Frutigen

Das Tropenhaus benötigt 28 Millionen Franken

FrutigenDas Tropenhaus Frutigen braucht Geld. Vorgeschlagen wird den Aktionären deshalb ein Kapitalschnitt auf Null und eine Wiedererhöhung um 28,2 Millionen Franken.

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Bisher hat der Hauptaktionär Coop die jährlichen Defizite des Tropenhauses Frutigen durch Darlehen gedeckt: Bis Ende Jahr summieren sich die Bilanzverluste auf 30,5 Millionen Franken, wie in den Unterlagen zur anstehenden Aktionärsversammlung steht. Diese ist bereits im Frühjahr angekündigt worden. Dass ein Kapitalschnitt auf Null sowie eine gleichzeitige Wiedererhöhung des Aktienkapitals auf 28,2 Millionen Franken beantragt wird, ist jedoch happig.

Konkret bedeutet dies den Totalverlust der rund 4 Millionen Franken der kleinen Aktionäre. Zudem sollen die Reserven mit dem Bilanzverlust verrechnet werden. So wären unter Berücksichtigung des Verlustes 2014 ein Eigenkapital von 10,9 Millionen Franken für den Neustart vorhanden (anstelle eines Negativkapitals von 17,3 Millionen Franken).

Coop hat heute 73 Prozent der Aktien und ist bereit, wenn sich die bisherigen Aktionäre nicht beteiligen, den Betrieb ganz zu übernehmen. Im Finanzplan bis 2017 sind weiterhin Verluste bilanziert (2015: 4,1 Mio; 2016: 3,27 Millionen und 2017: 3,15 Millionen Fr.), ab 2016 jedoch ein positiver Ebitda (Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisationen).

Engagement bekräftigt

Coop-Mediensprecher Urs Meier sagte am Donnerstag, dass «die Zukunft des Betriebes und der Erhalt der damit verbundenen Arbeitsplätze nur mit der Ergreifung und Umsetzung von Sanierungsmassnahmen langfristig gesichert werden können». Über Massnahmen werde an der ausserordentlichen Generalversammlung befunden. «Coop wird sich weiterhin als Hauptpartnerin des Tropenhaus Frutigen mit finanziellen, organisatorischen und betrieblichen Massnahmen engagieren.»

Das Unternehmen stehe voll hinter seinem Engagement in Frutigen und dem Partnerbetrieb Tropenhaus Wolhusen (siehe Box). Verwaltungsratspräsident des Unternehmens ist Philipp Wyss, der auch der Geschäftsleitung von Coop angehört. Als Mehrheitsaktionär kann Coop den Entscheid in Frutigen allenfalls gegenüber den rund 240 weiteren Aktionären im Alleingang durchsetzen. So ist gesichert, dass neues Kapital in das Unternehmen fliesst.

Analyse der Gründe

Als Gründe für die finanzielle Schieflage werden aufgeführt:

  • Zahlen über die Entwicklung des Kaviargeschäfts (Mengen, Wachstum) waren unrealistisch;
  • der Grundriss erweist sich vor allem in der Gastronomie als ungünstig und verhindert die optimale Nutzung der Flächen;
  • grosse Mängel aus der Bauphase 1 beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit der Fischzucht;
  • die neue Fischzuchthalle wurde mit Verspätung fertiggestellt, was sich direkt auf die Fisch- und Kaviarproduktion auswirkt und
  • die hohe Personalfluktuation, insbesondere auch in der Geschäftsführung, ist nachteilig. Zudem war lange Zeit zu viel Personal angestellt.

