Ist Biels engmaschiges Sozialhilfe-Netz Kostentreiber?

BielDie Berner Kantonsregierung blickt besorgt nach Biel und lässt untersuchen, weshalb die Stadt die höchste Sozialhilfequote aufweist. Ein Grund könnte der Ausbau des Sozialwesens unter Pierre-Yves Moeschler sein.

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Biel gilt als das Armenhaus unter den Schweizer Städten. Seit Jahren weist es im nationalen Städtevergleich die höchste Sozialhilfequote auf. Weshalb dies so ist, weiss niemand. Von einer derzeit laufenden Analyse erhofft sich der Kanton Bern Antworten.

Im Ansatz hat eine Ecoplan-Studie bereits letzten Oktober Antworten geliefert. Dass Faktoren wie ein hoher Ausländeranteil, tiefe Wohnungsmieten, die Arbeitslosenquote, das Lohn- und das Bildungsniveau der Bevölkerung für einen Anstieg von Sozialhilfequote und -kosten verantwortlich sind, ist dabei wenig überraschend. Zwar halten die Verfasser der Studie fest, dass diese klassischen Einflussfaktoren in Biel überdurchschnittlich hoch sind. Damit allein lasse sich jedoch nicht erklären, weshalb die Stadt die höchste Sozialhilfequote ausweist.

Im engmaschigen Netz fallen weniger durch die Maschen

Möglicherweise ist der Schlüssel zur Antwort in einer weiteren Feststellung der Studienverfasser zu finden. Laut ihnen kann auch die Sozialbehörde zu den Kostentreibern gehören. Ein höherer Professionalisierungsgrad der Sozialhilfe führe tendenziell zu einer höheren Bezugsquote, halten die Studienverfasser fest. Kurz: Wo es viele Sozialarbeiter gibt, gibt es auch viele Sozialfälle, da das engmaschigere System mehr Fälle erfasst. Eine Aussage, die auf Biel zutrifft. Vor allem der SP-Sozialdirektor Pierre-Yves Moeschler baute das Sozialamt stetig aus.

Aber der Reihe nach. Im Kanton Bern setzte die Professionalisierung der Sozialhilfe im Jahr 2002 ein, als das neue kantonale Sozialhilfegesetz in Kraft trat. Dieses sieht unter anderem vor, dass eine Gemeinde pro 100 Sozialfällen eine Vollzeitstelle Sozialarbeit zugute hat. Von der professionelleren Beratung und Betreuung versprach man sich, allen voran der damalige SP-Gesundheitsdirektor Samuel Bhend, dass die Sozialhilfeempfänger schneller wieder Fuss fassen und auf eigenen Beinen stehen könnten.

Bis Ende 2004 wehte in Biel ein anderer Wind

Ein Credo, dem auch der mittlerweile pensionierte Bieler SP-Sozialdirektor Pierre-Yves Moeschler nachhing. Von 2005, als er die Sozialdirektion übernahm, bis zu seinem Abgang 2012 hat er die Zahl der Sozialarbeiterstellen von 22,4 auf heute 45,3 Vollzeitstellen mehr als verdoppelt. Heute sind dies 6,6 Stellen mehr als Biel bei den aktuell 3878 Fällen zustünden.

Moeschlers bürgerlicher Vorgänger Hubert Klopfenstein (FDP), der die Sozialdirektion bis Ende 2004 führte, setzte dagegen nur zögerlich neues Fachpersonal ein. Und dies, obwohl die Zahl der Sozialfälle auch damals stetig stieg. 2004 hätte Klopfenstein 26,4 Vollzeitstellen ausweisen können. Tatsächlich waren es 22,8. Statt mit mehr Fachpersonal auf die steigenden Fallzahlen zu reagieren, setzte Klopfenstein auf eine effizientere Betreuung. Jene 20 bis 30 Prozent der Klienten, die sich nicht mehr integrieren liessen, erhielten zwar finanzielle Unterstützung und Hilfestellung bei Problemen, auf die intensive sozialarbeiterische Betreuung wurde jedoch verzichtet.

Sozialarbeiter kämpfen – unter anderem für ihre Pfründen

Klopfensteins Sparbemühungen stiessen damals vor allem linken Kreisen sauer auf. Proteste erntete er 2000, als er den Sozialhilfeempfängern das Taschengeld strich. Allen voran kritisierten Sozialarbeiter dieses Vorgehen massiv. Aus Eigennutz, wie Klopfenstein damals konterte. Denn eine Kürzung der Beiträge schränke das Betätigungsfeldes der Sozialarbeit ein. Deshalb liege es im ureigenen Interesse der Sozialarbeiter, nicht an den Unterstützungsbeiträgen ihrer Klientel zu rütteln. «Hier geht es auch um die Existenzberechtigung einer Berufsgruppe.»

Sozialausgaben wuchsen überproportional

Die Entwicklung der Bieler Fallzahlen, Sozialstellen und -ausgaben legen den Schluss nahe, dass Klopfenstein mit seiner Einschätzung richtig lag. Denn trotz intensiver professioneller Betreuung wuchsen unter Moeschler nicht nur die Zahl der Sozialhilfeempfänger und die Bezugsdauer, sondern auch die Sozialausgaben. Allerdings nicht proportional: Von 2005 bis 2012 stieg in Biel die Zahl der Sozialhilfeempfänger um 16 Prozent und betrug Ende des letzten Jahres 6497 Personen. 2004 beliefen sich die Sozialhilfebeiträge noch auf 55,1 Millionen Franken. 2011 waren es 76,9 Millionen, was einer Zunahme von 28 Prozent entspricht.

Die detaillierte Rechnung für das Jahr 2012 liegt noch nicht vor. Die durchschnittliche Teuerung betrug im selben Zeitraum 5,2 Prozent.

Viele in Biel sind voll von der Sozialhilfe abhängig

Sozialamt-Chefin Beatrice Reusser erklärt die Mehrausgaben als Folge höherer Mietkosten und Gesundheitsausgaben. Auch Rentenkürzungen der Sozialversicherungen oder Verschärfungen bei der Arbeitslosenunterstützung hätten zu höheren Sozialausgaben geführt. Ob die Sozialausgaben steigen, ist laut Reusser vor allem abhängig von der Deckungsquote. Das heisst, wie stark jemand von der Sozialhilfe abhängig ist. Demnach ist in Biel die Zahl der Personen gestiegen, die zu 100 Prozent von der Sozialhilfe leben. Mit Abstand am teuersten sind in Biel übrigens auch die Fallkosten: Während die Städte Zürich und Bern 2011 dafür rund 15'000 Franken ausgeben, kostet ein Fall in Biel stolze 21000 Franken.

Reussers Erklärung, weshalb die Bieler Sozialausgaben gestiegen sind, greift zu kurz. Denn von Rentenkürzungen und Verschärfungen bei der Arbeitslosenunterstützung gelten schweizweit und nicht nur für Biel. Und die Mietzinse sind in Biel um einiges tiefer als in Zürich und Bern. Bleibt zu hoffen, dass der Bericht, den die Regierung zu Biel in Auftrag gegeben hat, nun Licht ins Dunkel bringt. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 29.05.2013, 08:32 Uhr)

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