunersee künftig immer zur gleichen Zeit. In Interlaken-Ost fahren sie jeweils 7 Minuten nach der vollen Stunde in Richtung Brienz ab, in Thun jeweils 20 Minuten vor der vollen Stunde in Richtung Interlaken. «So sind die Abfahrts- und Ankunftszeiten der Schiffe auf die Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Züge an den Bahnhöfen Thun, Interlaken und Brienz ausgerichtet», erklärt Meiner. Der Preis: Die Schiffe müssen etwas schneller fahren und brauchen so mehr Sprit, was Mehrkosten verursacht. «Wenn wir wollen, dass die Fahrgäste die Schifffahrt als Teil eines Gesamtausflugserlebnis nutzen, müssen wir das in Kauf nehmen», sagt Meiner.

Als Errungenschaft bezeichnet er, dass die Abfahrtszeiten der Kursschiffe in Thun auf die Ankunftszeiten der IC-Züge aus dem Wallis abgestimmt sind.

«So können Leute innerhalb von 40 Minuten von Visp aufs Schiff kommen», sagt Meiner. «Damit wollen wir gezielt Fahrgäste aus dem Oberwallis anwerben.»
Wermutstropfen ist, dass zwischen dem 2.Januar und Ende März 2012 gar keine Schiffe verkehren, weil der See tief abgesenkt wird. «Das ist schweizweit einzigartig», so Meiner. Immerhin: Vom 11.Dezember bis am 2.Januar 2012 verkehrt an Sonn- und Feiertagen nicht nur ein Kursschiff um 11.40 Uhr, sondern auch ein Brunchschiff um 9.40 Uhr.

Spiezerli

Seit Anfang Juni liegt das Spiezerli in der BLS-Werft in Thun auf dem Trockenen (wir haben berichtet). Hans Meiner betont, die BLS unterstütze die Sanierung des historischen Schiffes weiterhin nach Kräften.

Für die Spendensammlung soll nächsten Frühling zum Auftakt der Schifffahrtssaison ein Tag der offenen Türen in der Werft stattfinden. «Dann wird auch die Blümlisalp noch in der Werfthalle auf Stapel liegen», sagt der Leiter der Schifffahrt Berner Oberland. «So können wir dem Publikum ein rundum attraktives Programm bieten, und wir haben bis dahin die Zeit, die nötigen Arbeiten am Spiezerli noch zu erledigen.»

Was hat Sie dazu bewogen, den Ruhestand aufzugeben und Leiter der BLS Schifffahrt Berner Oberland zu werden – zumal die Aufgabe bekanntermassen keine einfache ist?
Hans Meiner: Ich bin wohl seit längerer Zeit pensioniert. Aber als Präsident des Versicherungsverbandes Schweizerischer Schifffahrtsunternehmen bin ich nach wie vor stark engagiert. Auch politisch setze ich mich sehr stark für den öffentlichen Verkehr ein – und bin daher immer noch sehr gut vernetzt. Ich kann hier in einer schönen Region an zwei schönen Seen arbeiten. Zudem war es mir ein Anliegen, dass mit dem Abgang von Michael Lüthi für das Personal der Schifffahrt Berner Oberland kein Vakuum entsteht, wie das nach Führungswechseln in den letzten Jahren der Fall war. Ziel ist, dass wir für die Schifffahrt im Berner Oberland einen guten Weg in die Zukunft finden.

Wie haben Sie den Betrieb vorgefunden?
Ich traf auf hoch motiviertes Personal und wurde sehr freundlich empfangen. Viele kennen mich bereits aus meiner früheren Funktion als Direktor der Vierwaldstättersee-Schifffahrtsgesellschaft.

Welchen Eindruck haben Sie von den Strukturen der Firma?
Im Gegensatz zum Vierwaldstättersee, wo ich Direktor einer eigenen Firma und für alles verantwortlich war, leite ich bei der BLS einen Teil eines Konzerns. Ich kriege Unterstützung von oben, vieles wird zentral bearbeitet. Zwar fehlen dadurch manchmal auch gewisse Freiräume, hingegen ist die nötige Unterstützung von oben für mich als Wiedereinsteiger natürlich sehr wichtig. Und: Nicht zuletzt ist die BLS ein finanziell starker Betrieb. Müsste die Schifffahrt alleine existieren, wäre das sehr schwierig.

Es wird immer wieder betont, die Schifffahrt im Berner Oberland sei fast nicht eigenwirtschaftlich zu betreiben. Teilen Sie diesen Eindruck?
Ich kenne die Details für Thuner- und Brienzersee noch zu wenig. Aber als langjähriger Präsident des Verbandes der Schweizerischen Schifffahrtsunternehmen weiss ich, dass in der Schweiz eigentlich nur auf dem Vierwaldstättersee ein rentabler Schiffsbetrieb geführt werden kann, wobei das Angebot dort integraler Teil des öffentlichen Verkehrsnetzes ist – und vor allem weil die Schiffe ganzjährig regelmässig verkehren. Auf allen anderen grösseren Seen ist es praktisch nicht möglich, eine volle Eigenwirtschaftlichkeit zu erreichen. Die Schifffahrt auf dem Zürichsee ist Teil des Verkehrsverbundes, auf dem Genfersee schreiben sie jährlich ein Defizit von rund 8 Millionen Franken. Auch Schifffahrtsbetreiber auf mittelgrossen Seen wie dem Zugersee haben alle in irgendeiner Form eine Leistungsvereinbarung mit der öffentlichen Hand oder erhalten Abgeltungen von Bund oder Kantonen. Thuner- und Brienzersee sowie Bielersee sind die einzigen in der Schweiz, die ohne gesicherte staatliche Leistungen über die Runden kommen sollten.

