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Atomausstieg: «Man kann nicht das eine wollen, ohne das andere zu machen»

Von Luzia Kunz. Aktualisiert am 23.06.2011 1 Kommentar

Im Januar haben sich vier Oberländer Touristiker für den Ausbau des Atomkraftwerks Mühleberg ausgesprochen. Seither ist viel passiert und der Atomausstieg ist geplant. Nun fordern die Exponenten ein konsequentes Handeln – von allen Seiten aus.

Mit solchen Fotomontagen  (hier an der Lenk) versuchten die Touristiker im Januar aufzuzeigen, welche Folgen ein Nein zum AKW Mühleberg haben könnte. Ein knappes halbes Jahr, eine Naturkatastrophe und einen Bundesratsentscheid später, tönt es etwas anders.

Mit solchen Fotomontagen (hier an der Lenk) versuchten die Touristiker im Januar aufzuzeigen, welche Folgen ein Nein zum AKW Mühleberg haben könnte. Ein knappes halbes Jahr, eine Naturkatastrophe und einen Bundesratsentscheid später, tönt es etwas anders.
Bild: zvg

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Mitte Januar haben sich Roger Seifritz, damaliger Direktor von Gstaad Saanenland Tourismus (GST), sein Kollege der Tourismusorganisation Interlaken (TOI), Stefan Otz, Urs Kessler, CEO der Jungfraubahnen, sowie der Schönrieder Hotelier Bruno Kernen für ein Ja zum Ausbau des Atomkraftwerkes Mühleberg ausgesprochen (wir berichteten). Mitte Februar war das Berner Stimmvolk diesem Begehren an der kantonalen Abstimmung mit 51 zu 49 Prozent gefolgt. Mitte März geschah das Atomunglück in Japan und Mitte Mai beschloss der Bundesrat den Atomausstieg.

«In der Art und Weise, wie wir das Atomkraftwerk Mühleberg im Januar unterstützt haben, kann ich das nicht mehr. Doch eine Kehrtwende ist gefährlich», erklärt Roger Seifritz und präzisiert: «Uns ist es hauptsächlich um die Versorgungssicherheit gegangen.» Das bedeute unter den jetzigen Umständen, dass der eingeschlagene Weg zum Ausstieg durchaus weitergegangen werden könne – jedoch in einer konsequenten Art und Weise und ohne Behinderung. «Dann will ich nichts mehr gegen Pumpspeicherkraftwerke hören», unterstreicht er seine Meinung und Stefan Otz ergänzt: «Diejenigen, die für den Atomausstieg sind, sind beispielsweise gleichzeitig gegen die Erhöhung der Grimselstaumauer.» Er resümiert: «Man kann nicht das eine wollen, ohne das andere zu machen.»

Einen nicht überstürzten Weg aus der Atomenergie wünscht sich Urs Kessler: «Für mich stellt sich nicht die Frage, ob die AKWs abgestellt werden, sondern wann. Denn ich bin überzeugt, dass Atomkraftwerke für eine letzte Generation nötig sind, da die Umstellung von Atom- zu erneuerbarem Strom lange dauern wird und bis dahin günstiger Strom verfügbar sein muss.»

Erste Schritte getan

Die verschiedenen Positionen müssten aufeinander zugehen und den Dialog suchen, so Stefan Otz. So könne eine tourismus- und umweltschonende Lösung gefunden werden. Er selbst sieht diese in einem sanften Atomausstieg und nicht in einem sofortigen Abschalten. Die Tourismusorganisation Interlaken hat bereits einen Schritt getan und die Stromversorgung ihrer Büros auf Ökostrom umgestellt. «Das kostet zwar viel, ist aber auch viel wert», ist Stefan Otz überzeugt. Er sieht jedoch noch weiteres Potenzial: «Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas und gerade unsere Region ist gesegnet mit Möglichkeiten für Wasserkraftwerke», erklärt der TOI-Direktor und spricht sich dabei für den Ausbau bestehender Werke und nicht für Neubauten aus.

Windenergie sieht er in seiner Region weniger; eher könnte die Solarenergie noch eine Alternative bieten. «Doch auch hier sollen Anlagen auf bestehender Infrastruktur entstehen und nicht grosse Solarpanels aufgestellt werden», wünscht er sich. Bruno Kernen fragt sich, ob es denn genug Sonnenstunden gibt, aber auch Roger Seifritz sieht in der Solarenergie eine Chance, kann sich jedoch nicht vorstellen, dass Windkraftwerke in den Bergen Sinn machen. «Der Wind bläst nicht immer und die Energie müsste daher gespeichert werden. Und diese Pumpwerke wären durch ihren Stromverbrauch richtige CO2-Schleudern», erklärt er den Sinn oder Unsinn von Windkraftwerken in den Bergen. Da seien AKWs sauberer. Ein erster Schritt Richtung erneuerbare Energien sei im Saanenland mit dem Fernheizwerk getan. Doch: «Je mehr man auf solche Formen setzt, desto mehr Strom braucht man zum Betrieb der Werke.» Die Jungfraubahnen setzen auf ihr eigenes Wasserkraftwerk im Lütschental und haben dessen Leistung dank einer neuen Produktionsanlage soeben verdoppelt. «Theoretisch könnten wir unseren Eigenbedarf decken.

