So führte Kneubühl die Polizei an der Nase herum
Von Tobias Ochsenbein. Aktualisiert am 08.09.2011 3 Kommentare
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Tag 1: Es ist Mittwoch der 8. September 2010. Am Nachmittag findet im Bieler Lindenquartier am Mon-Désir-Weg 9 der Besichtigungstermin im Haus von Peter Hans Kneubühl, das Ende Monat auf Geheiss eines Zivilgerichts versteigert werden soll, statt.
Rückblick: Nach dem Tod der Eltern entfachte zwischen Kneubühl und seiner Schwester ein Erbstreit. Er wollte das Elternhaus nicht verlassen, während sie es verkaufen wollte. Dieser Erbstreit verkommt zu einer jahrelangen Streiterei, bei der auch die Bieler Behörden invoviert sind. Dabei wird deutlich, wie sich Kneubühl zunehmend in die Ecke gedrängt fühlte.
Nachdem also im Vorfeld verschiedene Behörden erfolglos versucht hatten, mit dem 67-jährigen Mann in Kontakt zu treten, interveniert die Kantonspolizei Bern am Mittwochmorgen. Im Verlauf dieser polizeilichen Intervention verbarrikadiert sich der Mann.
Spezialisten der Polizei versuchen deshalb an diesem Mittwoch mehrmals mit dem Mann das Gespräch aufzunehmen. Weil diese Versuche erfolglos bleiben, evakuiert die Polizei präventiv mehrere Gebäude im Quartier und sperrt das Gebiet ab.
Im Laufe der Nacht eskaliert die Situation. Der Mann schiesst auf Einsatzkräfte. Ein Angehöriger der Kantonspolizei Bern wird dabei von einer Kugel getroffen und verletzt sich schwer. Die Polizei rückt nun mit einem Grossaufgebot ins Bieler Lindenquartier aus.
Polizei informiert die Öffentlichkeit
Tag 2: Am Donnerstagmorgen des 9. Septembers informiert die Polizei die Öffentlichkeit erstmals über ihren Einsatz im Bieler Lindenquartier vom Vortag sowie über die Schiesserei in der Nacht auf den 9. September. Am frühen Donnerstagnachmittag meldet die Polizei, dass der gesuchte mit grösster Wahrscheinlichkeit die Flucht ergriffen hat und sie den 67-jährigen Mann bisher nicht habe anhalten können. Der Gesundheitszustand des in der Nacht durch einen Schuss schwer verletzten Polizisten ist nach der Operation stabil. Die Suche nach dem Schützen läuft derweil auf Hochtouren.
Am Abend des zweiten Tages nennt die Kantonspolizei Bern Peter Hans Kneubühl erstmals beim Namen und veröffentlicht ein Bild von ihm aus den 1980er Jahren. Eine zweite, elektronisch bearbeitete Version des Bildes zeigt, wie Kneubühl heute aussehen könnte. Die Kantonspolizei hat laut eigenen Angaben umfangreiche Fahndungsmassnahmen ergriffen und bittet die Bevölkerung weiterhin um Mithilfe. Es sind nebst den Polizisten unter anderem Polizeihunde sowie ein Helikopter der Armee mit Wärmebildkamera im Einsatz. Zum Schutz der Bevölkerung hat die Kantonspolizei Bern ihre Präsenz in Biel und Umgebung erhöht.
Rückkehr und Erneute Schussabgabe
Tag 3: In der Nacht auf Freitag wird Peter Hans Kneubühl erneut im Bieler Lindenquartier gesichtet. Bei seinem nächtlichen Streifzug gibt er laut Angaben der Polizei erneut Schüsse ab. Verletzt wird niemand.
Die Polizei kommuniziert auch am dritten Tag, dass die Fahndung nach Peter Hans Kneubühl nach wie vor auf Hochtouren laufe. Trotz neuen Erkenntnissen und Hinweise aus der Bevölkerung tappt die Polizei über den Aufenthaltsort des Rentners weiterhin im Dunkeln. Nach Einschätzung der Polizei besteht für die Bevölkerung weiterhin keine unmittelbare Gefahr.
