Kritik an der Pinguin-Strategie

SolothurnDie Kritik an der Linux-Strategie des Kantons wird immer lauter: Mitarbeiter beklagen sich auf einer eigens eingerichteten Website. Auch die kantonale Finanzkontrolle hat sich eingeschaltet und will Klarheit über die Kosten.

Carlo Schneider

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Eigentlich hätte der niedliche Pinguin die Herzen der Mitarbeiter der kantonalen Verwaltung im Sturm erobern sollen. Das Gegenteil ist eingetreten: Der Pinguin, Symbol des Computer-Betriebssystems Linux, tanzt vielen auf der Nase herum und raubt ihnen den letzten Nerv.

Seit einem Parlamentsbeschluss vom Dezember 2001 steht fest, dass der Kanton Solothurn das teure Windows-Betriebssystem von Microsoft durch Linux ersetzt, eine so genannte Open-Source-Software, die lizenzfrei betrieben werden kann. Lizenzgebühren in der Höhe von mehreren 100'000 Franken könnten dadurch eingespart werden, so die damalige Hoffnung.

Zwei Jahre Verspätung

Heute, acht Jahre später, sieht die Realität etwas anders aus. Zwar spricht das Amt für Informatik und Organisation (AIO) nach wie vor davon, seit der aktiven Umstellung im Jahr 2002 dank Linux jährlich über eine Million Franken einzusparen. Tatsache ist aber auch: Linux funktioniert nicht überall, das Projekt ist zwei Jahre im Verzug. AIO-Chef Kurt Bader hat mehrmals öffentlich gesagt, dass bis 2007 alle Computer beim Kanton auf Linux basieren würden. Bis heute haben aber längst nicht alle Ämter umgestellt. Auch die Umstellungskosten für das neue Betriebssystem sind hoch.

Beispiel Amt für Umwelt (AfU): Weil das AfU mit rund 30 verschiedenen Computeranwendungen arbeitet, die nicht für Linux konzipiert sind, wird die Umstellung zur echten Herausforderung. Um das Personal nicht zusätzlich zu belasten, wurde vor einem halben Jahr eine auf drei Jahre befristete 50-Prozent-Stelle geschaffen, damit die Umstellung auf Linux einigermassen reibungslos funktioniert. Kosten für das Zusatzpensum: rund 50'000 pro Jahr, total 150'000 Franken. AfU-Chef Martin Würsten räumt ein: «Dieses Stelleninserat hat auch intern für Diskussionen gesorgt.»

Teure Software

Damit aber nicht genug der Kosten. Weil die meisten AfU-Programme nicht linuxkompatibel sind, muss bestehende Software verändert und zusätzlich neue angeschafft werden. Das dürfte in den nächsten vier bis fünf Jahren Mehrkosten in der Höhe von mehreren 100'000 Franken zur Folge haben, wie Martin Würsten ausführt. Ein Teil dieser Kosten wäre jedoch auch fällig geworden, wenn das AfU auf ein moderneres Windows-System umgestellt hätte, betont Würsten. Heute basiert alles auf dem veralteten Betriebssystem Windows NT.

Klagen hört man auch zahlreiche Mitarbeiter der Gerichte: Die Justizsoftware Juris funktioniere auf dem alten Betriebssystem nicht mehr richtig, weil auf wichtige Updates verzichtet werde. Und das Nachfolgeprogramm Konsul, welches später einmal auf Linux laufen soll, sei noch nicht fertig programmiert. Ein effizientes Arbeiten sei schlicht nicht möglich.

Kritik im Netz

Diese und andere Vorwürfe an das AIO äussern die kantonalen Mitarbeiter seit einigen Monaten auf einer eigens eingerichteten Website (http://linuxwindows.npage.ch). Wer die Kommentare liest, kommt zum Schluss, dass der Unmut gross ist. Bis gestern waren im Gästebuch 43 Einträge registriert. Auch wenn einige Kommentare mit Vorsicht zu geniessen sind, ist der Tenor klar: Mit seiner Linux-Strategie, die angeblich zu so grossen Einsparungen führen soll, laufe der Kanton ins Abseits. Wer die Website betreibt, bleibt unklar. Klar ist, dass der Server in Deutschland steht.

Die Gerichtsverwaltung reagiert und will mit einem neuen Windows-XP-Server dafür sorgen, dass bis zur Umstellung auf Linux ohne Einschränkungen gearbeitet werden kann und die Datenübertragung aufs neue System gewährleistet ist. Gerichtsverwalter Roman Staub teilt die Kritik nicht: «Ich bin zufrieden mit Linux, das AIO leistet professionelle Arbeit.»

Finanzkontrolle wird aktiv

Vorbehalte gegenüber der Linux-Strategie haben nicht nur die Mitarbeiter der Verwaltung. Auch die kantonale Finanzkontrolle ist skeptisch und stuft Linux als mögliches finanzielles Risko ein. Zur Veranschaulichung: In dieselbe Kategorie gehören etwa die hohe Deckungslücke der Pensionskasse und die wirtschaftliche Entwicklung.

Deshalb hat sich die Finanzkontrolle nun eingeschaltet. «Wir haben das Linux-Projekt für 2009 erstmals in unser Revisionsprogramm aufgenommen», sagt Peter Hard, Chef der Finanzkontrolle. Das bedeutet: Das Kontrollorgan will wissen, welche Einsparungen bis jetzt erreicht wurden, welche Mehrkosten entstanden sind, wo die Umstellung geklappt hat und wo nicht. «Wir haben die Kritik natürlich mitbekommen und wollen mit der Revision dazu beitragen, dass Klarheit herrscht», so Hard. Der Bericht der Finanzkontrolle erscheint im Herbst.

Müller befürchtet Dilemma

Einer der schärfsten Kritiker der Linux-Strategie ist SVP-Kantonsrat Heinz Müller (Grenchen). Bereits 2006 hat er der Regierung in einer Interpellation kritische Fragen gestellt. Müller war damals überzeugt: «Da tickt eine Zeitbombe.» Dieser Meinung ist Müller, der auch in der kantonsrätlichen Finanzkommission immer kritische Fragen ans AIO stellt, immer noch: «Dem Kanton droht ein Dilemma.» Auf der einen Seite würden die alten Windows-Versionen nicht aktualisiert, auf der anderen Seite funktioniere Linux nicht reibungslos. Müller ärgert sich, dass das AIO die Kosten nicht offen lege. «Die reellen Zahlen sind eines der bestgehüteten Geheimnisse in der Verwaltung. Deshalb bin ich froh, wird die Finanzkontrolle jetzt aktiv.»

Zu Wort melden wird sich in nächster Zeit wohl auch der Solothurnische Staatspersonalverband. «Viele Mitglieder liessen ihren Frust über Linux bei uns ab», sagt Präsident Beat Käch. Der Verband sammle nun diese «massive Kritik» und gelange dann womöglich mit einem Vorstoss an den Regierungsrat.

AIO-Chef Kurt Bader kann die Kritik nicht nachvollziehen. Er ist der Meinung: «Linux funktioniert sehr gut.» (Berner Zeitung)

(Erstellt: 13.05.2009, 10:43 Uhr)

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