Spiez

Alarm auf vier Pfoten

SpiezSandra Ryser ist zuckerkrank. Doch seit die 29-jährige Spiezerin einen Hund hat, ist ihr Leiden nur noch halb so schlimm: Xuxa, wie ihr Vierbeiner heisst, ist einer der ersten Diabetiker-Warnhunde der Schweiz.

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«Bring Messgerät!» Sandra Ryser schaut Xuxa eindringlich an. «Bring Messgerät!» Der junge Golden Retriever steht auf, geht zielstrebig ins Nachbarzimmer – und kommt mit einem dunklen Etui zwischen den Zähnen zurück. «Brav, Xuxa, brav.» Sandra Ryser streicht dem Tier lobend übers Fell. Dann entnimmt sie dem Etui das Messgerät, pikst sich in den Finger, bis ein Tropfen Blut herausquillt. Als sie den Wert abliest, atmet sie erleichtert auf. «Alles in Ordnung.»

Die Bestimmung der Zuckerkonzentration im Blut ist für Diabetiker wie Sandra Ryser überlebenswichtig und deshalb stete Pflicht: Ist der Zuckeranteil im Blut zu hoch, drohen langfristig Schäden an Herz, Augen und anderen lebenswichtigen Organen; ist er zu tief, fallen die Patienten ins Koma und können sogar sterben. Sandra Ryser kennt diese Gratwanderung seit vielen leidvollen Jahren. Ende 1990er-Jahre wurde bei ihr Diabetes festgestellt – als Sekundärerkrankung einer erblich bedingten zystischen Fibrose. Um den Blutzuckerspiegel im Lot zu halten, musste sie sich anfänglich selber Insulin spritzen. Heute gibt eine Pumpe das Hormon ab, das die Blutzuckerkonzentration reguliert.

Angst war ihr ständiger Begleiter

Dennoch kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Situationen, in denen die Diabetikerin in eine Unterzuckerung geriet. Dieser gefährliche Zustand, von Medizinern Hypoglykämie genannt, kann entstehen, wenn der Patient zu viel Insulin abbekommt oder aber mehr Energie verbraucht hat als normalerweise üblich – sei es durch Stress oder Sport.

Sandra Ryser erinnert sich an einige solcher Blackouts. Als sie zum Beispiel einmal nach einem derartigen Aussetzer wieder bei Sinnen war, sass sie plötzlich in der Küche auf einem Stuhl. «Das hat mir schon sehr Angst gemacht.» Dazu muss man wissen: Ist ein Diabetiker unterzuckert, braucht er dringend etwas Süsses wie Traubenzucker oder ein Süssgetränk, um wieder auf die Beine zu kommen.

Obwohl Sandra Ryser von sich sagt, ihr Blutzucker sei eigentlich «recht gut» eingestellt, war die Angst ihr ständiger Begleiter. Denn die junge Primarlehrerin lebt noch allein. Was also, wenn sie wieder einmal ein Blackout hat – und niemand merkt es, weil niemand bei ihr ist?

Sie spitzte deshalb die Ohren, als sie erfuhr, dass es in der Schweiz ein Ausbildungszentrum für sogenannte Assistenzhunde gibt. Schliesslich hatte sie schon zuvor gelesen, dass in Deutschland bereits mit Erfolg Diabetiker-Warnhunde eingesetzt werden. Also meldete sie sich bei Sandra Lindenmann, der Leiterin des Assistenzhundezentrums im luzernischen Gunzwil, der ersten und einzigen Ausbildungsstätte in der Schweiz. Die Hundetrainerin, die bisher rund zehn Diabetiker-Warnhunde ausgebildet hat, beriet die Berner Oberländerin schon bei der Auswahl eines geeigneten Welpen.

Grundsätzlich kämen fast alle Rassen für eine Ausbildung infrage, erklärt Lindenmann. Die besten Erfahrungen mache sie aber mit Familienhunden wie Golden Retrievern. «So sind wir auf dich gekommen», sagt Sandra Ryser und krault ihrer Xuxa den Hals. Mittlerweile ist sie anderthalbjährig – und «diplomierter Diabetiker-Warnhund». Mit links war dies allerdings nicht zu schaffen, wie Sandra Ryser erzählt. Einmal pro Monat besuchte sie mit ihrem Schützling das Assistenzhundezentrum in Gunzwil. Dort wurden die einzelnen Ausbildungselemente geübt: Türen öffnen, Licht anschalten und dann natürlich die diabetesspezifischen Fähigkeiten. Für daheim gab es «Hausaufgaben» zu lösen – ganz ähnlich wie bei einem Fernstudium.

Noch nicht ausgelernt

Wie aber merkt ein Warnhund, dass sein Halter unterzuckert ist? Das Geheimnis ist noch nicht restlos gelüftet. Ausbildnerin Sandra Lindenmann und andere Fachleute vermuten, dass die Hunde eine Unterzuckerung daran erkennen, dass sie die chemische Zusammensetzung des Schweisses verändert und auch der Atem anders riecht. Aber auch das Verhalten kann sich ändern; viele Diabetiker werden unruhig, wenn ihr Blutzucker sinkt, und beginnen zu schwitzen und zu zittern.

Trotz erfolgreicher Ausbildung – davon zeugt ein entsprechend beschriftetes Hunde-«Gstältli» – hat das eingeschworene Duo noch nicht ausgelernt. Täglich üben die beiden zu Hause und auf ihren Spaziergängen weiter. Auch das Kabinettstückchen mit dem Apportieren des Messgeräts war nur eine Übung.

Wenn Sandra Ryser einmal wirklich in eine gefährliche Unterzuckerung gerät, wird Xuxa mit ihrem Bellen ihr Frauchen warnen – und gleich auch den rettenden Traubenzucker bringen. «Das ist aber bisher zum Glück noch nie nötig gewesen», sagt Sandra Ryser. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.11.2013, 06:23 Uhr

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Tiere als Therapeuten

Diabetiker-Warnhunde sind nicht die einzigen Tiere, die kranken oder behinderten Menschen zur Seite stehen.

Die wohl bekanntesten Helfer sind die Blindenführhunde, die Sehbehinderten und Blinden das Leben erleichtern. Ebenfalls bereits etabliert ist die Hippotherapie. Diese Form des therapeutischen Reitens hat sich besonders bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems, des Stütz- und Bewegungsapparats bewährt.

Ein bemerkenswertes Projekt läuft derzeit am Zentrum für Querschnittgelähmte und Hirnverletzte Rehab in Basel: Dort wurde diesen Sommer das Angebot an Therapien mit Tieren erweitert. Neben Hunden und Pferden werden neuerdings auch Esel, Zwergziegen, Schafe, Minischweine, Kaninchen, Hühner und andere domestizierte Tiere eingesetzt.

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