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100-jähriges Handwerk erhalten

Von Guido Lauper. Aktualisiert am 22.02.2012

Über 100 Jahre alt ist die dampfbetriebene Berglok HG 3/3 No. 1067. Alle zehn bis zwölf Jahre benötigt sie neue Siederohre. Bereitstellung und Einbau erfordern handwerkliches Können, das nach Nachwuchs ruft.

In der Feuerbüchse der Lokomotive walzt Martin Schwertfeger Siederohre ein.

In der Feuerbüchse der Lokomotive walzt Martin Schwertfeger Siederohre ein.
Bild: Guido Lauper

Neu entdeckter Dampfbetrieb

In der vom Führerstand zugänglichen Feuerbüchse entstehen beim Abbrand von Kohle bis 1000 Grad Hitze. Diese durchströmt die Siederohre und erzeugt im sie umgebenden Kesselwasser Dampf, der über Getriebe und Räder in Antriebsenergie umgewandelt wird.

So einfach das tönt, so kompliziert ist die Technik, die sich im Lauf des Dampfzeitalters immer weiter entwickelte. Und die in neuen, ölbetriebenen Konstruktionen eine Wiedergeburt erlebt, was gegenüber der klassischen Diesellok eine erhöhte Energienutzung ergibt.gls

«Den Bauch bringt jeder durchs Mannsloch, nur die Hüften dürfen nicht zu breit sein», sagt Martin Schwertfeger lachend, Betriebsleiter der Ballenberg-Dampfbahn und Allrounder zugleich. Dabei steigt er rückwärts in die Feuerbüchse der Dampflok 1067, die seit 1910 über den Brünig fährt. Drinnen beginnt er an der Rohrwand mit dem Einwalzen der 160 Siederohre, die er mit Freiwilligen vorbereitet hat. Die Vorbereitung der 270 Zentimeter langen Siederohre aus Spezialstahl gehören das Ausweiten und Bördeln auf der einen Seite und das Einlöten von Kupferstutzen.

Mehr als 40 Jahre Erfahrung

§Das ganze Prozedere erfordert viel Fingerspitzengefühl und Sachkenntnis, die sich der gelernte Konstruktionsschlosser in seinen über 40 Jahren Berufserfahrung bei der Brünig-, der Meiringen-Innertkirchen-Bahn und der Brienz-Rothorn-Bahn sowie bei der Kraftwerke Oberhasli AG (KWO) angeeignet hatte. Bei der KWO muss er sein Schweisserbrevet gemäss Kesselverordnung des Bundes alle zwei Jahre wiederholen. Genauso verhält es sich beim Lötausweis des eidgenössischen Kesselinspektorates in Wallisellen.

Die Kraft des Dampfes

Immerhin entsteht im Kessel um die Siederohre ein Dampfdruck von 14 bar, der einen ganzen Zug den Brünig hinaufschleppt. Nicht auszudenken, was eine Explosion anrichten könnte. Deshalb werden die Rohre nach dem Einbau auf Dichtigkeit überprüft und mit 18 bar «abgedrückt». Diese Prüfungen durch den Kesselinspektor muss selbstverständlich auch der Kessel selber über sich ergehen lassen, dessen Wände von 13 Millimetern Dicke nach 100 Jahren an den schwächsten Stellen erst um 3 Millimeter abgetragen wurden.

Vorbereitungen und Ersatz der 160 Siederohre verursachen laut Schwertfeger rund 180 Mannstunden, wobei beim Einbau zwei Leute nötig sind. An Kosten fallen rund 48'000 Franken an. Glücklicherweise müssen Lokführer und Heizer vorschriftsmässig 48 Stunden pro Jahr in der Werkstatt arbeiten, um ihrer Kenntnisse betreffs Dampfloks à jour zu halten. Nebst ihnen helfen der Angestellte Lars Dahinden, der Stift Adi Kehrli der Login-Werkstatt in Meiringen und mehrere Helfer aus.

Auf die Dauer keine Lösung

Ob sie Schwertfeger – der in zwei bis drei Jahren in Pension gehen will – dereinst ablösen, steht vorläufig in der Sternen. Der Chef selber ist zwar bereit, sein Wissen auch im Ruhestand weiterzugeben, doch auf die Dauer sei das für die BDB keine Lösung, sagt er.

Ende Februar soll die 1067 wieder fahrbereit sein. Martin Schwertfeger: «Eigentlich war damit eine Winterfahrt über den Brünig vorgesehen. Da wegen des Bahnhofumbaus Giswil die dortige Drehscheibe ausser Betrieb ist, sollten diese Fahrten auf der Innerschweizer Seite des Brünigs vom historischen Zahnrad-Gepäcktriebwagen Deh 4/6, Nr. 914 der ehemaligen Brünigbahn übernommen werden. Weil dieser infolge eines Motorschadens vorläufig ausfällt und wegen ausstehender Anmeldungen wurde die Fahrt abgesagt.»

Die Schwester muss warten

In ihre Bestandteile zerlegt, die nach der Demontage unmittelbar revidiert wurden, wartet die Schwesterlok der 1067, die 1926 gebaute 1068, auf die zweite Jungfernfahrt. Diese hatte nach ihrer Ausrangierung im Jahr 1965 von 1966 bis 2001 auf einem Sockel im Bahnhof Meiringen ein Denkmaldasein gefristet. Zuerst war die Wiederinbetriebnahme für dieses Jahr vorgesehen.

Die Lok aufbereiten

Nun müssen die Mechaniker zuerst Platz schaffen, indem sie die C 5/6, No. 2969 aus dem Jahr 1915, die grösste je in der Schweiz gebaute Dampflok, für die Eurovapor-Sektion Sulgen aufbereiten. «Im besten Fall, entsprechende Fachleute vorausgesetzt, fährt die 1068 in drei bis fünf Jahren wieder», sagt Martin Schwertfeger. (Berner Oberländer)

Erstellt: 22.02.2012, 09:24 Uhr

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