Im Sommer produzieren wir sogar 50 Prozent mehr Strom, als wir selber verbrauchen», erklärt Urs Kessler. Doch wegen der Unterproduktion im Winter kann der Bedarf nicht gedeckt werden. «Die Atomenergie kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht kompensiert werden», resümiert er und gibt ein weiteres Beispiel: «Wir produzieren mit einer Solaranlage auf dem Jungfraujoch Strom, der bis zu fünf Haushalte im Jahr speisen könnte. Doch im Winter kann kaum etwas produziert werden.» Eine konstante Stromproduktion sei nicht möglich.

Ohne AKWs keinen Tourismus mehr??Das verneinen alle vier Touristiker. Doch es werde sich einiges ändern. «Es wird eine Stromlücke geben», erklärt Urs Kessler. «Die Politik muss nun der Bevölkerung rasch reinen Wein einschenken. Aber in einem Wahljahr machen das manche Politiker nicht», sagt Roger Seifritz und spricht Klartext: «Erneuerbare Energien benötigen einen Eingriff in die Natur und führen zu einer Preisveränderung.» Der Tourismus sei wegen den Bedürfnissen der Gäste auf billigen Strom angewiesen und die Wettbewerbsfähigkeit werde durch teureren Strom noch mehr geschmälert. «Die Bergbahnen beispielsweise haben einen sehr hohen Stromverbrauch», erklärt er (siehe Kasten). Der Konsum könne nicht einfach so eingeschränkt werden.

Hotelier Bruno Kernen ergänzt: «Erhöhen sich die Strompreise, können in der Schweiz gewisse Angebote, welche unsere Konkurrenten in den Nachbarländern anbieten, nur noch reduziert oder gar nicht mehr angeboten werden.» Es werde mit ungleichen Ellen gemessen. Er steht daher nach wie vor hinter seinen Ausführungen vom Januar. Aber: «Sobald wir eine entsprechende Alternative gefunden haben, bin ich der erste, der mithilft, aus dem Atomstrom auszusteigen.» Doch es wäre nicht möglich, einfach die AKWs abzustellen und wie bisher weiterzuleben. «Es müssen alle bereit sein, Strom nicht mehr zu verschwenden. Damit kann ein kleiner Teil herausgeholt werden», ist Bruno Kernen überzeugt. Es brauche daher einen gesamtheitlichen, schrittweisen Ausstieg. Laut Kernen werde dies aber erst geschehen, wenn einem das Messer an den Hals gehalten werde. «Ich bin überzeugt, dass es mit dem Strom genau so geht wie mit den Autos. Wenn man erkennt, dass das Benzin knapp und teurer wird, dann sucht man nach einer Alternative.» Doch auch da sieht er einen Teufelskreis: «Die alternativen Elektroautos verbrauchen wiederum Strom...»

Problem nur verlagert

«Was nützt es, wenn wir aus dem Atomstrom aussteigen, jedoch Frankreich wie bis anhin weitermacht?», fragt Roger Seifritz. «Wenn dort etwas passiert, trifft es uns genau so. Das Problem wird demnach nur verlagert.» Er wird darin von Bruno Kernen bestätigt: «Es ist blauäugig, hier die Atomwerke abzustellen, während Nachbarländer sie laufen lassen.» Es sei aber ganz klar, dass die Atomkraft Gefahren berge und diese seien ihnen durch Fukushima deutlich aufgezeigt worden. «Die Situation bedingt nun, dass sich die Betreiber der AKWs weiterentwickeln und die Sicherheitsfrage neu gestellt wird», ergänzt Urs Kessler.

Doch man könne eben nicht «z Füfi u z Weggli» haben, so Otz und Kernen. Deshalb müsse jetzt etwas gehen – und zwar so rasch als möglich. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 23.06.2011, 16:51 Uhr

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1 Kommentar

bossert walter

24.06.2011, 07:36 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Das war ja zu befürchten, nun werden erst mal viele Arbeitsplätze hinterfragt, statt neue zu schaffen!Alle die sich dem voreiligen Triumpf hingaben, werden ein paar Stufen zurückschalten müssen.Ohne viel Geld geht auch nichts, also wird es am Schluss doch wieder die bösen bürgerlichen brauchen um eine seriöse Aenderung zu realisieren. Antworten



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