Können sie das langfristig?
Ich zweifle stark daran – weil auf allen anderen Seen auch eine Art von Unterstützung nötig ist.

Sie leiten die Schifffahrt Berner Oberland während «mindestens zwölf Monaten», wie die BLS bei Ihrem Stellenantritt mitteilte. Sehen Sie sich als «Übergangschef»?
Ich bin Leiter der Schifffahrt und habe mich für mindestens ein Jahr verpflichtet. Ich bin zuversichtlich, dass ich meine Aufgabe so lange wahrnehmen kann, bis die künftige Schifffahrtsstrategie definiert ist – und jemand gefunden ist, unter dessen Leitung sie umgesetzt werden soll.

In den letzten Jahren entwickelte sich die Schifffahrt auf Thuner- und Brienzersee weg vom reinen öffentlichen Verkehrsmittel hin zum Eventanbieter. Ist dieser Weg richtig?
Die Schifffahrt umfasst verschiedene Aspekte, und Events sind ein Teil davon. Der Hauptteil der Schifffahrt ist jedoch die Kursschifffahrt – überall in der Schweiz. Die Kursschifffahrt ist Teil des öffentlichen Verkehrs, und das ist auch die grosse Stärke der schweizerischen Binnenschifffahrt.

Heisst das, der Fahrplan wird nächstes Jahr wieder ausgebaut?
Ja. Wir wollen das Angebot auf beiden Seen mit den vorhandenen Ressourcen quantitativ und qualitativ ausbauen. Kurz zusammengefasst haben wir zwei Ziele: Einerseits beginnt die Saison früher und endet später, und es verkehren wieder mehr Kursschiffe, andererseits ist der Fahrplan der Schiffe besser auf die Bahnanschlüsse ausgerichtet als heute (vgl. Kasten).

Bedeutet das, dass Sie die Schifffahrt nicht nur als eigenes Erlebnis vermarkten wollen, sondern als Ergänzung oder Komplettierung eines anderen Angebots?
Richtig. Das ist eines der wichtigsten Dinge, die ich am Vierwaldstättersee gelernt habe: Die Schifffahrt muss präsent sein in Kombination mit Bergbahn- oder weiteren Angeboten. Selbstverständlich sind die Fahrgäste, die ausschliesslich eine Schifffahrt machen, ein wichtiger Teil des Marktes. Aber der grössere Teil sind jene Fahrgäste, welche die Fahrt auf dem Schiff als Teil eines ganzen Tagesausfluges nutzen. Warum sollten Feriengäste in Grindelwald immer in Richtung Kleine Scheidegg ausfliegen und nicht beispielsweise an einem Tag eine Schifffahrt mit einem Besuch des Freilichtmuseums Ballenberg kombinieren?

Das bedeutet, dass Kooperationen wie jene mit Niesen, Stockhorn und Niederhorn weitergeführt werden?
Ja. Gerade das Niederhorn, wo man von jedem Schiffskurs Anschluss an die Bergbahn hat, ist typisch für die Einbindung der Schifffahrt in den öffentlichen Verkehr.

Wie stehen Sie zur Drohung einiger Schifffahrtsgesellschaften, aus dem GA-Verbund auszutreten?
Natürlich muss man schauen, dass man von den 1,2 Milliarden Franken, welche das GA insgesamt einbringt, genügend Geld erhält. Aber aus meiner Sicht wird es, wenn überhaupt, nicht mehrere Betriebe geben, die da aussteigen. Das erinnert mich an vergleichbare Diskussionen, die geführt wurden, als das verbilligte Halbtaxabonnement eingeführt wurde. Da sind auch einige Bergbahnen abgesprungen – und haben später doch mitgemacht.

Die Saison 2011 litt vor allem unter dem schlechten Juli. Im sonnigen April fuhren keine Schiffe, und im goldenen Herbst fahren weniger Schiffe als im Sommer. Gewinnt heute jener Anbieter, der im Frühling früher startet und im Herbst länger fährt?
Diese Diskussion ist uralt. Auf dem Vierwaldstättersee hatten wir das Privileg, 365 Tage im Jahr fahren zu können. Das war einfacher als hier. Wo man aus übergeordneten Gründen nicht das ganze Jahr fahren kann, stellt sich immer die Frage, wann man anfängt und wann man aufhört. Eine lange Saison ist stets ein Risiko. Aber wenn man nicht fährt, hat man keine Passagiere. Da kann das Wetter noch so schön sein. Ich sage immer wieder: Ohne schlechte Tage, gibts keine guten Tage. So kann sich das Risiko lohnen – und man befördert plötzlich an einem schönen Sonntag im März mehr als 10'000 Passagiere, wie heuer auf dem Vierwaldstättersee geschehen.

Bedeutet das die Abkehr von der Doktrin, dass eine möglichst hohe Auslastung der einzelnen Schiffe das Mass aller Dinge ist?
Es ist ein Anliegen, wieder höhere Frequenzen zu generieren. Dabei steht nicht die Auslastung des einzelnen Schiffes im Vordergrund, sondern ein möglichst optimales Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag während der ganzen Saison. (Berner Oberländer)

Erstellt: 30.09.2011, 08:12 Uhr

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