Unterstützung von Polizisten aus angrenzenden Kantonen
Tag 4: Mittlerweile ist der vierte Tag im Bieler Katz-und-Maus-Spiel angebrochen. Die Kantonspolizei Bern führt die Grossfahndung nach Peter Hans Kneubühl im Raum Biel unter Hochdruck weiter. Sie bittet dafür Einsatzkräfte aus anderen Kantonen und den Bund um Unterstützung.
Matthias Herter, Leiter der Verhandlungsgruppe der Kantonspolizei Bern, gibt gestützt auf die neusten Erkenntnisse der Polizei eine Einschätzung des Täters ab. Er geht davon aus, dass sich Peter Hans Kneubühl akribisch auf eine bewaffnete Auseinandersetzung mit der Polizei vorbereitet hat. „Er hat mit einer unglaublichen Perfektion sämtliche Eventualitäten seines letzten, bewaffneten Konflikts mit den Behörden geplant.“
Tag 5: Am Sonntag, 12. September, wendet sich ein Bekannter Kneubühls, der sich Bobi nennt, mit einem Appell an Peter Hans Kneubühl an die Polizei. Er hofft auf diese Weise mit Kneubühl in Kontakt treten zu können.
Endlich: die Polizei veröffentlicht die richtigen Fotos
Tag 6: Die neue Woche beginnt mit einer grossen Flugblatt-Aktion der Polizei. Sie hofft damit den Bekannten des flüchtigen Peter Hans Kneubühls unterstützen zu können. Unterdessen geht die gross angelegte Fahndung weiter. Umfassende Abklärungen werden unter anderem auch am Domizil des Schützen getätigt.
Die Polizei veröffentlicht zum Wochenbeginn zudem neue Fahndungsbilder, die Kneubühl offenbar in den Jahren 2000 und 2003 zeigen. Brisant: Sie unterscheiden sich stark von den Bildern, die in der Vorwoche veröffentlicht wurden. Verwirrend ist, dass der Schütze auf den neu veröffentlichten Bildern jünger aussieht als auf den erstveröffentlichten, die ihn in den 80er-Jahren Jahren zeigen sollen. Die Polizei teilt mit, dass sie die ersten Bilder von Angehörigen aus Frankreich erhalten habe. Die neusten konnte sie im Laufe der Ermittlungen selbst auftreiben.
Weiter informiert die Polizei am Montag, dass sie am Freitagabend im Bieler Lindenquartier einen Mann angehalten hat. Dieser habe sich zuvor äusserst verdächtig verhalten und ein Nachtsichtgerät auf sich getragen. Beim Mann habe es sich aber nicht um Peter Hans Kneubühl gehandelt.
Kundgebung für Kneubühl
Um 18 Uhr treffen sich in Biel rund zwanzig Menschen zu einer Unterstützungskundgebung für den 67-Jährigen. Sie seien schockiert über das massive Polizeiaufgebot, um einen Rentner dingfest zu machen. Sie begrüssten seine Taten zwar nicht, wollen aber ein Zeichen gegen das unverhältnismässige Polizeivorgehen setzen. Grundtenor unter den Sympathisanten: Der Mensch Kneubühl hätte statt Sondereinheiten vor seiner Türe vielmehr Hilfe gebraucht.
Tag 7: Der Dienstag beginnt, wie der Montag aufgehört hat: Ohne jegliche Suchergebnisse. Die Polizeifahndung nach Peter Hans Kneubühll geht in die nächste Runde.
Die Schulen im Lindenquartier bleiben auch am Dienstag geschlossen. 300 betroffene Primarschüler und 50 Kindergärteler haben erneut frei. Die Behörden wollen die Kinder in anderen Schulen unterbringen. Bis am Mittwoch sollen deshalb externe Lösungen gefunden werden. Einzig die Gymnasiasten vom Gymnasium Linde werden vorübergehend am Gymnasium Strandboden weiter unterrichtet.
Am Dienstagnachmittag präsentiert die Kantonspolizei an einer Medienkonferenz Fotos aus Kneubühls Haus sowie Waffen, die sie dort gefunden hat. Vom 67-jährigen fehlt unterdessen weiterhin jede Spur.
