«All diese Eindrücke waren wie ein Schock»

InterlakenUnter Narkose von der Drogenabhängigkeit befreit? Ein 34-jähriger Oberländer hat sich der Behandlung am Spital Interlaken vor einem Jahr unterzogen – und führt seither ein neues Leben.

Ein 34-jähriger Oberländer hat den Entzug am Spital Interlaken vor einem Jahr durchgemacht - und ist seither clean.

Ein 34-jähriger Oberländer hat den Entzug am Spital Interlaken vor einem Jahr durchgemacht - und ist seither clean. Bild: Fritz Lehmann

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Eigentlich habe er nicht an den Erfolg geglaubt. Zu unrealistisch klang, was da versprochen wurde. Zu tief war andererseits die Enttäuschung nach etlichen herkömmlichen Entzugsversuchen, die allesamt gescheitert waren. Doch dann kam es zu dieser Begegnung mit Dr. André Waismann, dem Drogenentzugspionier, diesem Arzt aus Israel, der alles so anders machen wollte als seine Kollegen und der zu wissen schien, was in einem Drogenabhängigen vor sich geht, wenn er sein Suchtmittel plötzlich absetzt. Dieses Gespräch habe ihn schliesslich überzeugt, erinnert sich der heute 34-jährige Oberländer, der aus Rücksicht auf seine private und berufliche Situation anonym bleiben möchte, zurück.

Herzlich und verständnisvoll

Schon vorher hatte er viel von der ANR-Methode Dr. Waismanns gehört, sich vornehmlich im Internet darüber informiert, was da nun auch am fmi-Spital Interlaken praktiziert wurde: eine Regulierung der Opiatrezeptoren unter Narkose. Über Dr. Daniel Beutler, der für die Vorabklärung sowie die spitalexterne Nachbetreuung zuständig ist, wurde der Kontakt hergestellt, und vor einem Jahr fand dann auch die Behandlung statt.

Der 34-Jährige, der seit acht Jahren unter einer Methadonabhängigkeit litt, gehörte zur zweiten Patientengruppe, die in Interlaken behandelt wurde. Die akribische Vorbereitung auf eine Behandlungsmethode, die im Oberländer Krankenhaus vollkommen neu war und sonst nirgendwo in der Schweiz angeboten wird, beschreibt er so: «Es wurden unzählige Fragen von den behandelnden Ärzten gestellt. Alles war sehr professionell, sehr verständnisvoll und herzlich», lobt er alle Beteiligten.

Am Tag der Behandlung sei es dann wie bei jedem anderen Eingriff im Spital gewesen. Doch als er aus der Narkose erwachte und die Erschöpfung nachliess, wurde er von seinen Gefühlen überwältigt. «Plötzlich spürst du die Sonne wieder, den Wind, siehst die Menschen um dich herum. All diese Eindrücke waren wie ein Schock.»

Denn in den acht Jahren zuvor hatte das Methadon die Welt um ihn herum ausgeblendet, wie die Gefühle und die Probleme: angefangen mit dem Drogentod seines besten Freundes und dem Ausbildungsstress als Einstieg in die Suchtspirale über Stress und Überarbeitung im Job, was schliesslich zu einem Zusammenbruch und zur Einsicht führte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.

Start im geschützten Raum

All das war plötzlich wieder voll in seinem Bewusstsein, und er erkannte auch, was er alles im Zusammenleben mit seiner Frau und den beiden Kindern, die er kaum wahrgenommen hatte, in den letzten Jahren verpasst hatte. 4 Monate brauchte der junge Mann, um mit alten und neuen Problemen zurechtzukommen. Die ersten Wochen nach der Behandlung hatte er zu Hause «in einem geschützten Raum» verbracht, um mit sich selber und der Umwelt wieder klarzukommen. «Körperlich war ich deutlich schneller fit als geistig.»

Heute, rund ein Jahr nach der Behandlung, geht es ihm gut, sagt er. Er steht wieder voll im Berufsleben und hat etliche Kilos abgespeckt. Um den Alltagsstress zu kompensieren, macht er viel Sport, anstatt wie früher zum Methadon zu greifen. Rückfällig, so wie nach früheren Entzugsversuchen, ist er nicht geworden.

Dass er es geschafft hat, von seinem Suchtmittel loszukommen, verdanke er zu einem grossen Teil der ANR-Methode, meint der 34-Jährige und nennt zwei entscheidende Unterschiede dieser Behandlung zu herkömmlichen Entzugsmethoden. Zum einen den «krassen Gegensatz» in der Wahrnehmung der Umwelt, den man nach der Behandlung im Vergleich zum Dämmerzustand davor erlebt. «Man hat den direkten Vergleich, wie es mit und ohne Drogen ist. Das merkt man sonst nicht so direkt, da es lange dauert, bis die Wahrnehmung wieder klar ist.»

Kein Substanzverlangen

Und dann sei da das völlige Ausbleiben des Craving-Gefühls, wie das Substanzverlangen, das im Zentrum der Sucht steht, in der Fachsprache genannt wird. «Es kommt sehr schnell der Moment, in dem man denkt: Eigentlich sollte ich jetzt wieder Drogen nehmen. Aber halt – ich brauche ja gar nichts! Dadurch, dass man nicht gegen sein Verlangen ankämpfen muss, hat man genügend Kraft, um mit den anderen Problemen fertigzuwerden. Der Entzug ist die eine Sache, wie man danach wieder ins Leben findet, eine ganz andere.»

Und genau daran scheiterten üblicherweise die Entzugsversuche, meint der junge Mann. Er hat es geschafft, dank der ANR-Methode, die für ihn eine «sehr, sehr gute Hilfe» ist und die er dringend weiterempfiehlt. Aber auch mit dieser Unterstützung müsse der Wille da sein, sich den Herausforderungen und Widrigkeiten des Lebens zu stellen. (Berner Oberländer)

(Erstellt: 27.05.2014, 12:14 Uhr)

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