Weitere Massnahmen

Dass eine reine Geldspritze nicht dazu reicht, die Wirtschaftlichkeit zu erlangen, wird deutlich, wenn man den Massnahmenkatalog anschaut (siehe Box). Dabei wird beispielsweise auch auf die öfters geäusserte Kritik an der (zu) statischen Ausstellung eingegangen oder Möglichkeiten zur Attraktivierung gesucht, damit die Besucher nicht nur einmal, sondern regelmässig ins Tropenhaus gehen. (Berner Oberländer)

Erstellt: 21.11.2014, 05:54 Uhr

Geplante Massnahmen

Den Tropenhaus-Aktionären werden ausser der finanziellen Sanierung des Betriebes folgende Massnahmen für die Zukunft vorgelegt:

  • Bauliche Anpassungen der Fischbecken, um Qualität und Quantität sicherzustellen und auf den noch stattfindenden Rückgang der Menge und der Temperatur des Bergwassers reagieren zu können;

  • Ausbau der bereits rentablen Eglifischzucht;

  • bauliche Massnahmen bei der Verarbeitung für die Qualitätssicherung;

  • bessere Auslastung der Verarbeitung durch Drittaufträge;

  • neue Marketingstrategie mit Themen und Geschichten rund um das Tropenhaus;

  • grössere Konzentration auf Wiederverkäufer;

  • Ausbau des Verkaufsteams;

  • verstärkte Zusammenarbeit mit einer erfahrenen externen Marketingagentur;

  • Attraktivitätssteigerung des Tropengartens (z.B. mit einem Bananen- oder Kaffeelehrpfad);

  • Senken des administrativen Aufwandes;

  • Gründung des Clubs «Freunde des Tropenhauses Frutigen»: Bisherige Aktionäre werden Mitglied, andere Interessierte können für einen Jahresbeitrag von 500 Franken beitreten und erhalten Jahreseintrittskarten und andere Vergünstigungen und Spezialangebote;

  • unter künftigen Projekten werden Klausurräumlichkeiten sowie die Verbesserung des Restaurantgrundrisses erwähnt.

Tropenhaus Wolhusen

Im luzernischen Wolhusen wird mit der Abwärme einer Gasverdichtungsstation ebenfalls ein Tropenhaus betrieben. Coop ist dort seit einigen Jahren Partner, aktuell mit 94 Prozent des Aktienkapitals, da den Partnerbetrieb des Tropenhauses Frutigen ebenfalls finanzielle Sorgen plagten. Dort wurde eine Kapitalherabsetzung auf zwei Prozent durchgeführt. Der Grossverteiler schoss dabei 10 Millionen Franken ein. 2012 wurden bei einem Umsatz von rund 3,5 Millionen Franken eine halbe Million Defizit verzeichnet. Für 2014 ist eine schwarze Null bilanziert. Pro Jahr werden in Wolhusen rund 50'000 Besucher gezählt, Frutigen hatte im Schnitt etwa 85'000 Besucher.

Kommentar

Die Details in den Unterlagen für die Generalversammlung sind erschreckend: Fast 30 Millionen Franken sind laut Verwaltungsrat dazu nötig, das Tropenhaus auf eine neue Basis zu stellen. Die Aktionäre verlieren ihr Geld. Das ist schlimm, jedoch bergen Aktien dieses Verlustrisiko nun mal. Und: Auf Erfahrungen konnten sich weder die innovativen Initianten noch die Betriebsleitung abstützen, Erfolge und Fehler mussten selber gemacht werden. Und die Fische gehorchen nicht den Businessplänen.

Wenn man die positiven Punkte der Situation sucht, ist einerseits die Tatsache zu vermerken, dass der Betrieb es geschafft hat, in der Schweiz Stör- und Eglifische zu züchten, Kaviar zu produzieren, exotische Früchte zu pflanzen, das warme Wasser aus dem Neat-Tunnel sinnvoll zu nutzen und so Frutigen und das Oberland um eine Attraktion reicher zu machen. Zudem sind rund 80 Personen angestellt.

Die Frage ist, ob die Aktionäre den Antrag mittragen und auch bereit sind, nochmals in das Projekt zu investieren. Hauptaktionär Coop wäre aber bereit, die volle Verantwortung für das Tropenhaus zu übernehmen, indem bis zu 28,2 Millionen Franken und somit bis 100 Prozent der Aktienkapitalerhöhung finanziert werden. Ein deutliches Zeichen, dass man dort an eine Zukunft glaubt. Ist es aber nötig, dass die Sanierung einen Totalverlust für die kleineren Aktionäre bedeutet? Immerhin haben auch diese anfangs an die Idee geglaubt...

Hans Rudolf Schneider, Redaktor
hr.schneider@bom.ch

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