Mit falschem Bild gefahndet
Tag 8: Der Radiosender TSR deckt am Mittwoch auf, wie wenig letztlich über den Flüchtigen bekannt ist. Weder das bisher angenommene Alter noch die Aussagen zu seinem Ausbildungs- und Berufsweg sind gesichert. Zudem enthüllt die Zeitung «Blick», dass der Kantonspolizei Bern bei der Fahndung nach Kneubühl ein schwerwiegender Fehler unterlaufen ist: Das erste Fahndungsbild, das während fünf Tagen in den Medien zirkulierte, zeigt den Vater von Peter Hans Kneubühl. Die Jagd nach dem Flüchtigen verkommt immer mehr zur Farce.
Sondereinheit Tigris in Einsatz
Tag 9: Trotz gross angelegter Fahndungsaktion der Polizei im Berner Jura am Mittwoch ist Peter Hans Kneubühl am Donnerstag weiterhin flüchtig. An den Polizeiaktionen beteiligen sich mittlerweile offenbar auch Sondereinheiten des Bundes. Dabei handelt es sich um die Sondereinheit Tigris. Hinter dem Namen Tigris steht eine 14-köpfige Truppe, die in erster Linie Schutzaufträge und Zielfahndungen durchführt.
Gleichzeitig wird bekannt, dass die zwei Bekannten Kneubühls, die am Mittwoch von der Polizei angehalten und befragt wurden, noch am gleichen Tag wieder auf freien Fuss gesetzt worden sind.
Leben in Biel geht weiter
Wenn auch zum Teil eingeschränkt, geht das Leben in Biel indessen weiter. Der Bieler Stadtrat tagt am Abend unter Polizeischutz. Auch die Eröffnung des Festival du Film Français d'Helvétie (FFFH) ist nicht gefährdet und wird von Polizisten in zivil überwacht. Zudem wird bekannt, dass die Behörden von Kneubühls Wahn offenbar gewusst und wohl nicht angemessen darauf reagiert haben.
Das Lindenquartier ist nach wie vor eine Sperrzone. Trotzdem arrangieren sich die mehr oder weniger gut mit den besonderen Umständen.
Nun dehnt die Polizei das Suchgebiet nach Pieterlen aus. Sie tut dies, weil sie erfahren hat, dass im Altersheim in Pieterlen die Tante von Kneubühl lebt. Auch geht die Polizei weiter davon aus, dass Peter Hans Kneubühl noch lebt.
Die Erlösung nach zehn Tagen
Tag 10: Der Donnerstag beginnt mit einem Paukenschlag. Kurz nach 6 Uhr früh gelingt es der Polizei Peter Hans Kneubühl in der Nähe der Taubenlochschlucht zu fassen.
Kurz vor Mittag informiert die Polizei an einer Medienkonferenz und nimmt zur Verhaftung von Kneubühl Stellung. Ein Hund hat den Rentner gefasst. Am Nachmittag zeigt die Polizei den Journalisten die Stelle, wo Kneubühl am frühen Morgen gefasst worden war. Es handelt sich um eine Wiese im Gebiet Ried.
Die Verhaftung von Kneubühl scheint nicht nur am Bieler Mon-Désir-Weg mit Erleichterung aufgenommen zu werden. Auch Bevölkerung und Behörden zeigen sich über das Ende der Verfolgungsjagd äusserst erleichtert.
Haus für 405'000 Franken versteigert
Gut drei Monate nach der irren Verfolgungsjagd wird am 9. Dezember das Haus von Peter Hans Kneubühl für 405'000 Franken versteigert. Der Käufer heisst Albert Glaus und kommt aus Port. Der Mann zeigte sich vor den Medien hocherfreut über den Kauf des Objekts. Noch am selben Tag sagte er gegenüber den Medien, er wolle die neu erworbene Liegenschaft in Eigenarbeit umbauen. Das Haus soll im Sommer 2011 bezugsbereit sein.
In einem seiner Briefe aus dem Gefängnis äussert sich der Rentner Peter Hans Kneubühl zum neuen Besitzer seines Elternhauses in Biel. Dieser erinnere ihn an die Nazizeit, als Nachbarn Häuser der Juden billig kauften. «Ich rate dem Herrn, nie in meine Zelle zu kommen, sonst würde ich ihm auch ohne Waffe den Hals umdrehen.»
Zwei Untersuchungsberichte
Kneubühl sitzt zurzeit in Untersuchungshaft im Regionalgefängnis Biel und verweigert bis heute jegliche Aussagen zu seiner Flucht. Gegen den Rentner läuft eine Voruntersuchung wegen mehrfach versuchter vorsätzlicher Tötung und Gefährdung des Lebens. Zum Einsatz der Kantonspolizei Bern im Falle Kneubühl hatte Regierungsrat Hans-Jürg Käser eine externe Untersuchung angeordnet. Dieser Untersuchungsbericht ist der zweite im Fall Kneubühl. Bereits im Februar dieses Jahres waren zwei externe Experten zum Schluss gekommen, dass die verschiedenen Bieler Amtsstellen ihre Informationen über Kneubühl nicht optimal ausgetauscht haben.
Der Polizei-Einsatz sei glimpflich ausgegangen, betont Gutachter Hanspeter Uster im Bericht, der am 23. August erschienen ist und an einer Pressekonferenz vorgestellt wurde. Kneubühl habe lebend und nur leicht verletzt gefasst werden können, und auch bei den Einsatzkräften seien «keine bleibenden gesundheitlichen Nachteile» eingetreten, so Uster. Bei der Präsentation des Berichtes sind neben Uster auch Regierungsrat Hans-Jürg Käser und Stefan Blättler, Kommandant der Kantonspolizei Bern, zugegen.
Polizei machte mehrheitlich «sehr gute Arbeit»
Gutachter Uster attestiert aber der Kantonspolizei mehrheitlich seht gute Arbeit. Lediglich in zwei Bereichen wäre aber ein anderes Vorgehen angezeigt gewesen.
Zum einen hätte die Polizei vor dem Einsatz mehr Informationen über Kneubühl einholen können. Ein aktenkundiger Vorfall von 2001 hätte der Polizei zum Beispiel verdeutlicht, dass Kneubühl zu Gewalt gegen Behörden und Beamte fähig ist.
Zum anderen sei die Einsatzleitung viel zu lange davon ausgegangen, dass Kneubühl die Polizei dazu bringen wolle, ihn zu erschiessen (Suicide by Cop). Die Möglichkeit einer Flucht habe man gar nicht bedacht. Diesen Umstand konnte Kneubühl ausnutzen und das Weite suchen.
Grundsätzlich sieht Uster aber für die Kantonspolizei Bern keinen dringenden Handlungsbedarf. Die Hauptprobleme des Einsatzes - Informationsbeschaffung und Einsatzhypothese – seien von der Polizei bereits aufgearbeitet worden, stellt der Gutachter fest. Die notwendigen Massnahmen seien in die Wege geleitet worden.
Blättler informiert an der Pressekonferenz auch über den Gesundheitszustandes des angeschossenen Polizisten. Dieser ist auf dem Weg der Besserung und könne bereits wieder halbtags im Büro arbeiten. Bis zur vollständigen Genesung ist es laut Blättler aber noch ein langer Weg.
Strafuntersuchung nicht vor Ende Jahr abgeschlossen
Die Strafuntersuchung gegen den Bieler Rentner Peter Hans Kneubühl dürfte nicht vor Ende Jahr abgeschlossen sein, wie die Berner Staatsanwaltschaft Ende August mitteilt. Dies wegen den entsprechenden Fristen für Stellungnahmen, Beweisanträge und Ähnlichem.
Allerdings ist offen, ob der psychisch angeschlagene Mann überhaupt schuldfähig ist. Ein Gutachten attestiert Kneubühl zur Tatzeit nämlich eine wahnhafte Störung schweren Ausmasses.
Lesen Sie morgen: Wie der Fall Kneubühl Biel veränderte (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.09.2011, 06:15 Uhr
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